Der kleine Tod

Alexander Wallasch13.02.2013Gesellschaft & Kultur

Setzt jetzt eine Demokratisierung der Kirche ein? Hoffentlich nicht. Nach dem kleinen Tod des Papstes wäre es eine noch größere Entwertung.

Geht es Ihnen auch so? Die Nachricht vom Rücktritt des Papstes hatte etwas von einem kleinen Tod. So klangen die ersten Meldungen der Weltpresse allesamt wie Nachrufe.

Wahrscheinlich wird der eine oder andere Schreiberling in der Not journalistischer Geschwindigkeit aus einem bereits vorgefertigten Nachruf – das macht man wohl so in den großen Redaktionen bei großen greisen Persönlichkeiten – zitiert haben. Mindestens jedoch aus jenen Stellen, die sich mit der Lebensleistung und der Vita des Papstes befassen.

Für deutsche Katholiken mag das sogar noch einmal ein doppelter kleiner Tod gewesen sein, verlieren sie doch ihren Ober-Hirten aus den eignen Reihen. Aber wie geht es nun den Atheisten unter uns dabei?

Ein untoter Papst gewissermaßen

Die Ersten, so wie Thomas Schmid – oder glaubt der noch oder wieder?, egal – in der „Welt“, plagen sich ja schon mit dieser Lady-Di-Gefühligkeit. Diese kurzweilige Metamorphose hin zu einer gemeinsamen Erschütterlichkeit. Diese stumme Großereignis-Weinerlichkeit, die immer bald von einer größeren Ernüchterung eingeholt wird.

Aber in Sachen Papst wäre das wohl Ernüchterung 2.0. Denn auch deutsche Atheisten waren ja Papst. Dafür hat die atheistische „Bild“-Zeitung kurzerhand gesorgt, als sie verkündete „Wir sind Papst“.

Nun sind wir es nicht mehr. Katholiken wie Andersgläubige und Nichtgläubige. Schauen wir also mal, was wir alle gemeinsam verloren haben, wenn unser Papst irgendwo in den päpstlichen Gärten im Nichts verschwindet.

Ein Untoter jetzt gewissermaßen. Sein realer Tod – irgendwann – wird dann ebenfalls doppelte Erlösung sein. Für ihn persönlich, wie für jeden gläubigen Christen, aber auch Erlösung von einem Sonderfall, wie er bisher in der Kirchengeschichte nicht denkbar war, wenn wir mal diesen aus den Nebeln des 13. Jahrhunderts bisher völlig unbekannten Ersttäter-Papst vernachlässigen.

Sie werden mir den folgenden düsteren Vergleich bitte nachsehen. Aber ich hatte nun mal ganz kurz diese einsame Schwarz-Weiß-Fotografie von Rudolf Hess im Kopf. Diese heimliche Aufnahme von oben über die Schulter hinweg mit schwerem Mantel im Garten im Spandauer Knast der Alliierten.

Der unaussprechliche Nazi-Gangster heimlich wohl von seinen Wärtern fotografiert. Das personifizierte Böse also abgelichtet von Spandau-Paparazzi. Der personifizierte Gute soll nun also auch zu so einem Untoten mutieren. Freiwillig! Und so wird Benedikt XVI. durch seine schiere Existenz etwas fundamental durcheinanderbringen.

Wie illegitim ist nun der Neue dem Alten gegenüber?

Und um schnell von diesem unmöglichen Hess-Vergleich wegzukommen: Vielleicht taugt der Untote Fidel Castro sowieso viel besser als Schicksalsgenosse des Stellvertreters. Wobei, der Kubaner taucht ja immerhin ab und an noch auf, seinen Alterungsprozess unmissverständlich mitteilend.

Der Papst wird wohl nie mehr freiwillig zu sehen sein. Davon ist auszugehen. Jeder öffentliche Auftritt wäre in Zukunft für zu viele ein echter Affront gegenüber seinem oder sogar seinen Nachfolgern. Also des Nachfolgers des Nachfolgers – ach Sie wissen schon. So etwas passierte früher übrigens nur gedoppelten Thronfolgern. Da wurde halt einer für immer weggesperrt. Legitim und illegitim – je nachdem, welchen Verlauf die Geschichte für den Benachteiligten parat hielt.

Wie illegitim ist nun der Neue dem Alten gegenüber? Nach Kirchenrecht ist wohl alles in Butter. Aber wie sehen das die Gläubigen? Werden sie dasselbe Verständnis haben? Verständnis und Zuneigung für den Neuen? Und was wäre, wenn dem Neuen – Gott behüte – etwas Unvorhergesehenes zustoßen würde? Wäre der alte dann zunächst automatisch wieder der erste Papst? So lange, bis Nachfolger Numero zwei durch weißen Rauch bestätigt wäre?

Der Vatikan wird, da kann man sicher sein, für all diese Fragen eine absolute Sprachregelung finden, dafür sind Tausende gut ausgebildete Theologen zur Stelle.

Aber zurück zu der Frage, was der Rücktritt des Papstes nun mit den Atheisten und Andersgläubigen zu tun hat. Zunächst einmal gar nichts. Denn wer keine positive emotionale Haltung zum Christentum hat, der hat auch keine zum Stellvertreter auf Erden. Der hat allenfalls, so er denn ein nachdenklicher Mensch ist, eine Haltung zur Welt; Wünsche und Hoffnungen.

Für Andersgläubige oder Atheisten ein wichtiger Anker

Hoffnung ist ja kein Privileg der Christenheit. Deren Hoffnung reicht aber noch über die Schwelle der weltlichen Existenz hinaus. Nun gut. Nun scheinen aber auch manche Atheisten angesichts des Papstrücktritts so etwas wie Verlust zu empfinden, wenn man die atheistische Presse korrekt interpretiert. Das weist doch auf einen interessanten Aspekt hin, der nun in der Lage ist, Glauben und Unglauben zu einen: Sprechen wir mal über Werte.

Werte haben ausnahmslos einen konservativen Charakter. So modern man sie auch verpacken will. Werte müssen erstritten werden, sie müssen wachsen und bekommen so in ihrem Kern etwas Unveränderbares. Eine vorübergehende Befindlichkeit ist ja selten wertvoll. Wagen wir also mal die These, dass auch die Werte des anderen, quasi als „Gegenwert“, Bildhauer der eigenen Werte sind.

So gesehen, ist der traditionelle Katholizismus auch für Andersgläubige oder Atheisten ein immens wichtiger Anker. Nicht von ungefähr sind ja auch die größten Kritiker der Kirche ehemalige Kirchenleute, vielfach mit einem tiefsitzenden Kinderglauben ausgestattet. Wenn auch mit einem, den sie in seiner Unauslöschbarkeit irgendwann als große Last empfanden.

Brauchen Abgefallene, Atheisten und Andersgläubige also geradezu eine starke traditionelle katholische Kirche? Einfach, um sich daran aufzurichten bzw. sogar auszurichten? Wäre eine Demokratisierung der katholischen Kirche dann also ein weiterer kleiner Tod, nur einer an Vielfalt und an Pluralität, die so wichtig sind für miteinander ringende, für miteinander konkurrierende Werte?

Umso mehr Kontur, umso mehr Ecken und Kanten so ein vollständig erhalten gebliebenes Wertegebäude hat, umso mehr behält es eben auch das Potenzial, den „Gegenwert“ zu stärken. Der Wert an sich wird erst zum Wert, wenn er mit (s)einem Gegenwert aufgewogen wird?

Die „Entweltlichung“ Benedikts XVI. ist also – so falsch das zunächst klingen mag – für viele nicht katholische Wertvorstellungen hilfreich. Der Asiat würde jetzt lächeln und sagen: Kenn ich doch! Das ist dieses Yin-Yang-Prinzip. Also die Idee von der Koexistenz der Gegensätze. Von Wert und Gegenwert. Also klar, wir brauchen Gegensätze, wenn wir Werte leben, wenn wir Werte modernisieren wollen. Das liegt wohl in unserer Natur.

Der Rücktritt des Papstes sei eine Demokratisierung katholischer Wertvorstellungen “behauptet Alexander Görlach”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5863-ruecktritt-von-benedikt-xvi. Und damit – wollen wir der These hier folgen: automatisch eine Gefahr für ihren Gegenwert. Das ist, zu dem Schluss werden die Katholiken ebenfalls kommen, wenn der erste Schock verflogen ist, eine noch größere Entwertung, als sie sie im Moment der Trauer bereits spüren.

Eine Demontage klarer Position

Wir erleben also nach Görlach die Geburt einer demokratisierten Religion. Aber womöglich ist genau das eine weitere Demontage des Edlen, des Schönen, des miteinander Streitenden, des aneinander Wachsenden. Eine Demontage klarer Position und vor allem auch: klarer Gegenposition!

Oder, um es mit den Worten eines Joseph Ratzingers – gesprochen kurz vor der Verwandlung zu Benedikt XVI. – zu sagen:

bq. „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft mit dem Etikett des Fundamentalismus belegt; während der Relativismus, also das Sich-treiben-Lassen von jedem Widerstreit der Meinungen, als die einzige Haltung erscheint, die auf der Höhe der heutigen Zeit ist.

bq. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt. Wir hingegen haben einen anderen Maßstab: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus.“

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