Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg. Marcus Tullius Cicero

Die Knarre bleibt geladen

Seit 25 Jahren ist Matthias Matussek nun beim Spiegel. Unser Kolumnist und Fan verbeugt sich – mit der Knarre des Freundes am Kopf bleibt ihm auch keine andere Wahl.

Mensch, was’n nun wieder los? Kann dieser Mann nicht einmal sein Jubiläum mit dem gebotenen Anstand über die Bühne bringen? Denn dieser jüngste Matussek-Vlog anlässlich seiner 25-jährigen Zugehörigkeit zum „Spiegel“

Crazy Männergruppen aus New York

Ok, zunächst sei attestiert: Frisch sieht er ja aus, der Alte. Mensch, geradezu jungbrunnig. Wie rausgeputzt zu seiner Jubelfeier. Vielleicht hängt Matze ja auch schon an der Botox-Spritze. Aber gut, diese Hamburger Promikiste geht mich nichts an. Jedenfalls kramt der wie auch immer verjüngte Matussek in seinem Goldenen-Prometheus-ausgezeichneten Vlog ausgerechnet als Brüderle (!) – Himmel, geht’s nicht ein mal ohne Provokation ins Tagespolitische? – in seinen Erinnerungen. Er sinniert über irgendeine crazy Männergruppe aus New York und eine im Urwald am Amazonas, behauptet frech Übergriffe auf ihn von Frauen in Rio, und provoziert mit der Ansage, er führe seit 25 Jahren ein ominöses Kirchenressort im „Spiegel“.

Also jetzt mal ehrlich, wer von den wenigen Kollegen, die es noch gut mit ihm meinen und sich vorgenommen hatten, irgendwas Rührendes über das beachtliche Jubiläum des guten Mannes zu schreiben, fühlte sich nach diesem Achteinhalbminüter noch imstande dazu? Mann, ist das wunderbar ironisch. Und zum Brechen komisch. Dabei erwähnt Matussek keine einzige seiner hunderten, zum Teil preisgekrönten Reportagen. Kein einziges seiner fast zwei Dutzend Bücher: Weshalb ich es hier wohl nachholen muss, auch wenn das lang werden könnte. Gehen Sie also bitte noch kurz wohin, dann werden Sie nachher nicht zappelig.

Beginnen wir mal in den ersten „Spiegel“-Jahren. Der „Spiegel“ führt ein Online-Archiv. Geben Sie „Matussek“ ins Suchfeld ein. Ergebnis: sage und schreibe 97 Seiten mit je 5 bis 10 echten Matussek-Artikeln. Bis man bei den Älteren angekommen ist, surft man sich in Fünfer-Schritten die Finger wund und landet bei denen, die im legendären Berliner Palasthotel entstanden sind.

Sie müssen sich das nun einmal vorstellen, da sitzt so ein junger „Spiegel“-Frischling im DDR-Palasthotel und berichtet monatelang über den Untergang des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates. Und während er die Tasten seiner Schreibmaschine malträtiert und Artikel für Artikel hineinhämmert, denkt der Nachtportier des Hotels diesen Journalisten bereits mitten hinein in einen Roman, den er irgendwann schreiben wird. Die Beobachtung des Beobachters. Der Journalist ist Matthias Matussek. Für seine im Hotel entstandenen Artikel wurde er später mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Zusätzlich arbeitete er dort noch an seinem späteren Bestseller „Palasthotel oder Wie die Einheit über Deutschland hereinbrach“.

Der investigative Portier war Thomas Brussig, der dann ebenfalls einen Bestseller ablieferte. Im Nachwort schreibt Matussek über ihn: „Er muss bereits damals das Material abgespeichert haben für einen Roman, den er später schreiben sollte und in dem er diesen Hamburger Reporter treffend skizziert.“ Und wer sich nur ein bisschen auskennt mit der menschlichen Psyche, der ahnt schon das Initial, das den zweiten Bestseller aus der Wiege gehoben hat. So schreibt Brussig auch im Vorwort einer späteren Ausgabe von Matusseks „Palasthotel“: „Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. [Seine] Reportagen sind geradezu einschüchternd gut.“

Schreiben als „einzige Session“

Das Palasthotel wurde 2001 abgerissen. Es gibt davon auf Wikipedia ein wundervolles Skelettfoto mit Abrissbaggern. Irgendwo da oben in dieser offenen Betonwunde hatte Matussek also für den „Spiegel“ seine ersten fetten Nuggets nach Hamburg geholt. Und als die DDR untergegangen war, schickte der „Spiegel“ ihn hinaus in die Welt. New York, London, Rio, Hamburg – „Ich habe mich reingebaggert!“, formuliert Matussek, wenn er erklärt, wie er sich immer wieder neuen Themen annäherte. Matussek gehört wohl zu jenen Literaten, die sich ausschreiben können bis zur Erschöpfung. Irgendwann in der Jetzt-Zeit, beim x-ten Glas Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt, plauderte er ein bisschen aus dem Nähkästchen und erklärte mir, so glaube ich mich jedenfalls zu erinnern, sein Geheimnis damit, dass man, wenn man schon die Waffe auf jemanden richtet, auch in der Lage sein sollte, abzudrücken.

Nach „Palasthotel“ setzte sich Matussek mit seinem Bestseller „Die vaterlose Gesellschaft“ für Männer ein, und als er aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehrt, hat er seinen Landsleuten fröhlichen Patriotismus eingebimst mit dem anderen Besteller „Wir Deutschen – Warum die anderen uns gern haben können“, ein Essay-Reigen von Heine bis Fußball, vom Emigrantenkreis in New York bis zum China-Club in Berlin. Er schreibt aus Parlamenten und aus dem Regenwald, vom Putsch in Ecuador genauso schräg und originell wie von seiner Begegnung mit Clint Eastwood oder dem Wahlkampf von Bill Clinton.

25 Jahre „Spiegel“, da klopft man dem Pförtner des Hauses kurz anerkennend auf die Schulter, einem Journalisten gegenüber muss die große Geste angebracht sein. Zum Henker ja: eine Verneigung.

Wurde über die Jahre eine Routine erkennbar? Nein, seine Tintenknarre ist immer noch gut geölt und entsichert. Die aktuellen Sachen zieht er noch viel lässiger aus dem Halfter. Geradezu leichtfüßig, wie zum Beispiel jüngst diese wunderschöne Hermann-Hesse-Titelstory oder das Gebrüder-Grimm-Jubiläum.

25 Jahre, das ist Silberhochzeit. Matussek und der „Spiegel“. Ein gemeinsamer Alterungsprozess. Erinnerungen zuhauf. Matussek hat beispielsweise viele seiner frühen Texte beim „Spiegel“ noch auf Schreibmaschine geschrieben. Für ihn – und jetzt zitiere ich verbotenerweise aus einer privaten E-Mail – war Schreiben damals eine „einzige Session“. Und weiter: „[…] der erste, auf den ich wirklich stolz war, war Edith Clever als ‚Penthesilea‘ mit Syberberg. Den hab ich auf Schreibmaschine geschrieben, und mich aus Faulheit kein einziges Mal vertippt (weil ich es sonst noch mal hätte abtippen müssen). Ja, man schrieb damals wohl konzentrierter. Jeder Satz fiel durchformuliert und endgültig aufs Papier. Eine einzige Session. War wie ein Trip.“

Ein Trip, der sich – exemplarisch für die Intensität vieler seiner Artikel – liest, wie eine Mischung aus Reportage und Essay. Aus Anschauungs- und Denkstück. Aus Anteilnahme und Distanz. Grenzenlose Begeisterung für die Fiebersprache Kleists: „Die Hunde hetzet, die Elephanten peitschet auf ihn los.“

Eigenwillig gedrehter Zopf aus Biografie und Reportage

Aber wie belohnt man sich nun für so eine glänzende Arbeit? Was ist das Matussek’sche Belohnsystem? Die Flasche Wein danach, die man sich immer so gut beim Witze erzählenden Karasek vorstellen möchte? Vielleicht ist das die größte Kunst, von diesem Schreibtrip, aus dieser „Session“ wieder einigermaßen souverän heimzukommen. Zurückzukehren in dieses ominöse „Hier und Jetzt“. Matussek muss sie kennen, diese tiefen Täler zwischen Fantasiewanderung und alltäglicher Gegenwart. Aber er ist sich und dem „Spiegel“ treu geblieben. In den drei Jahren, in denen er Kulturchef war, war – wie die „taz“ schrieb – Rock’n’Roll im Laden. Manchen im Haus war das zu viel Rock’n’Roll. Na ja, Hierarchien sind wohl nicht sein Ding. Seitdem rockt er wieder als Autor. Aber das ist doch gut für die Leser, gut für die Literatur. Denn als Funktionsträger wäre sein letzter, wunderschöner Familien- und Wunderroman, die „Apokalypse nach Richard“ sicher auch ungeschrieben geblieben. So what?

Zum zwanzigsten Dienst-Jubiläum erzählte er dem „Tagesspiegel“: „[A]m meisten habe ich von mir selber verlangt. Ich war oft ungeduldig, aber ich begeistere mich auch sehr. […] Ich bin seit über 20 Jahren dabei. […] Ich kann hundert verschiedene Leben führen: Nachts mit Perus gescheitertem Präsidenten Fujimori im Palast reden oder bei Premier Blair in Downing 10 sitzen.“

Nun sind fünf weitere „Spiegel“-Jahre dazugekommen. Matussek scheißt auch weiterhin auf seine Weise auf Regeln. Ja doch, auch auf journalistische. Bei ihm ist es immer wieder dieser ganz eigenwillig gedrehte Zopf aus Biografie und Reportage, aus Geschehen und Kommentar, und diesem Sinn für Komik. Man nennt das alles dann wohl „Stil“. Und dieser Stil ist Resultat, wenn man mit dem geschärften Blick des Theaterkritikers auf die Inszenierungen des Lebens schaut. Ständig auf der Suche nach Erregung. Nichts, über das er schreibt, lässt ihn kalt. „Sonst hätte es keinen Sinn“, sagt er selbst. Er sei einer derjenigen beim „Spiegel“, schrieb die „Zürcher Weltwoche“ über seinen letzten Roman „Die Apokalypse nach Richard“, die man an ihrem Stil erkenne.

Und auch klar, die Religion muss erwähnt werden: Matussek und die Religion. Der Katholizismus. Sein Verein. Sie seufzen? Andere seufzten auch. Wohl Belastungsprobe für beide Seiten, den „Spiegel“ und für ihn selbst auch. Aber auch das ist ihm in seinem Vlog eine Pointe wert. Und die hat zweifellos den Charakter einer Liebeserklärung an seinen zweiten Verein, wenn er in Richtung „Spiegel“ flunkert, dass er nun „ein Kirchen-Ressort aufbauen“ dürfe.

Tatsächlich sind seine Vlogs mittlerweile Kunstform und sein persönliches, kabarettistisches Überdruckventil. Und so auch auf eine Weise untrennbar verbunden mit seiner literarischen Arbeit. Die Spielereien und Albereien in seinem Vlog brauche er. „Andere machen ihre Kolumnen“, sagt er, „ich mache es in Bildern.“

Also Matthias Matussek, kommen wir schnell noch zum förmlichen Teil: Schön, dass es Sie gibt beim „Spiegel“. Schön für uns. Und schön für den „Spiegel“. Und nun gib Gas und schreib einfach weiter. Und mach Deine Vlogs wie andere ihr Yoga. Nur tu Dir und uns ein Gefallen: Lass die Sache mit dem Botox. Du bist ein echter Pfundskerl. Und Falten machen Männer bekanntlich nur noch schöner. Aber das ist ja schon wieder ein anderes heikles Thema.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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