Feigheit vor dem Feind zählt nicht. Peter Tauber

Cuckold India

Die 70 Jahre alte Christa Ritter aus dem Harem von 68er Rainer Langhans bloggt. Ein skurriles Live-Tagebuch von der gemeinsamen Reise durch Indien.

Ausnahmsweise möchte ich mal auf einen Blog hinweisen, der mir vor ein paar Tagen empfohlen wurde und den zu lesen viel Spaß macht. Vielleicht auch Ihnen.

Entfernt hat die Sache etwas mit dem Dschungelcamp zu tun – nur besser. Entfernt hat die Sache etwas mit einer kuriosen Selbstbetrachtung zu tun – nur besser. Und entfernt hat die Sache auch etwas rührend Melancholisches, etwas sympathisch Unperfektes. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe alter Menschen. Das darf man so sagen, denn jenseits der 60 oder gar 70 ist ein Mensch nun mal alt an Jahren.

Blog aus dem Harem

Der Blog, der mir empfohlen wurde, und der so viel Freude macht, heißt merah.de (die Umkehrung von Harem) und der gehört Christa Ritter, die im Dezember 70 Jahre alt geworden ist. Diese Christa war mir bisher hauptsächlich bekannt als eine der Damen rund um Rainer Langhans, die sich selbst „Der Harem“ nennen. Und wer viel liest, der stolpert unweigerlich irgendwann mal über eine dieser merkwürdigen Geschichten über diesen quirligen Hühnerstall mit ihrem prominenten weißen Hahn.

Die V.I.P.-Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty sind ebenfalls Teil der seltsamen Dauerselbsterfahrungstruppe. Aufmerksam wurde ich auf die Gruppe über meinen Verlag Blumenbar, wo auch Langhans und die Zwillinge veröffentlicht hatten. Und über eine Dschungelgruppe in Facebook, als ich noch facebookte. Mit Rainer Langhans führte ich ein paar Interviews und einige längere Telefonate, die mir in guter Erinnerung geblieben sind: Langhans spricht lang. Wallasch hört lang zu. Das schafften bisher die wenigsten.

Christa schreibt also quasi im Tagebuch-Live-Modus über Rainer und die anderen Damen. Und über eine gemeinsame Reise nach Indien. Das ist zunächst in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen, weil Indien schon in der Jugend der illustren Reiseteilnehmer zum Sehnsuchtsort wurde. Und zum anderen, weil Teile der politisch desillusionierten 68er in den 1970er-Jahren aus der bundesdeutschen Realität in die Opium- und kiffgeschwängerten Monsun-Breitengrade flüchteten.

Christa und Rainer setzten bei der deutschen Piratenpartei bis 2012 noch mal alles auf eine Karte. Aber was sie dort erhofften, traf wohl nicht ein: Jedenfalls möchte man nun nach dem politischen Reload auch die Flucht nach Indien noch einmal reloaden. Natürlich beides in der Cuckold-Light-Version. Alles wiederholt sich auf wundersame Weise. Die Enttäuschung macht sogar schon einem ersten Bashing Platz: „Wir Westler verkörpern die individualisierte Form, die Inder eine möglicherweise fortgeschrittene Schwarm-Intelligenz (fortgeschrittener als bei den Piraten, meinte Rainer).“

Altersgebrechen und Gezeter. Gejammer und Geheule

Wunderbar. Und wunderbar zu lesen, was uns Christa, die übrigens auch tolle Bilder von der Reise mit in den Blog stellt, da so alles reflektiert und aufschreibt.

Altersgebrechen und Gezeter. Gejammer und Geheule. Jetzt will man also mal über die Grenzen Münchens, über die Grenzen der eigenen Beschränktheit hinaus gehen, wie Christa schon in den ersten Zeilen frohlockt: „Mich beschäftigt die Herausforderung, die ich suche, das Dschungelcamp unter uns und meine Suche nach Nähe zu mir, zu meinem Inneren.“

Irgendwie sind da auch noch befreundete Inder mit im Boot, die man in Delhi treffen will. Die Ankunft. Der Flug war lang: „Tauche gerade aus meinem Jetlag und einer fiesen Erkältung im (gefühlt) saukalten Delhi auf. Kopfschmerzen, die Augen brennen.“

Und Rainer hat wohl sein Ladegerät für Handy oder Computer in seiner kargen Münchner Wohnung vergessen. Christa gibt ihm zunächst ihres, will es aber später doch wieder zurück. Das macht Rainer sauer. Und Rainer, so glaubt zumindest Christa, denkt, dass Jutta das Leih-Ladegerät, wäre es nur ihres gewesen, sicher nicht zurückverlangt hätte, usw. – ach Gott, es ist so herrlich.

Da streiten die Alten wie die ganz Jungen. Sogar Eifersucht kommt ins Spiel! Denn der Ober-Rainer macht nach der Nummer mit Christas Ladekabel mit Jutta eine Solonummer auf dem Dach. Nein, nicht das Rein-Rausspiel, sondern Meditation. Und das ist in der Truppe seit 30 Jahren so etwas wie Sexersatz. Hirn-Tantra. Also ist die trockengelegte Christa, die Rainer das Ladegerät wieder wegnehmen wollte, richtig sauer.

Egozentrisches Hin und Her

Und man fragt sich, meditiert Rainer nur mit Jutta, weil Christa nicht gefügig war mit dem Elektroteil?

„Ich wollte also meinen Adapter zurück und das in einem ziemlich zickigen Ton. Warum eigentlich so unfreundlich? Niente verantwortlich. Nicht nur dieser Ton kam bei Rainer nicht gut an, er sah darin auch eine Art Vertragsbruch. Zu Recht. Egozentrisches Hin und Her, festhalten, Kontrolle und sich dann blöd stellen … alles, was so typisch für mich wäre, wogegen Jutta nachgiebig und großzügig sei. Es ist wahr: Jutta gibt immer ab und das gern, bewegt sich schnell, bleibt nirgendwo stehen.“

Es ist köstlich: Schon im ersten Blogeintrag – noch vor der Reise geschrieben! – bashed Christa ihre Haremskollegin Jutta: „… wenn Jutta lernt, sich ernst zu nehmen. Sie ist ein eineiiger Zwilling!“

Da geht also ein „Münchner Kopfproblem“ mit auf Indienreise und soll dort am Ganges explodieren. Und Christa reflektiert und hadert und zaudert und trommelt: „Jutta will Brigitte und mich in einem Anfall von Selbstverlust, Zweifel und Eifersucht am liebsten so schnell wie möglich loswerden. Fliegt zurück, es ist meine Reise, meine Suche … das Leben ist so furchtbar schwer und alle anderen schuld und böse, schreit die Negativität.“

Da kann man ja nur hoffen, dass Christa einfach immer weiter schreibt. Auch über die Stutenbissigkeit – denn das Palavern und Krakeelen ist ja das allerschönste rauchige Gewürz dieser Reiseerzählung. Satzweise erinnert das sogar an die großen Reiseerzähler des 19. Jahrhunderts und ihre doch viel mehr materialistischen Entbehrungen. Christa ist begeistert wie ein Kind: Aber auch so traurig, wie es wohl alle Alten auf der Welt sein können, wenn schon der Morgen graut, aber die Party des Lebens gerade so satt und kräftig glüht und doch bitte schön einfach immer nur weiterlaufen soll:

Das ist bunt. Das ist prall

„Dann fuhren wir durch Fußgänger, spielende Kinder, Babys auf den Armen ihrer Mütter, Ochsenkarren, Hunde (viele!), Taxis, LKWs (oft in die Höhe mit Warenballen überladen), Fahrrädern, Motorräder, Fahrradrikschas, Busse, von rechts nach links einbiegend, überquerend, rückwärts als Geisterfahrer, dazwischen Bettler, die uns ihre Hände entgegenstreckten, Schulkinder in ihren Uniformen, die uns anlachten oder neugierig entdeckten, zwei Polizisten sprangen plötzlich auf den Schoß unseres Fahrers (so mitzufahren ist verboten!), im Sprung checkte der eine, dass dort auf der Gangschaltung schon jemand von uns saß, er drehte sich schnell geschickt zur Seite und landete grimmig zurück auf der Straße. (…) Das ist dieser Affengott. Und tatsächlich tummelten sich am Tempel ganze Affenfamilien. Jutta und ich pinselten uns gegenseitig Hanuman’s oranges Zeichen zwischen unsere Zornfalten. Um uns studierten Gläubige die Schriften, andere machten ein Picknick oder umrundeten den mit Graffiti bemalten Tempel. Am späten Nachmittag verteilten wir uns in zwei Boote und ließen die Ghats vom Ganges aus auf uns wirken.“

Das ist bunt. Das ist prall. Also mal sehen, was da Christa, Rainer und die anderen noch erleben und mal schauen, was Christa alles noch bereit ist, mit uns zu teilen. Ich werde das jedenfalls gerne weiterlesen. Lesen Sie doch einfach mit.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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