Facebooke Dich nicht – lebe!

von Alexander Wallasch27.01.2013Medien

Was macht das eigentlich mit uns Menschen, dass wir inzwischen soziale Online-Wesen geworden sind?

Das kennt jeder: Ein Termin rückt näher und mit ihm setzt neben der Frage, was man da anzieht und mitbringt, eine intensivere Beschäftigung mit den Menschen ein, auf die man da voraussichtlich treffen wird.

Familienfeier, Party oder zwanglose Treffen mit Freunden: Im Geiste geht man sie einzeln durch, rekapituliert vergangene Begegnungen, erstellt möglicherweise ein Ranking, eine Beliebtheitsskala und spielt dieses oder jenes eventuell zu erwartende Szenario durch. Ja doch, das gilt nicht nur für Bewerbungsgespräche, das passiert mehr oder weniger unbewusst auch im Privaten und gehört nicht exklusiv Psychopathen.

Der Mensch ist nun mal zuallererst ein soziales Wesen. Und als solches sortiert er und bewegt sich in Gedanken von der Gegenwart ins Gestern bis hinüber in die nahe Zukunft. Oder wie Charles Darwin befand: „I am a firm believer that without speculation there is no good and original observation.“ Wer spekuliert, ist an etwas Neuem interessiert.

Ein Paralleluniversum, eine Form dauerhafter sozialer Überwachung

Neugierde ist das Stichwort. Eine Neugierde, die so stark sein muss, dass sie Berührungsängste und Schutzreflexe überwindet und potenziell bereit ist, Vertrauen aufzubauen. Grunderkenntisse der Verhaltensforschung.

Wir machen uns also lieber erst auf den Weg, wenn wir eine Abwägung getroffen haben, die mindestens die Chance in Aussicht stellt, wieder heil aus der Sache herauszukommen. Persönlich mit Menschen zusammenzutreffen, bleibt also ein zwar kniffliger, aber doch routinierter Moment, ein abgewogener Moment. Ein Moment der Sehnsucht sogar, auf den wir uns – abhängig auch vom Grad persönlicher Reife und Erfahrung – mehr oder weniger innerlich vorbereiten. Und mal von den üblichen Woody-Allen-Neurosen abgesehen, liegen die Vorteile dieses Tuns auf der Hand.

Jetzt passiert allerdings mit derselben Person, die wir gerade im Ankleidezimmer vor einer Party beobachtet haben, etwas Erstaunliches. Noch im Hemd und ohne Hose oder Rock scheint ein drängender Gedanke dazwischengekommen zu sein, der den oder die Probandin an seinen Computer oder sein Smartphone ruft. Und dort läuft tatsächlich bereits eine 24/7-Party mit Hunderten von Freunden. Ein Paralleluniversum. Eine Form dauerhafter sozialer Überwachung mit einer – wie amerikanische Wissenschaftler untersucht haben wollen – Freunde-Anzahl von idealerweise 302 Personen (alles, was deutlich darunter oder darüber liegt, wird aus verschiedenen Gründen als unattraktiv empfunden).

Also ein Kontakt mit einer großen Zahl von Menschen, denen man sich zuwendet, mit denen man mehr oder weniger in dauerhaftem Kontakt steht, denen man aber unmöglich mit den herkömmlichen Mustern zwischenmenschlicher Interaktion begegnen kann. Sind hier Verhaltensweisen in einer Weise verändert worden, die alles auf den Kopf stellen, was bisher üblich, was mehr oder weniger im Menschen selbst verankert war?

Heißt „Willkommen bei Facebook“ „Auf Wiedersehen Charles Darwin“? „Tschüss Konrad Lorenz“ und „Doswidanja Iwan Petrowitsch Pawlow“?

Facebook-Sucht?

Wie weit verändert Facebook tatsächlich das soziale Verhalten? Die New Yorker Soziologin Prof. Sherry Turkle warnt in ihrem Buch „Alone Together“ sogar vor menschlichen Beziehungen im Online-Netzwerk. Sie ist sich sicher, dass neue Technologien das menschliche Innenleben verändern und unsere psychischen Strukturen umprägen: „Die unerbittliche Verbundenheit führt zu einer neuen Einsamkeit“, zu einer „emotionalen Entwurzelung“.

Andere sehen das allerdings deutlich positiver. Sicher bleibt, alle Aussagen zu Facebook, ob nun positiv oder negativ, sind mit Vorsicht zu genießen, bedenkt man den intensiven Suchtfaktor der Angelegenheit. Forscher der Universität Maryland untersuchten das Verhalten einer Gruppe von Studenten, die einen Tag lang ohne elektronische Medien auskommen mussten. Ergebnis: Vor allem der fehlende Kontakt zu Facebook führte bei vielen zu schlechter Laune und Missstimmungen. Das Erstaunliche: Dieses Gefühl setzte sich sogar im öffentlichen Raum unter Menschen fort, mit denen man durchaus hätte ins Gespräch kommen können.

Abhängigkeitsphänomene werden beschrieben als die „Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren und eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen oder Aktivitäten. Es kommt dabei zu einer Toleranzerhöhung und manchmal zu einem körperlichen Entzugssyndrom“
(wikipedia.de).

Jetzt werden die allermeisten Facebook-User sicherlich grinsen und mit dem Kopf schütteln. Aber dabei gilt zu bedenken, dass Facebook, so denn die Interaktivität auf der Plattform tatsächlich Suchtcharakter haben sollte, eine Sucht wäre, die man im Vergleich mit den meisten Süchten am umfangreichsten befriedigen kann. Einen tatsächlichen Entzug an sich selber festzustellen ist also kaum möglich: Selbst wenn man vom Anbieter gesperrt werden würde, ist eine Neuanmeldung unter anderen Vorzeichen jederzeit möglich.

Erstaunliche neurologische Prägungen in unserem Gehirn

Die Hirnforscherin Baroness Greenfield warnt explizit vor Facebook. Die intensive Teilnahme könne die Persönlichkeit der Anwender verändern. Und zwar nicht etwa zum Besseren hin, wie der Alt-Kommunarde Rainer Langhans meint, der in Facebook sogar etwas zu erkennen glaubt, das die 68er damals begonnen und vorgemacht haben. Nein, Greenfield erklärt im Gespräch mit dem Magazin „Stern“: „Es ist fast so, als wären diese Menschen in einer Identitätskrise. Es hält das Gehirn gewissermaßen in einer Zeitschleife. Menschen scheinen nicht mehr in der realen Welt zu leben, sondern in einer Welt, wo nur zählt, was andere Menschen über einen denken und ob sie etwas anklicken können. Man muss die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft bedenken, wenn Menschen sich mehr Gedanken darüber machen, was andere über sie denken, als was sie von sich selbst halten.“

Noch prägnanter hat dies Nicholas Carr in seinem internationalen Bestseller mit dem sperrigen Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin …: und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert“ zusammengefasst. Für den IT-Experten „bewirkt bereits eine Onlinestunde am Tag erstaunliche neurologische Prägungen in unserem Gehirn“.

Und wer von denen, die regelmäßig auf Facebook unterwegs sind, oder noch besser: dort nicht unterwegs sind, aber regelmäßig mit Leuten zusammenkommt, die neuerdings auf Facebook sind, will das ernsthaft bezweifeln?

Soziale Kontakte auf analoger Ebene sind missverständlicher geworden. Reduzierte Verhaltensweisen, überhöhte Geschwindigkeiten, die Jagd nach Anerkennung; nach „Likes“, die auf Facebook zu Standard-Verhaltensweisen geworden sind, haben im analogen Leben kaum eine Bedeutung. Im Gegenteil, alles erscheint auf einmal viel komplizierter und unaufgeräumter.

Streitereien können nicht einfach mit einem Klick beendet, Menschen nicht einfach entfreundet und wieder angefreundet werden. Aber auch Freundschaften werden im Analogen nicht einfach über eine Ja/Nein-Abfrage beantragt, sondern müssen wie eh und je verdient, erarbeitet und über wachsendes Vertrauen vertieft werden. Wie kompliziert!

Der Praxis-Test mit passionierten Facebookern zeigt obendrein einen erstaunlichen Verlust an rationalem Denken. Likes werden als realistische Beurteilung des Gelikten missinterpretiert. Noch mehr natürlich fehlende Likes oder Kommentare. Sozialer Druck entsteht. Da wird dann schon mal ein vielbeachteter „Freund“ diskret angeschrieben, ob er nicht dieses oder jenes „liken“ und/oder kommentieren könnte, um einen Anstoß für andere zu geben oder gleich mal das Foto, das Posting, die Stellungnahme zu irgendeiner anderen Stellungnahme oder den gerade entdeckten Internet-Link auf der Seite dieses oder jenes Freundes zur Vermehrung des eigenen Standings zu posten. Danke dir. Oder: I like!

Und jetzt viel Spaß bei der Party

Die gelikte Bewertung der eigenen Person durch die Facebook-Gemeinde tröstet immer mehr über fehlende Akzeptanz im normalen Leben hinweg. Das wiederum verringert das Bedürfnis, überhaupt etwas im normalen Leben zum Positiven hin verändern zu wollen, solange auf Facebook nur alles positiv verläuft.

Singles bleiben länger Singles, Arbeitslose arbeitslos usw. Wirklich unangenehm werden diese stolz vorgezeigten Lobhudeleien von Menschen, die andere über deren Lobhudeleien abgesetzt haben. Und auch ist klar: loben und liken ist schmerzfreier als mal auf den Tisch zu hauen. Allein, weil es kein Dislike gibt. Disliken braucht mehr als einen Klick. Ein Dislike muss man in Worte fassen. Es sei denn, es gäbe einen Konsens über ein Dislike! Also liked man stattdessen eben das Posting von jemanden, der den Mut aufgebracht hat, „Nein“ zu was auch immer zu sagen. Also Ja zum Nein.

Über die einschneidenden sicherheitsrelevanten Faktoren auf Facebook möge sich jeder selbst ein Bild machen. Die Fakten liegen ja längst auf dem Tisch. Sogar auf dem Desktop. Und jetzt viel Spaß bei der Party. Schön, dass Sie das Wagnis eingegangen sind und die Einladung zurück ins analoge Leben angenommen haben. Bis gleich – vielleicht bleiben Sie ja sogar länger als Ihr Smartphone für das Posten von fünf Fotos auf Facebook braucht. Wunder geschehen.

Und immer dran denken, auch wenn das Gehirn eine erstaunlich lange Kerbe hat, sollte man es deshalb noch lange nicht wie einen Arsch behandeln.

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