Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Heiner Geißler

Django unfuckingbelievable

Django Unchained ist das Ende des weißen Mannes, des Welt-Invasors, des Sklavenhalters. Politisch korrekt und mit Popcorn. Trotzdem ansehen!

Mahmoud Abdul-Rauf ist ein überragender Spieler der NBA. Seine Körbe sind „unbelievable“. Noch mehr, da Abdul-Rauf seine genialen Spielzüge immer irgendwie um ein ausgeprägtes Tourette-Syndrom herum organisieren muss. Wenn es zu schlimm wird, nimmt ihn der Trainer schon mal vom Platz. Ungeachtet dessen wurde Abdul-Rauf zur Legende. Ein absoluter Ausnahmesportler.

Warum mir ausgerechnet Abdul-Rauf einfiel, als ich im bis auf die vordersten Plätze vollbesetzten Großraumkino mit einem Eimer Popcorn auf dem Schoß, eingeklemmt zwischen meiner Frau und einem dicken unbekannten Biertrinker, Quentin Tarantinos „Django Unchained“ schaue – keine Ahnung. Das muss wohl an dieser einen unbelievable albernen Szene – KKK-Cowboys streiten unterm Vollmond über die Qualität der Löcher in ihren Bettlakenmützen – gelegen haben, die so bizarr schlecht war, die so lächerlich aus dem blutroten Rahmen fiel, dass ich sie mir für den Moment nur mit einem Tourette-Syndrom des Regisseurs erklären konnte.

Ungefähre Menge an Blutverlust: ein Dutzend Badewannen

Die Handlung von „Django Unchained“ ist schnell erzählt: Befreiter Sklave wird – unterstützt von einem deutschstämmigen Zahnarzt, der eigentlich Kopfgeldjäger ist – auf der Suche nach seiner versklavten Frau zum Rächer, zum Django eben. Auf der Strecke bleibt eine ordentliche Anzahl an abschäumigen weißen Sklavenhaltern. Ungefähre Menge an Blutverlust: ein Dutzend Badewannen voll.

Und was für ein Film, was für ein scharfer Cocktail an Einfällen und Zitaten aus der Welt der B-Movies! Direkt rausgepresst aus diesem Tarantino-Knoxville-Tennessee-Kindheitstrauma-Dschungel. Und da springt man dann als gepflegter deutscher Zuschauer zwischen Bully Herbigs „Schuh des Manitu“ (besagte Mützen-Szene), den Tarantino sicher nie gesehen hat, Tarantinos Blutorgien „Kill Bill“ I u. II und dieser Sammlung von Winnetou-Filmchen mit Lex Barker und Pierre Brice, von denen man sicher ausgehen kann, dass sie der Regisseur ebenfalls nicht gesehen hat, hin und her.

Django und Dr. Schultz. Old Shatterhand und sein Blutsbruder. Nur dass Winnetou hier ein schwarzer und kein roter Bruder, also ein farbiger Spartakus, ist. Ein Baumwollplantagen-Sklave, dem während seiner erstaunlichen Metamorphose zum Rächer gewissermaßen als sinnstiftender Obi-Wan Kenobi oder wahlweise depperter Sam Hawkins Christoph Waltz als deutschstämmiger Western-Zahnarzt Schultz mit zur Seite gestellt wurde.

Ihnen raucht schon beim Lesen der Kopf? Seien Sie froh, dass er Ihnen nicht platzt. Denn Tarantino wird Ihnen in diversen Szenen dieses Films beweisen, dass so etwas echt eklig aussieht.

Ein neuer Tarantino also! Und natürlich haben da vor Filmstart die großen Feuilletons viel Begeisterung gezeigt und viel Schlaues über den Film geschrieben. Allen voran übrigens mal wieder die „Frankfurter Allgemeine“ und „Sonntagszeitung“. Ja doch, diese Verena Lueken schreibt unfuckingbelievable gut und macht in diesem neuesten Tarantino-Zelluloid unfuckingbelievable tolle Entdeckungen. Nach „Pulp Fiction“ ist der Wilde mit dem zerknautschten Gesicht, nach seinen „Kill Bill“-Serie usw. umwegsfrei in den Olymp der „Untouchables“ aufgestiegen.

Und den Göttern, die dort zu Hause sind, wird auch in Deutschland mit ganzseitigen Berichten gehuldigt. Ja, da muss man dankbar sein, dass diese ganze Cineasten-Spezialisten-Riege so genau Bescheid weiß und noch das kleinste Zitat sicher entschlüsselt und triumphierend hochhält, als hätte uns Tarantino mit seinem Reaload eines Spaghetti-Westerns – der ja eigentlich ein Cheeseburger-Western ist: Fleisch bitte maximal blutig und den ganzen ollen Käse drüber schön verlaufen lassen – ein ziemlich kniffliges Comic-Bildchen-Sudoku hingeworfen und keinen hinreißend blutrünstigen Action-Schocker.

Und während sich also bei uns deutschphobische Berliner Schreiberboys wie Georg Diez noch über die politisch korrekte Neuübersetzung der Grimms Märchen streiten und Augstein und Broder sich – haha, nein, diese Rassismus-Debatte lassen wir jetzt mal links liegen – geht Tarantino dem US-amerikanischen Südstaaten Rassismus brachial an die Roots, schreibt kurzerhand die Geschichte der Sklaverei um und erfindet einen Spartakus der Baumwollfelder. Brillant gespielt von Jamie Foxx als „Django“. Wäre der Film einfach nur ein Song, dann würde er sicher an diese aufgemotzten Techno-Versionen alter 70er-Jahre-Musikklassiker erinnern, die heute in angesagten Diskotheken so brutal ins Ohr gehen, weil sie so hemmungslos Modernität mit Nostalgie zusammenbraten.

Und weil das nun alles so göttlich ist mit dem Tarantino, ist der Kinosaal natürlich auch angefüllt von Menschen, die im Paralleluniversum vergangener B-Movie-Raucher-Schmuddelkkinos um jeden Italowestern und Eastern einen großen Bogen gemacht haben oder hätten wie um Plattenläden mit Modern-Talking-Tonträgern.

Nicht das Thema des Films, die Anziehungskraft des Namens „Tarantino“ hat hier gesiegt. Sein deutsches Pendant, also quasi der Peter Kraus zum Elvis Presley, ist ja dieser Fatih Akin, das Altona-Ex-Jugendgang-Mitglied, zu dessen Vorbildern Bruce Lee gehört, da er, so der türkischstämmige Regisseur, „ein authentischer Mensch“ gewesen sei.

Und so eine Roots-Authentizität hat dann magische Anziehungskräfte auf jeden anständigen Bildungsbürger und „FAZ“-Leser. „Klasse!“, stöhnen da nach Filmende die Grundschullehrerinnen in der Blüte ihrer Jahre verzerrt, nachdem sie die Beschau der politisch korrekten Blutorgie – mit durchgeschwitzem Höschen zwar – aber doch halbwegs heil überstanden haben. Und was den Damen da angeboten wurde, war jeden Tropfen Schweiß wert, inklusive Blick auf das gut abgehangene pralle Gemächt des auch sonst großartig aufspielenden Hauptdarstellers.

Die Augen der Damen glänzten also, wie nach dem ersten Besuch einer ziemlich schrillen 168-minütigen SM-Party, der man unbeschadet beiwohnte, weil der zehn Jahre jüngere Interimsbeischläfer dazu überredet hatte. So wie Romy Schneider mal in den Siebzigern in einer Talk Show zum sympathischen Gangster Burkhardt Driest sagte: „Sie gefallen mir sehr!“ – so klingt dann das „Der Film gefällt mir sehr!“ vor dem Kino bei der Zigarette danach. Und damit können nicht diese Pappmaché-Klischee-Szenen gemeint sein, die fast ultra-authentisch an die Studio-TV-Klassiker „Shiloh Ranch“ und „Rauchende Colts“ erinnern. Diese öden Szenen, in denen Django und sein Dr. Szell die Vorgehensweisen der nächsten Tage durchsprechen, als wären sie auf einem Meeting der anonymen Alkoholiker.

Man kann alles kritisieren, den Film aber auch einfach nur geil finden

Aber doch Klartext zum Schluss: Den Film kann man – sollte man sogar! – mitnehmen. Eine politisch korrekte Collosseum-2013-Orgie mit Popcorn. Und klar auch, „Django Unchained“ ist natürlich eine blutrünstige gigantische Kritik US-amerikanischer weißer Gegenwartspolitik (ja, Obama ist doch ein Weißer!). Diese eine Szene, wo die Schäferhunde den entlaufenen Sklaven unter dem Gejohle dieser übelsten White-Trash-Typen in Stücke reißen, ist natürlich ein Abu-Ghraib-Albtraum allererster Güte.

Und in „Django Unchained“ wird das Ende des weißen Mannes, des Welt-Invasors, des brutalen Welteroberers, des Sklavenhalters, einfach mal 150 Jahre vorgezogen. Nein, Quentin Tarantino ist kein Salon-Linker im herkömmlichen Sinne. Dafür sind seine Gewaltfantasien einfach zu umfassend. Und klar auch, so kann man das alles sehen und kritisieren, wenn einem die Abfeierorgien des Mainstream-Feuilletons an die Eier gehen. Man kann den Film aber auch einfach nur geil finden, weil man sich schon auch bei den Original-Italowestern nicht hat davon abhalten lassen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Barack-obama, Film

Debatte

Macht endlich Ernst mit dem Klimaschutz

Medium_773403ac9f

Die Erderwärmung steigt immer weiter an

Neue Forschungsergebnisse des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) rütteln auf. Sie zeigen, wie ernst die Lage bereits ist, sie dürfen aber keinesfalls dazu verleiten, den Kampf für die... weiterlesen

Medium_fe5db47421
von Bündnis 90 Die Grünen
06.08.2018

Debatte

Kissinger: Europas Werteordnung ist bedroht

Medium_dac3c861a1

Europa muss zur zivilisierten Festung ausgebaut werden!

"Die Europäische Union befindet sich in schwerstem Fahrwasser, Trumps‘ USA und KGB-Putins Rußland zeigen uns gerade, was wir aus ihrer Sicht auf die Welt-Waage bringen: Wirtschaftlich sehr viel, we... weiterlesen

Medium_c13f98e5ab
von Gunter Weißgerber
27.07.2018

Debatte

Milliardäre sind nie unschuldig

Medium_346a546cde

Von Russland geht weniger Gefahr aus als von den USA

Wir haben Oligarchensysteme in Ost und West. In Oligarchensystemen haben Milliardäre einen großen Einfluss auf die Politik. Milliardäre sind aber nie unschuldig, da Milliardenvermögen nicht durch e... weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
14.04.2018
meistgelesen / meistkommentiert