Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen. Thomas Paine

Bereue!

Spiegel-Autor Matthias Matussek nimmt zu einem Artikel Stellung, den er vor zehn Jahren geschrieben hat; seine „Stunde als Antisemit“. Die neue Erkenntnis ist, dass es einen Antisemitismus-Vorwurf moderner Prägung gibt.

Also gut, Spiegel-Kultur-Reporter Matthias Matussek hat die Augstein-Antisemitismus-Debatte auf dem nicht neutralen Boden seines eigenen Blogs, den jetzt die „Welt“ veröffentlicht mit einem Geständnis reloaded. Mit der persönlichen Beichte, er sei eine Stunde seines Lebens als Antisemit durch die Welt gelaufen. Vor zehn Jahren. Eine Stunde, die für ihn nicht still und unbeachtet vorüberging, sondern Folgen hatte: Matussek schrieb, wohl emotional aufgewühlt, in diesen düsteren 60 Matussek-Minuten für den „Spiegel“ eine unmissverständliche Verteidigungsschrift für Jürgen Möllemann.

Eben jenen Jürgen Möllemann, über den Michel Friedman, zu der Zeit noch im Zentralrat der Juden, sagte: „Die Ermordung von Menschen beginnt mit Worten wie denen Martin Walsers oder Jürgen Möllemanns.“ Möllemann reagierte empört und meinte, Friedman hätte ihm damit „Beihilfe oder Anstiftung zum Mord vorgeworfen.“ Matussek sah das ähnlich und eilte dem damaligen Zugpferd der FDP schwer bewaffnet mit seiner Edelfeder zur Hilfe.

Antisemitismus-Vorwurf wird neu eingeordnet

Und jetzt, zehn Jahre danach, passieren zwei Dinge: Zum einen verwirrt Matussek die Leser der „Welt“ in „Meine Stunde als Antisemit“ damit, dass er die Abkehr von seiner damaligen Haltung zunächst auf die veränderten Bedingungen im Nahen Osten zurückführt, im selben Atemzug aber betont er, dass er damals eine „wirre“ These Möllemanns verteidigt habe. Aber geht so etwas rückwirkend? Kann ich, weil meine Frau gerade hässlich zur mir ist, behaupten, sie sei es eigentlich schon gewesen, als wir uns kennenlernten? Oder hat sich einfach unser Innenverhältnis maßgeblich geändert und beides ist wahr? Jedes zu seiner Zeit?

Gut, lassen wir diesen eventuellen Widerspruch einstweilen beiseite und konzentrieren uns auf das, was Matussek heute im Nahost-Innenverhältnis zwischen Israel und seinen Anrainer-Staaten eklatant verändert sieht: „Der Frühling der arabischen Revolution verdüstert sich zu einem islamistisch getränkten Territorial-Gürtel. Irans Ahmadinedschad baut an der Atombombe mit dem erklärten Ziel, Israel von der Landkarte zu wischen.“

Aha – neu ist hier, dass der Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein nun von Matussek neu eingeordnet wird. Wenn man so will, direkt hinein in die „Neue Weltordnung“ und den „Kampf gegen den Terror“ von Vater und Sohn Bush. Denn es geht ihm ja augenscheinlich um die weltweite islamistische Terrorgefahr, um Islamisten, um den Krieg der Kulturen, um einen Religionskrieg. Rechts die Bibel mit Altem und Neuem Testament, links der Koran. Rechts die Hamas, links die einzige Demokratie im Nahen Osten.

„Territorial-Gürtel“ des Düsteren?

Aber die wichtigere Frage ist doch, was hat genau in den letzten zehn Jahren die Gefährdung Israels durch seine Nachbarn so weit verstärkt, dass Matussek meint, seine Haltung ändern zu müssen? Ist Israel die einzige Demokratie in der Region? Kratzen wir mal am Ideal der Demokratie. Gab es nicht neuerdings auch demokratische Wahlen direkt in diesem „Territorial-Gürtel“ des Düsteren? In Ägypten und sogar im Irak? Dem EU-Ratspräsident van Rompuy ist die Demokratie in Ägypten gerade eine Förderung von fünf Milliarden Euro wert, die er den Ägyptern als notwendig zur Unterstützung der Demokratie verspricht. Besteht die Gefahr, dass auch dort von europäischem, von deutschem Geld Waffen gegen Israel geschmiedet werden? Unvorstellbar?

Matussek deutet an: Alles ist dort unten denkbar, wenn der Islam weiter an politischem Einfluss gewinnt: „Schon ein Blick auf die Landkarte genügt, um festzustellen, dass Israel gut daran tut, sich bis an die Zähne zu bewaffnen.(…) Die Gefahr droht von einer gängigen Verharmlosung der aktuellen Bedrohung Israels.“

Die Deutschen-Wirtschafts-Nachrichten berichten am 16.01.2013: „Doch das Ziel der EU, der Demokratie-Aufbau, ist durch Geld nie erreicht worden. Stattdessen floriert dank europäischer Steuergelder etwa bei der palästinensischen Autonomie-Behörde die Korruption. Es hat sich bisher immer noch als Irrglaube erwiesen, wenn Brüssel mit dem Geld der europäischen Steuerzahler irgendwo auf der Welt eine Demokratie errichten wollte.“

Was nun? Journalistin Franziska Augstein, das ist die Halbschwester Jakob Augsteins, saß bei Maybrit Illner, nachdem Grass sein unsägliches Gedicht veröffentlichte, und erklärte: „Er (Grass) warnt vor einem Atomschlag. Er warnt vor einem Krieg. Er warnt vor einem Angriff Israels auf Iran. Und damit hat er Recht.“ Vor einem Angriff Irans auf Israel würde Grass nicht warnen müssen, weil es in den USA eine Organisation gäbe, da werden, so Frau Augstein, „die 16 Geheimdienste der Vereinigten Staaten gebeten, jedes Jahr, Ende des Jahres, eine Schätzung abzugeben, wie es so weiter geht mit der Welt. Und in der letzten Schätzung (…) haben die gesagt, sie sind der Auffassung, dass Iran nicht plant eine Atombombe zu bauen, sie sind nicht der Auffassung, dass Iran plant Israel anzugreifen.“

Huntingtons Kampf der Kulturen zentriert sich rund um Israel

Nehmen wir mal an, die Geheimdienste würden sich irren. Und Matussek gehört zu denen, die das annehmen – nebenbei bemerkt, zeigt die Begründung (Massenvernichtungswaffen) für den letzten Irak-Krieg, dass Geheimdienste tatsächlich nicht unfehlbar sind – was wäre der Grund? Die Sache bleibt erschreckend. Es war, es ist und es wird sein: ein zutiefst religiöser Konflikt. Hier geht es ja nicht nur um Bodenschätze – speziell um Öl. Für Matussek tritt mit den Demokratiebewegungen und Umwälzungen im Nahen Osten die „gewalttätige und täglich mörderische Armatur des Islamismus auf.“ Israel ist also nicht von einzelnen Staaten oder Diktatoren bedroht, sondern vom Islam im Allgemeinen. Die heiligen Stätten der Juden und Christenheit also unter der Bedrohung der Krummschwert-Atombombe?

Matussek schreibt mit Seitenblick auf die deutschen linken Medien weiter: „In Jerusalem, Tel-Aviv oder Beer Sheva zu leben, erfordert doch ein wenig mehr Nervenstärke als es die Warterei auf ein Schnitzel im Borchardt verlangt.“ Wie viel Nervenstärke es aktuell braucht, um in Damaskus, in Beirut, Bagdad oder Tripolis zu leben, kann man sich dazu denken.

Aber Matussek sorgt sich nicht nur als Deutscher um Israel, sondern er hat „noch andere Gründe, die zunehmend fundamentalistische Arabellion mit Besorgnis zu betrachten.“ Neben der Sorge um Israel sorgt er sich auch um die Kopten in Ägypten und um alle Christen in der Region, die „nach Auskunft der UNO, heute die am stärksten verfolgte Religionsgruppierung weltweit sind, und das sind sie in erster Linie in islamischen Ländern.“


Die neue Erkenntnis ist nun also mindestens die, dass der Antisemitismus-Vorwurf moderner Prägung vor allem die Ignoranz vor den Gefahren der Islamisierung, der Islamisten mit einschließt. Matusseks Schwenk hinüber zu den Kopten nach Ägypten macht das besonders deutlich. Es geht um religiösen Fanatismus. Huntingtons Kampf der Kulturen zentriert sich rund um Israel. Für Matussek tobt aktuell der „Überlebenskampf der Juden in einer der gefährlichsten Regionen der Erde.“ Für Matussek ist eben doch nicht der Hindukusch, sondern der Jordan, wo sich unsere Zukunft entscheidet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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