Fanta Vier

Alexander Wallasch14.01.2013Gesellschaft & Kultur

Die Ehefrau und der Nachbar und plötzlich ist alles anders. Die Geschichte einer Verarbeitung.

Neulich traf ich nach einem Kinobesuch im Foyer einen alten Bekannten. Wir erkannten uns nach kurzem Zögern wieder. Wie viel Schwierigkeiten er dabei hatte, weiß ich nicht. An ihm jedenfalls ist die Zeit leider nicht spurlos vorübergegangen. Ganz unabhängig vom Sympathiewert gehört er also zweifellos zu jenen, denen das Leben auf die eine oder andere Weise mitgespielt haben muss.

Sie kennen das, da genügt in der Regel der erste Blick. Das Maß an Offenheit, an Interesse wird zum Barometer. Ja, da war sie also bei ihm: die große Unbekannte, die Verunsicherung des Alters. Schicksalsschlagartig eingegraben. Denn die Genickschläge werden irgendwann ab dem 45. Lebensjahr deutlicher sichtbar.

Roboterhafte Erzählung

Und es stimmt wohl doch, dass man bedingt von der Physiognomie eines Menschen auf dessen inneren Zustand schließen kann. Kurzum, wir kamen ins Gespräch. Hilfreich sind dabei die Entspannungs- und Gastronomiebereiche dieser Großkinos.

„Kinder?“ „Vier.“ „Ich auch!“ Also gratulierten wir uns gleich mal gegenseitig zur vierfachen Vaterschaft.

„Patchwork?“, „Nö“, murmelte der Gute, „Alle selbst gezeugt.“ „Mit einer Frau?“ Auch das bejaht er. Das interessiert mich, weil es selten geworden scheint heutzutage. Und um diesen Seltenheitswert zu konkretisieren: „Und, seid Ihr noch zusammen?“

Tja und da ist es schon: das Ende der Fahnenstange. Und damit wird dann auch seine Gesamterscheinung plausibeler: „Getrennt seit einem Jahr“, das jüngste Kind sieben, das älteste fünfzehn. Ich bestelle zwei Flaschenbiere. Er möchte lieber eine Fanta. Dann nehme ich auch eine. Also zwei Fanta.

Mimik, Gestik, Motorik – im Zusammenspiel merkwürdig aus der Spur. Er hält zwar den Blick. Aber so, als würde er sich zwingen, das macht, dass er dann so gezwungen aussieht. Als er mir nach drei Schluck Fanta seine ganze „Odyssee“ erzählt, klingt alles roboterhaft und abgetrennt von der linken Gehirnhälfte, dieser ominösen weiblichen Seite, die ja angeblich für das Emotionale zuständig sein soll. Und seine Geschichte dauert sehr lange.

SMS der Ex wurden sachlicher und seltener

Die Kurzfassung geht so: Die Termine der Kinder musste das Ehepaar wegen Überschneidungen öfter aufteilen. Also ging er zum Elternabend des einen alleine, während sie den des anderen besuchte. Und weil das Ganze nun eine gewisse Stringenz braucht, blieb es dabei. Sie nahm alle Termine Klasse 5b, er die der 7a.

Ein Nachbar der beiden hatte sein Kind auch in der 5b. Das war praktisch, da gehen die Kinder morgens gemeinsam zur Schule und wenn die Erwachsenen Schulfragen haben, können sie sich über den Gartenzaun hinweg austauschen. So weit, so nett. Madame hatte dann aber wohl keine Fragen mehr an den Nachbarn und so kommunizierten die beiden ohne Worte weiter. Immer genau dann, wenn mein Bekannter zur Arbeit aus dem Hause war.

Vom klärenden Gespräch, als er die beiden zur Rede stellte – nicht mit der Knarre, sondern so ganz vernünftig, um seine Ehe zu retten – blieb ihm nur ein Satz hängen: „Tja, sorry Du – aber wo die Liebe hinfällt.“ Danach muss alles anders gewesen sein. Eine große Leere. Eine Schockstarre. Ja doch, ab und zu heulte er wohl noch den Mond oder seine Frau an, aber nur der Mond war auf Dauer noch bereit dazu, sich das immer Gleiche immer wieder anzuhören. Der gute Mond.

Mittlerweile unterhält man sich lieber per SMS. Er ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen, damit die Kinder in vertrauter Umgebung weiterleben können. Die kommen jetzt wechselweise immer zu zweit am Wochenende zu ihm. 1.250 Euro seines Gehaltes muss er Monat für Monat auf ein neues Konto seiner Frau überweisen. Er hat mal zu fragen gewagt, ob er denn anteilig für das Wochenende ein bisschen davon behalten könnte, um mit den Kindern mal in den Zoo oder ins Kino gehen zu dürfen. Daraufhin wurden die SMS von seiner Ex noch sachlicher und seltener.

Mutti macht das jetzt alleine

Er sah seine Kinder mal mit dem Nachbarn in der Stadt und duckte sich ganz schnell in eine Seitengasse. Dort bekam er dann einen furchtbaren Weinkrampf. „Der steckte wohl noch fest und hatte sich unvermittelt gelöst“, erzählt er mir linkisch und fast so, als hätte er das als eine Art heilsame Weintherapie erlebt. Nach einer Fanta in einem Imbiss beruhigte er sich dann wieder ein bisschen. Diese Ruhe hielt er mit eisern-blutleerem Griff ganz fest. Und er hat sie bis heute nicht mehr losgelassen.

Es klingt fast so, als wäre das der größte Erfolg geworden, den er aus der Sache mitgenommen hat. Ich weiß nicht, kann man so etwas Trauma nennen? Ist der Typ irgendwie traumatisiert, so wie Kriegsversehrte traumatisiert sind? Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Männer in Kassenbereichen von Supermärkten einen ähnlichen Stressfaktor erleben würden wie Kampfpiloten bei der Bescheunigung ihres Kampffliegers. Das erschien mir damals nicht einmal übertrieben: Wer für sechs Familienmitglieder bei Lidl den Inhalt von zwei Einkaufswagen in einer großen Warteschlange aufs Fließband legen und hinten wieder einpacken muss, der befindet sich zweifellos im Kriegszustand.

Das immerhin bleibt dem Guten heute erspart. Das macht Mutti jetzt alleine. Und sie macht es sogar viel lieber als früher: Denn heute braucht sie nicht mehr jeden Pfennig umzudrehen, denn Mutti arbeitet jetzt halbtags und das Kindergeld kommt ja auch noch obendrauf auf die großzügig erzwungene Überweisung vom Ex. Sie lebt also sogar besser als vorher und ist diesem ollen Griesgram obendrein nicht mehr Rechenschaft schuldig. Noch besser: Der Nachbar ist neben anderen Talenten auch noch ein geschickter Handwerker. Und entlohnt „Wo die Liebe hinfällt“ mit Bohrhammer, Dübel und Schraubarbeiten, die früher öfter als heute liegen blieben.

Das hätte seine Ex nie getan

Ich habe neulich mal bei einer Mutter angerufen, um nach einem Elternabendtermin zu fragen. Da hatte ich eine der kleineren Töchter dran, die mir brav erklärte, Mutti sei in der Sauna, um sich mal wieder einen Mann auszusuchen. Diese Mutti hat auch vier Kinder – wenigstens das ist also doch nicht so selten. Am Kühlschrank unter einem Fruchtmagneten der „Familie“ hängen sieben Telefonnummern. Die ersten vier sind für jeden Vater der Kinder eine. Dann noch drei von verflossenen Saunabekanntschaften, die ja auch mit den Kindern bekannt gemacht wurden, also im Zweifel ebenfalls Ansprechpartner sind.

Ich habe nach dem Telefonat mit der Kleinen mal meine Frau gefragt, was die Kleine mir da konkret erzählt hätte, ob die spinnt. Und tatsächlich, diese Mutti geht, wenn sie Lust auf einen Mann hat, in die Sauna und sucht sich dort neue Bekanntschaften nach Schwanzlänge und Körpergestalt aus. Das nenne ich mal konsequent.

Und das erzähle ich nun im Kino diesem alten Bekannten. Weil mir spontan zu seinem Schicksal nichts anderes einfällt als dieses – na ja – Frauen-Bashing, so wahr es auch sein mag.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass mein Kino-Bar-Gesprächspartner mittlerweile auch eine neue Bekannte hat. Er könne einfach nicht ohne Frau. Gut, sein Geld reiche nicht mehr für eine gemeinsame Wohnung, Aber er könne eben nicht ohne jemanden, der wenigstens ab und an mal da ist, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Und die Neue ruft abends kurz vor Ende der Spätschicht schon mal in der Firma an, er möge doch bitte noch Aprikosenmarmelade zu den Pfannkuchen mitbringen: Das hatte seine Ex nie getan. Sie hatte wohl was anderes zu tun oder mochte keine Aprikosenmarmelade.

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