Recht auf Zorn

Alexander Wallasch9.01.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Erinnern Sie sich an die Auseinandersetzung zwischen Michel Friedman und Jürgen Möllemann? Die Augstein/Broder-Affäre ist gewissermaßen nur der zweite Aufguss einer fast schon wieder vergessenen Inszenierung.

Also eigentlich wollte ich ja über Schullaufbahnempfehlungen in Niedersachsen schreiben und fragen, warum die Kultusministerien ihren Auftrag nicht ernst nehmen und nichts dagegen haben, dass Jungen immer mehr benachteiligt werden.

Aber dann erreichte mich die E-Mail eines guten Freundes, des Spiegel-TV-Rechtsanwalts Heinrich Schmitz. Inhalt seiner E-Mail – nur zwei Wörter: „Guck mal:))“ und ein “Link”:http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-22702455.html.

Damit war sofort klar, das Thema Augstein/Broder bleibt spannend. Denn nun kommt eine weitere Perspektive hinzu. Und viel Grund zum Feixen. Noch mehr, weil Broder nur eine Stunde später die einstweilige Feuerpause brach und in der „Welt“ die nächste Salve Richtung Augstein abschoss, die satzweise übrigens fast ein bisschen wie eine vom Arbeitgeber erzwungene Entschuldigung, “wie ein Zurückrudern aussieht”:http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article112561269/Die-modernen-Antisemiten-argumentieren-subtil.html.

Augstein soll Möllemann sein, Broder macht den Friedman

Also, was schickte Schmitz? Der gemailte Link ist der „Spiegel“-Artikel „Recht auf Zorn“. Und der ist schon über ein Jahrzehnt alt und wurde geschrieben von Matthias Matussek. Der stand damals 2002 als Rio-Korrespondent kurz vor der Abberufung nach London als Leiter des dortigen „Spiegel“-Büros, während der Antisemitismus-Streit Friedman/Möllemann in Deutschland gerade auf dem Höhepunkt angekommen war.

Möllemann hatte noch nicht zum finalen Sprung angesetzt und Friedmans Koks- und Huren-Party war allenfalls in der losen Vorplanung und auch ein „Heil Hitler“-Gespräch mit Horst Mahler noch lange nicht terminiert.

Also auf eine bestimmte Weise dieselben Protagonisten wie heute, nur eine Situation mit anderen Vorzeichen. Augstein soll Möllemann sein, Broder macht den Friedman, Friedman wiederum legt für Augstein die Hand ins Feuer, zieht sich dabei den Zorn Broders zu und Matussek, ganz loyaler Kumpel, umarmt ein ganz klein wenig den befreundeten Broder, betont aber dann doch noch, dass die Platzierung Augsteins auf der Liste Quatsch sei, der linke Antisemitismus aber durchaus ein gefährliches Phänomen, das man nicht aus den Augen verlieren dürfe. Wow!

Die Augstein/Broder-Affäre wird also zum mindestens zweiten Aufguss einer fast schon wieder vergessenen Inszenierung. Schauen wir mal, was Matussek schrieb, der sich seit seiner viel beachteten 2012-Apokalypse-Weihnachtsgeschichte nach vielen Seiten überraschend warmherzig zeigt: Der „Spiegel“-Autor räumte dem Friedman-Basher Möllemann damals bereits in der Headline unmissverständlich ein „Recht auf Zorn“ ein.

Wäre Matussek heute auf DER Liste gelandet?

Und sein Text ist zehn Jahre später im Scheinwerferlicht der aktuellen Debatte mehr als nur erstaunlich: Glasklar positioniert, unaufgeregt unmissverständlich und auf eine Weise brillant geschrieben, die der aktuellen Debatte gut tun würde. Aber es findet sich heute keiner, der noch bereit ist, in Matusseks Fußstapfen zu treten. Nicht einmal Matussek selbst! Auch Augstein taugt nicht zum Möllemann, das noch kurz hinterhergeschoben.

Und Matussek beginnt – witzig! – in einem Schlauchboot vor Patagonien zwischen dahintreibenden Eisbergen, wo er sich mit einem befreundeten israelischen Kollegen über – na klar – diesen nie enden wollenden Israel-Palästina-Konflikt unterhält. Der eine plädiert für ein „platt machen“ der Palästinenser und Matussek nennt den israelischen Ministerpräsidenten Sharon im Gegenzug einen Kriegsverbrecher. Damit hätte der Hamburger Katholik heute beste Chancen für Platz – sagen wir mal – sieben bis acht auf dieser Liste. Sie wissen schon: DER Liste.

Nach der Ruderfahrt mit dem Israeli steuert Matussek beinhart gegen Claudia Roth und Michel Friedman, der ja 2013 zum Augstein-Verteidiger konvertiert ist, während Matussek zwar auf eine Weise Mitgefühl für Augstein zeigt, aber in loyaler Distanz brodert. Ja, ja, die Sache hat Klasse.

„Ich halte Arafats Regierung für korrupt, und Möllemanns Karrierismus ist mir suspekt. Und ich halte Israels Siedlungspolitik und deren gepanzerte Besatzungsarroganz für äußerst gefährlich. Macht mich das zum Antisemiten? Wohl kaum.“

Heute wissen es alle besser

Also das wäre heute mindestens Platz sechs bis sieben! Und rasant schnell marschiert Matussek auf Rang fünf bis sechs, indem er feststellt: „Möllemanns Äußerungen sind pro-palästinensisch und damit automatisch anti-israelisch. Aber antisemitisch?“

Heute wissen wir alle und Matussek es besser: Nach Broders Attacken gegen Möllemann – pardon: Augstein! – wissen wir in Deutschland: anti-israelisch = antisemitisch. Matussek war immerhin 2002 schon dort, wo Nils Minkmar, der gute Augstein-Verteidiger der „FAZ“, 2012 angekommen ist. Denn Matussek schreibt weiter:

„Das ist der eigentlich skandalöse, weil für einen Intellektuellen und Journalisten so unsportliche Vorgang: austeilen und dann nicht etwa einstecken, sondern hinter den nächsten Baum springen und brüllen ‚Antisemit‘. Unfair! Ganz einfach unfair! (…) Der Antisemitismus-Verdacht, der das Gewicht von sechs Millionen Gemordeten mit sich weiß, ist der Overkill im öffentlichen Raum. In schon rituellen Abständen wird diese Keule durch die Arena geschwungen.“ Ich schwöre, das steht da so!

Und Broder schwört nun 2013 und wenige Stunden nach Heinrich Schmitz’ E-Mail an mich in der „Welt“: „Ich hatte mit dem Simon Wiesenthal Center vor 20 Jahren zum ersten und letzten Mal Kontakt, als ich für den ,Spiegel‘ eine Geschichte über die ‚Amerikanisierung des Holocaust‘ schrieb.“

Damals noch ohne Angst vor einer iranischen Atombombe

Auf den 2002er „Spiegel“-Artikel und die Diskrepanz zu seiner heute viel verbindlicheren Haltung angesprochen, erzählt Matussek: „Zunächst mal ist doch erstaunlich, dass Augstein und der Mainstream heute dort stehen, wo damals der von allen gescholtene Möllemann stand, und ich war Avantgarde, als ich ihn verteidigte, gegen Claudia Roth, Friedman und Konsorten.“ Aber mittlerweile habe sich die Lage geändert im Nahen Osten. „Damals gab es keine iranische Atombombe, damals wurde Israel nicht von aggressiven Islamisten-Staaten umzingelt. Heute bin ich klüger. Und ich hoffe, Augstein und der linke Mainstream werden es auch bald sein – bevor es zu spät ist.“ Ok, Matthias Matussek hat also Angst vor der iranischen Atombombe. Ich bleibe dabei und habe ausnahmslos Sorge um die zerstörerische Kraft aller Atombomben dieser Welt. Besonders vor denen, die schon real existieren. Die hatte ich allerdings auch vor zehn Jahren schon. Aber sei es drum.

Damals, erzählt er noch, musste er seine Kolumne gegen einen anderen „Spiegel“-Mann durchsetzen, weil er ihn für „antisemitisch“ hielt. Der aber zeigte sich als so guter Verlierer, dass er Matussek samt Frau zum Essen einlud, in ein „Sterne-Restaurant“!

Ob Augstein und Broder mal was zusammen essen sollten? Im Moment jedenfalls scheint dafür auch Broder der Appetit vergangen.

Aber um die ganze Sache trotzdem versöhnlich mit guten Wünschen zu begleiten, kann man Augstein nur alles Gute für den „Freitag“ wünschen und Broder gute Erholung in Tel Aviv.

Ach ja: Die Storys mit den Schullaufbahnempfehlungen für Jungen dann nächste Woche. Versprochen.

_Hinweis der Redaktion: Der Beitrag wurde zur Überarbeitung durch den Autor zwischenzeitlich offline genommen._

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