Keine Weihnachtsgeschichte

Alexander Wallasch24.12.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Wieder einmal besucht Stern TV Deutschlands Skandalfamilie und lässt Professor Hurrelmann das Gezeigte analysieren. Was bleibt, ist die Frage, welcher der Akteure therapiebedürftiger ist.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten berichtete „Stern TV“ jetzt schon drei Mal über Familie Ritter aus Köthen. Der Bogen spannt sich vom schockierenden Hitlergruß des Kleinkindes aktuell hin bis zum brutalen Überfall des nun Erwachsenen auf einen Asiaten. Die Familie ist nach dem ersten „Stern TV“-Besuch bundesweit bekannt geworden.

2007, beim zweiten Besuch des TV-Teams, meint Norman Ritter bereits zu wissen, was man von ihm erwartet. Als er das Gefühl bekommt, dass es draußen in der Sonne beim Biertrinken für das „Stern TV“-Team zu langweilig oder zu unspektakulär werden könnte, bittet der Angetrunkene rüber ins Haus in sein Zimmer und verweist dort direkt auf seine Nazi-Flaggen-Wand und lallt: „Hier dürft ihr als Erster filmen. So bin ich! Die Wand bitte!“

Mach den Deppen und kommst ins Fernsehen

Mit den Worten „Das ist mein Hobby“ öffnet er eine Schublade mit Messern. Die TV-Kamera zoomt auf die blitzenden Klingen. Dann klappt Norman sein Bett hoch. Zum Vorschein kommt eine ansehnliche Sammlung Angelzeug. „… will ich den Angelschein machen. Hier habe ich das ganze Zubehör.“ Frage der irritierten „Stern“-Redakteurin: „Das ist ja eigentlich was ganz Friedliches so ein Angelschein?“

Und weiter: „Wie sieht denn eigentlich die Perspektive aus? Sie haben als 9-Jähriger schon hier gewohnt und Sie wohnen jetzt immer noch hier. Wie soll Ihr Leben weitergehen? Was stellen Sie sich vor?“ Normans aufgeregte Antwort: „Na dass was ich gesagt habe, mein Gewerbe, mein Angelschein. Mehr will ich nicht. MEHR WILL ICH NICHT.“

Weiter im TV-O-Ton: „Der kleine David (Normans Neffe) ist in einem Umfeld von Aggression und Gewalt groß geworden.“ Wer würde das angesichts der Bilder bestreiten wollen? Nun wird aber als Gewalt-Beleg ein tatsächlich nur spielerischer Arschtritt Normans vorgeführt, über den auch David lachen muss. Schwamm drüber. Zweifellos abstoßender ist da sowieso die Mach-mal-Heil-Hitler!-Szene mit Mutter Ritter aus einer der ersten beiden Folgen, die – logisch – erneut gezeigt wird. Dieses Mal sogar in Slow Motion.

Was in Spielshows und Nachmittagstalk längst gängiges Verhaltensmuster ist, wird hier seit zwei Jahrzehnten bedient: Mach mir den Volldeppen, sei maximal verstörend und undifferenziert in deiner Selbstdarstellung und du kommst garantiert ins RTL-Fernsehen.

Für mich allerdings der absolute Tiefpunkt dieser irren Vorführung: dieser kommentierende Prof. Klaus Hurrelmann, der sich nicht zu schade ist, diese unsägliche Doku-Fiktion mit Kinderbeteiligung und Vollnamen der Kinder (Wiedererkennungswert) auch noch schlaudreist durchzukommentieren. Vor jedem Satz holt der gute Professor ganz tief Luft, das allein diese Geste suggerieren muss: Was diese Luft gleich spricht, kann nur bedeutend; kann nur vom höchsten Wahrheitsgehalt getränkter Allwissender-Odem sein. Nach dem zweiten oder dritten Hurrelmann-Einspieler fragt man sich dann tatsächlich, was eigentlich schwerer zu therapieren wäre, der Ritter-Wahn oder die akademischen Verhaltensmuster Hurrelmanns.

Ich bin nicht mehr sicher.

Was uns hier vorgeführt wird und woran wir uns als Zuschauer beteiligen sollen, ist dümmster Mainstream-Voyeurismus mit Fokus auf die schmutzigen Ränder der Hurrelmann’schen Mittelstandskomfortzonen. Sind das nicht vielleicht, wie im Märchen, Vergrößerungen der eigenen Ängste, sozusagen: der böse Wolf in uns, den wir hier noch einmal mit dem akademisch gebildeten Jägerprofessor gefahrlos abschießen dürfen? Und hat letztlich nicht auch diese Zurschaustellung im Kern etwas Finster-Faschistoides, sozusagen der legitimierte Rassenhass mit anderen Mitteln?

Wenig tröstliche Weihnachtsbotschaft

Hurrelmann-Originalton: „Die Familie Ritter möchte eine in sich geschlossene Welt sein. Und sie greift zu so eigenartigen Symbolen wie nationalsozialistische Embleme, und Fremdenfeindlichkeit.“

Auf mehrfache Nachfrage im Telefongespräch erklärt Hurrelmann, er hätte lediglich ungefähr 18 Minuten Filmmaterial gesehen, und sonst keine Sachkenntnis von dem Fall. Aber er habe großes Vertrauen in die Arbeit der „Stern“-Mitarbeiter, die diese Familie ja schon über einen so langen Zeitraum begleiten. Und nein, er kenne die Familie nicht persönlich, aber kann sein, dass man sich vor 18 Jahren schon mal im „Stern TV“-Studio begegnet sei, wo die Familie wohl auch anwesend war.

Auf die Frage, ob man annehmen könnte, dass die Familie vor der Kamera eine andere Verhaltensweise an den Tag gelegt haben könnte als im normalen Leben, antwortet Hurrelmann, das Verhalten in so einer Aufnahme-Situation sei immer gefärbt. Er glaube sogar, das spiele keine große Rolle. Das allerdings hindert ihn nicht daran, weiter festzustellen, dass die Familie dank TV ja jede Chance gehabt hätte, ihrem Milieu zu entkommen, diese aber nicht genutzt hätte.

Die Weihnachtsbotschaft 2012 dann so: acht Enkelkinder in unterschiedlichen Heimen untergebracht. Drei Söhne im Knast, ein weiterer schwerst drogenabhängig.

Die Nazis, die Gewalt, der böse Osten – das sind die klassischen „Stern“- und „Spiegel TV“-Masterthemen. Ja doch: alles zum Gruseln, alles zum Wegschauen, um dann doppelt aufgegeilt draufzuschauen. Das Ganze noch maximal scharf gewürzt vom Auftritt eines Experten Hurrelmann, der über den unsympathischen Gesamteindruck hinaus die Sache in mitteldeutsche Erde zementiert. Denn für Hurrelmann ist anhand von wenigen Minuten Filmmaterial sonnenklar: „Weil die sich in einer Welt schon so eingerichtet haben als Erwachsene, in der sie eigentlich auch nicht so richtig an sich glauben. Und nicht daran glauben, dass sie noch etwas schaffen können. Ein reguläres Erwachsenenleben zu etablieren.“

18 Minuten vielleicht nicht genug

Hurrelmann glaubt an sich. Und an seine TV-Ferndiagnosen. Da ist er klar im Vorteil. Und warum nicht: Womöglich hat er sogar recht mit der einen oder anderen Einschätzung. Wie empfehlenswert und vorbildlich allerdings das „reguläre Erwachsenenleben“ eines Prof. Hurrelmann ist, bleibt jedem selbst belassen.

Noch mal Hurrelmann im TV-Beitrag: „Das ist jetzt die entscheidende Herausforderung. Wie kann ich das stoppen in der nächsten Generation. Wie kann ich verhindern, dass die alle wieder in den Strudel mit runterrutschen. Das muss die Aufforderung sein an alle. Ich war ganz schön erstaunt, dass sich in 18 Jahren an der Situation einer Familie im Grunde gar nichts verändert hat, sondern alles fast noch so ist, wie vor zwei Jahrzehnten. Und gleichzeitig habe ich gedacht, Forscher, der ich bin, alle Achtung. Da hat ein Fernsehteam die Entwicklung einer Familie dokumentarisch festgehalten und ich denke, die könnte auch für forscherische Zwecke von Interesse sein.“

Hurrelmann hat 18 Minuten aus 18 Jahren gesehen. Hurrelmann ist Forscher und Wissenschaftler. Er hat mehrere Sachbücher geschrieben zu Sozialisationsforschung, Familie, Kind und Jugend. Wollen wir hoffen, dass die Grundlagen für dortige Aussagen auf mehr basieren als dem lüsternen Blick eines Fernsehteams auf arme, wenige Jahre alte Würstchen im Schlafanzug, die im Arm der Oma für die Kameras den Hitlergruß machen müssen. Manchmal ist es schwer, offensichtlich großem Unrecht maximal gerecht zu begegnen. Offensichtliches Unrecht fordert uns alle heraus. Vielleicht sind 18 Minuten eben manchmal auch für einen Professor nicht genug, selbst wenn er nach 18 Stunden zu keinem anderen Ergebnis kommen sollte. Frohe Weihachten.

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