Vitalische Bahnalitäten

Alexander Wallasch16.12.2012Gesellschaft & Kultur

Pullmannsitze, Winterschlaforte und die Renaissance des Schmalzbrotes: das Protokoll einer Bahnfahrt.

An den äußeren Rand der Republik und noch ein paar Meter darüber hinaus: Interview-Termin in Mecklenburg-Vorpommern, auf Usedom. Das heißt erst einmal Hoffen und Bangen, was „Sieben Stunden Fahrtzeit“ wirklich bedeuten, wenn man sich für die Deutsche Bahn entschieden hat. Aber Entwarnung: trotz liegengebliebenem Schnee nur fünf Minuten oben drauf und sogar die Anschlusszüge warten.

Im IC Bistro arbeitet ein Entertainer. Er fragt nicht einfach nur, ob ich einen Deckel auf den randvollen Kaffee-to-go möchte – was für sich schon eine ziemlich groteske Frage ist, ohne Deckel käme man keinen trockenen Meter weit – nein, der Kahlrasierte erklärt en détail, was passiert, wenn man sich gegen den Deckel entscheiden würde.

Im Zug nach Mecklenburg-Vorpommern

Eine mindestens 25-Jährige nennt er durchgängig „Junges Fräulein“ und meine Entscheidung für das vegetarische Sandwich kommentiert er ganz laut so: „Gerne, für Sie also das vitalische Sandwich. Wir hätten auch noch das vitalische Baguette.“

Die vorbeiziehende Welt draußen liegt devitalisiert unter einer dichten weißen Schneedecke. Stundenlanges Fahren in eine Weihnachtslandschaft hinein: durchgefrostete Bäume, Sträucher und Wiesen.

So eintönig eingefärbt wirkt Deutschland mächtig groß, fast sibirisch. Der lange Zug nach Osten. Pullmannsitze. In den wenigen verbliebenen 6-Pack-Abteilen leuchten die Smartphones um die Wette. Zu viel Nähe ist gut für Apple und Samsung.

Dieses merkwürdige Mecklenburg-Vorpommern scheint nur aus lauter kleinen Winterschlaforten zu bestehen. Die Namen der Bahnhöfe klingen lustiger als die Menschen ausschauen, die hier ein- und aussteigen. Wenn nicht gerade Isabell Schmidt aus „The Voice of Germany“ einsteigt. Aber ich erschrecke und verwechsle sie mit einer Ex-Frau aus den 1980er-Jahren, was die Angelegenheit natürlich nicht weniger bizarr und dann wieder ein bisschen trübsinnig macht. Denn wer möchte schon einer Ex begegnen, die einfach nicht älter geworden ist? Ja doch, es mag auch der Jahreszeit geschuldet sein: diese viel gescholtene große mitteldeutsche Betrübnis. Aber immerhin, die Bahnhöfe sind alle nazifrei. Also zwischen Rostock und Dresden noch keine durchgängig national befreite Zone. Zumindest haben wir freie Fahrt voraus Richtung Osten.

Neben mir sitzt ein gut aussehender junger Soldat mit Schmiss über dem Auge. „Zwölf Jahre verpflichtet. Sommer 2013 Afghanistan!“, erklärt er. Ich überrasche ihn angeberisch mit meinem Afghanistan-Roman. Wir kommen ins Gespräch. Ne, Angst hätte er keine. Sogar Englisch gelernt hat er schon. Verwundert frage ich, ob wir wieder gegen England ziehen, die Afghanen würden ja wohl „afghan“ sprechen. Da lacht er herzlich und findet meine Idee ganz witzig, es wenigstens mal mit einer Sprachkurs-CD „afghan“ zu probieren.

Ein Kumpel von ihm ist vor Kurzem dort drüben abgeschossen worden, hat aber unverletzt überlebt. Die beiden amerikanischen Black-Hawk-Piloten – die Deutschen sind per Anhalter mitgeflogen – hätten den Hubschrauber noch sicher gelandet und wären dann ihren Verletzungen erlegen.

Die Renaissance des Schmalzbrotes

Die Vierer-Gruppe mittelalter Damen nebenan wird kurz hellhörig, verliert dann aber schnell das Interesse. Schließlich ist man mal ohne Männer unterwegs, da darf – ach Quatsch: da muss! – es mal lustig sein. Was zu Lachen gibt’s ja immer. Denn jenseits der 45 hat man das Gröbste hinter sich und schießt schon mal mit größerem Kaliber.

Obwohl nicht dick, essen alle vier unentwegt Zeugs aus Papier, Tüten und Dosen und trinken dazu aus mitgebrachten Pappbechern. Frauen beim Essen zuzusehen kann schön – sogar erotisch! – sein. Hier ist es nur die Renaissance des Schmalzbrotes.

Soldat und ich erfahren ohne zu fragen, dass es selbst gemachtes Schmalz ist. Probieren mag ich dennoch nicht. Jungsoldat auch nicht. Der spricht gerade mit Anna, die hinter uns sitzt. Abiturientin mit Ring in der Lippe. Ständig gnibbelt die Zunge dran herum. Anna mit Ring will studieren. Sozialpädagogik. „Kann man da überhaupt was verdienen?“, frage ich. „Wenn man auf Lehramt macht“, sagt Anna. Als Anna aussteigt, wünsche ich ein „schönes Leben!“. Anna erwidert lächelnd: „Ihnen auch!“, und grinst dabei verführerisch zum jungen Soldaten rüber. Die Frauen lachen dazu mit vollem Mund.

Endstation Swinemünde

Ronny, 21, ist Zugführer. Als es „krawumm-krawumm“ macht, scherze ich, da ist wohl einer vor den Zug gehüpft. Er erklärt trocken, das wäre Schnee gewesen, oder ein Schotterstein auf den Gleisen. Käme in letzter Zeit häufiger vor. Vor den Zug gesprungen ist ihm noch keiner. Aber den Kollegen öfter schon. Das wäre nicht schön. Die Strecke nach Frankfurt rein wäre besonders gefragt. Und besonders unappetitlich: Die ICE öffnen vorne die Schnauzen, um anzudocken. Nachts machen das manche schon weit vor dem Bahnhof. Die Fahrer würden manchmal erst im Bahnhof an den erschrockenen Gesichtern der Wartenden sehen, das wieder einer hängen geblieben ist, der ungeöffnet seitlich oder unten drunter weggeschmiert wäre.

Wir fahren mit geschlossener Schnauze hinter Heringsdorf über die deutsch-polnische Grenze. Endstation Swinemünde. Mir ist auf den letzten Metern ein bisschen übel geworden. Das „Hampton by Hilton“ kostet hier nur sagenhafte 45 Euro inkl. Frühstück. Mein Termin ist zwar in Heringsdorf, aber die zehn Minuten zurück sind das Preisgefälle alle Mal wert.

Es ist schon dunkel im Ort. Kann sein, es liegt am Schnee und der abendlichen Düsternis, aber die Atmosphäre erinnert an InterRail und den Belgrader Bahnhof von 1978.

In Swinemünde spricht niemand deutsch. Die deutschsprechenden Polen sind längst alle in Deutschland. Die noch hier sind, sprechen etwas englisch. Englisch ist also kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze die Verkehrssprache. Oder kennen Sie einen Herkunftsdeutschen, der polnisch spricht?

Der Rückweg

Das Hilton ist fast leer. In der Lobby flüstern zwei Amerikaner mit zusammengesteckten Köpfen. Rauchen im Hotel nur vor der Tür. Dort spricht mich dann doch einer auf Deutsch an. Netter Kerl irgendwie. Er hat zwei Yorkshire-Terrier dabei, die immer mal wieder komplett im Schnee versinken. Er hätte um die Ecke einen Club. Für 100 Euro käme eine seiner Damen zwei Stunden aufs Zimmer. All-inklusive. Blond, schlank, jung wäre auch dabei. Frisch aus der Ukraine. Afghaninnen? Ne, da hätte er im Moment keine. Er wüsste auch nicht, wer welche hätte, könne sich aber für einen kleinen Aufpreis mal umhören. Ich bedauere und rauche vor dem Hilton noch zwei weitere Zigaretten auf ex.

Zurück nach Berlin 3 ½ Stunden lang ohne Restaurant, Bistro oder wenigstens Automaten. Jetzt würde ich sogar Schmalzbrot nehmen, wären die Damen noch an Bord.

Kurz vor Berlin trinke ich ein paar der geklauten Hilton-Kaffee-Sahnen. Sonst gibt es ja nichts. Draußen ist immer noch alles weiß und der Soldat ist nächstes Jahr um diese Zeit längst am Hindukusch. Und das sogar freiwillig.

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