No Country for Old Men

von Alexander Wallasch9.12.2012Gesellschaft & Kultur

Henryk M. Broder will verklagt werden. Aber sein Lieblings-Antisemit Jakob Augstein ziert sich. Er schmunzelt süffisant über das Toben des alten Herrn. Über das letzte Tosen des Alters.

Fangen wir zunächst mal mit einer amüsanten Randnotiz an. Wer Broders neuesten “„Welt“-Artikel im Internet liest”:http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111852281/Brief-an-meinen-Lieblings-Antisemiten-Augstein.html, bekommt ein Bild von Broder und Augstein während einer Podiumsdiskussion präsentiert. Klickt man auf diese Fotografie, öffnet sich ein größeres Pop-up-Fenster und plötzlich erscheint Matthias Matussek im Bild, der vorher hinterm Text versteckt war. Der Mehrwert dieser erweiterten Info bleibt unklar. Lustig ist es allemal, wenn man Matussek mag. Das ist dann aber auch schon alles, was an diesem Artikel amüsant ist.

Worum geht’s? Zeitgleich zum Deutschlandbesuch des israelischen Ministerpräsidenten versucht Hendryk M. Broder zu demonstrieren, wer hierzulande die Deutungshoheit in Sachen Judentum, Antisemitismus und Israel hat. Er selbst. Und dabei kann er sich darauf verlassen, dass ihm sein Boss, Herausgeber der „Welt“, Thomas Schmid – das ist dieser Ex-Joschka-Fischer-Adept, Ex-„Revolutionärer-Kampf“-Soldat und auch Ex-Grüner, der sich als Ex-Linker mit dem Springerkonzern versöhnt hat – den Platz in seinem Blatt einräumt, den er verlangt.

„Antisemitismuskeule“ hat deutlich an Schlagkraft verloren

Worum es bei Broders neuestem „Welt“-Artikel geht? Klar, um eine Verlängerung seiner Schmutz-Kampagne gegen Jakob Augstein, die bisher nicht den Erfolg zeichnet, den er sich gewünscht hätte. Sein Kumpel Thomas Schmid ist da ähnlich monokausal. Auch dessen Thema ist immer wieder Holocaust, Israel, Antisemitismus usw. Das sind beide Experten. Und in einem Alter, wo man nicht mehr zu allem und nichts sein Maul aufreißen kann. Da muss es ein großes Thema sein. Bei Matussek ist es der Katholizismus. Vielleicht haben sie ihn ja deshalb aus dem Bild geschnitten.

Also: Monokausalist und Scharfrichter Broder sitzt erneut, dank Kumpel Schmid, über Augstein zu Gericht. Gibt es Argumente? Sind ein paar saftige Beleidigungen hinzugekommen, wird Augstein ihn dieses Mal, wie beim letzten Mal so sehnlich von Broder erhofft, verklagen?

Nein, nichts wirklich Neues in der „Welt“. Nur alles noch schriller. So vergleicht Broder Augstein im aktuellen Durchgang zunächst mit Michael Kühnen. Augstein wäre sein Michael Kühnen, sein Hausantisemit, wie früher Antisemiten ihren Hausjuden hatten, so wie Hilter seinen Dr. Bloch. Klar, das entbehrt nicht eines gewissen Humors. Aber das ist der beschissene Humor eines Dr. Freislers. Der, allerdings, verhängte anschließend Todesurteile. Broder würde wohl so etwas wie ein Berufsverbot für Augstein ausreichen. Denn das ist, was der Antisemitismusvorwurf in Deutschland einzufahren in der Lage war. War? Ja, denn das ist das nächste große Problem dieser Broders und Schmids. Und der Grund für noch einen und noch einen Durchgang ein und desselben Vorgangs in immer wieder abgewandelter Form. Der Broder wohlgesinnte Matthias Matussek – irgendwie sind da alle miteinander verkumpelt – unterschrieb den Artikel auf Facebook mit „Wo er Recht hat, hat er Recht“.

Woher kommt diese Liebe zur Litanei der Verunglimpfung? Liegt’s daran, dass Jakob Augstein zum ersten Mal schmerzlich für alle Broders und Schmids demonstriert, dass die „Antisemitismuskeule“ deutlich an Schlagkraft verloren hat? Geht Broder – hochgerüstet durch Schmid – auch deshalb ins letzte Gefecht? Ja, hier geht es also tatsächlich um Broders persönliches Verdun. Bewaffnet mit einer besonders ekligen Kanone: der monokausalen Giftigkeit alter Männer. In ihrer letzen Tinte badend, sind dann Grass, Broder und Konsorten friedlich vereint. Die Dreckschleudern schleudern Dreck, bevor ihnen dann doch die Krankenschwester den Riegel vorschiebt, wie man allen Alten irgendwann den Riegel vorschiebt, wenn’s zu deppert wird. Der Aufschrei also vor der finalen Sedierung des Lebens.

Broder deppert also damit, dass er Augstein mit Kühnen vergleicht. Der Jude Erich Fried schätze Kühnen, schreibt Broder, und er schätzt eben den Antisemiten Augstein. Geht’s noch blöder?

Ja, es geht noch blöder: Augstein würde am Antisemitismus leiden wie ein Diabetiker. Er bräuchte seinen Schuss Judenblut wie der andere das tägliche Insulin. Also ist alles, was Augstein zum Thema Judentum, Juden, Antisemitismus – und klar: Israel – schreibt, Produkt einer Krankheit. Toll. So wurden in Moskau einst Kritiker in den Gulag verbannt. Als Kranke. Bolschewik Broder hat dieses Mittel nicht. So soll die Umarmung Broders zu Augsteins persönlichem Gulag werden, die er in dieser x-ten Augstein-Schmähung vollzieht: „Auch ich kenne einen Antisemiten, den ich mag. Er ist umfassend gebildet, hat gute Manieren, ein Herz für die Armen und Ausgebeuteten.“

Bei Oma. Bei Broder nicht

Broder schreibt weiter, Grass hätte eine Obsession mit den Juden, „Sie auch“. Die größte Obsession in diesem Kontext hat nur leider Broder selbst. Und hinzu kommt jetzt die geladene Giftspritze des Alters. Ein Artikel aus einer düsteren Übergangszeit. Angefüllt von der Unfähigkeit zu erkennen, wann es Zeit ist, einfach mal die alte Klappe zu halten. Immerhin, Broder erkennt, wie kein Zweiter, den Showdown der Angelegenheit. Augstein steht noch. Und die eigene Kraft schwindet. Das tut weh. Noch mehr, weil sich Augstein wehrt. Nicht angeschossen, nicht einmal wütend, sondern – Höchststrafe – süffisant und schmunzelnd über das Toben des alten Herrn. Über das letzte Tosen des Alters.

Und nachdem Broder den Augstein in einem Artikel nun einleitend zum pathologischen Antisemiten erklärt hat, sieht er es an der Zeit, seine Argumentekiste aufzureißen. Das ist natürlich sympathisch. So sympathisch, wie wenn Oma zum hundertsten Mal die Fotokiste an die Kaffeetafel holt.

Nun gut, satt, gestärkt und in angenehmer Stimmung ist man auch dafür bereit. Bei Oma. Bei Broder nicht. Denn Broder weiß natürlich, dass er Augstein die Bilder alle schon hundertundeinmal vor die Nase gehalten hat. Augstein gähnt. Broder resigniert und endet also so: „Machen Sie sich nichts daraus. Sie bleiben ,my favorite anti-Semite‘. Mein Treitschke, mein Lueger, mein Chamberlain des 21. Jahrhunderts. Weil Sie so gute Manieren haben, so gebildet und – so unheilbar gesund sind.“

Aber was heißt das nun? Das heißt zunächst, dass hier einer, der im ausgehenden 20. Jahrhundert mit einer bestimmten Haltung opulent Gehör gefunden hat, nun glaubt, irgendein Nachhall davon müsste schrill ins 21. Jahrhundert schallen. Aber die Zukunft – er von ihr, oder sie von ihm, egal – hat sich längst abgewandt. Im 21. Jahrhundert ist Antisemitismus ein politisches, womöglich ein gesellschaftliches – aber vor allem ein Generationsproblem. Festgetackert an anachronistische und rassistische Weltbilder der Alten wird deren letztes Geschrei scheitern, hier noch einen Status quo zu installieren. Und das ist besser für alle Seiten. Besser für die Zukunft. Der Antisemitismusvorwurf wird nicht zum deutschen Perpetuum mobile. Schlicht schon deshalb, weil dann der Antisemitismus samt Vorwurf ausgestorben ist. In welcher Reihenfolge, spielt dabei vielleicht noch nicht einmal eine Rolle.

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