Werte-Inventur

Alexander Wallasch3.12.2012Gesellschaft & Kultur

Den Verfall von Sitte, Moral und Anstand hat schon Platon bei der Jugend diagnostiziert. Dieser Trend hält auch 2.500 Jahre später noch an. Bullshit.

„Der Spiegel“ berichtete 2005 über die Generation der bis 30-Jährigen: „Vier Fünftel empfinden es nicht als Beleidigung, wenn jemand sie als unpolitisch bezeichnet. Das große Aufbegehren gegen die Elterngeneration ist passé.“

Der „Focus“ schreibt 2012 über junge Deutsche:

bq. „Schnell werden sie in eine Schublade wie die ,Generation Facebook‘ gesteckt, da sie angeblich Freundschaften nur noch am Computer pflegen können. Sie sollen zudem schlecht gebildet, faul und unselbstständig sein. Und sich nur für Konsum und Komasaufen interessieren.“

Mal sehen, ob das wirklich stimmt.

Auf den ersten Blick scheint es so, als wären die kulturellen Unterschiede zwischen den Generationen noch nie so gering gewesen wie heute. Drei Nachkriegsgenerationen leben miteinander. Die erste spielte teilweise noch in den Trümmern, meine Generation hörte sich die Geschichten darüber an und die nächste könnte das alles bereits im Google recherchieren. Oder anders: Von der „ZDF Hitparade“ bis zu den Grünen, von No Future bis Grunge, vom HipHop ins Internet. Eine große Diversität in jeder Generation und eine scheinbar geringere zueinander. Nur, was spielt sich ab zwischen Otto Schily und David Guetta?

Eine Generation, die nichts falsch gemacht hat

Auf dem Forum goFeminin schreibt ein Schatzi92:

bq. „Ich habe hier jetzt schon mehrere Beiträge gelesen. Und bei den meisten kam heraus, dass Erwachsene eher schlecht über die Jugend denken. manche aussagen haben mich wirklich schockiert. ich würde gern wissen, was genau die anhaltspunkte für die schlussfolgerung so vieler erwachsene sind. wie kommt man dazu so etwas überhaubt zu behaubten?“

Ich saß neulich mit ein paar jungen Leuten unter fünfundzwanzig zusammen. Relaxte Atmosphäre, unhektisch, eine große angenehme Lockerheit. Im Laufe des Abends hat mich deshalb mehr und mehr der Zorn gepackt. Nein, nicht was manch einer jetzt denken könnte: nicht der Zorn darüber, dass ich ein alter Sack wäre. So etwas passt nicht zu mir: Der Zorn entzündete sich vielmehr an der banalen Erkenntnis, wie hochnäsig manchmal der Oldschool-Kosmos der Entscheider-Generation auf das Leben dieser neuen jungen Generation einwirken will.

Einwirken in einer Zeit, die doch eigentlich von individuellen und persönlichen Freiheiten platzen müsste. Was für eine Borniertheit ist das eigentlich, wie da aus dem Dunkel des Alterns mit fragwürdigen, nach vorn heraus sogar bisweilen arg schädlichen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, mit öden Altersweisheiten mitten hineingekotzt wird in dieses legere Lebensgefühl?

Ein dumpfer verschleierter Grein aus der Ecke der Leblosen? Olle Wertvorstellungen einer ergrauten Generation. Meiner Vätergeneration. Eine Generation, der man wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte nicht nachsagen kann, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Bullshit. Die sind einfach gelassener

Wir, die 1960er-Jahrgänge, sind zwischen diesen beiden Generationen ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ein Altersgenosse von mir schrieb vor ein paar Jahren in einer Online-Zeitung etwas, das ich mir gemerkt habe:

bq. „Liebe Elterngeneration, Ihr habt mich schwer enttäuscht. Ihr seid in Frieden aufgewachsen und habt Euch vor lauter Langeweile so was wie Gleichberechtigung, „pädagogisch wertvoll“ und „sexuelle Befreiung“ ausgedacht und gelebt. Ihr wolltet uns zu anständigen Menschen erziehen ohne häusliche Gewalt und so: wie von der grünen Wiese. Euch will ich sagen: Schön, dass wenigstens Ihr eine schöne Zeit hattet.“

Meine Generation ist die „Generation Richard David Precht“ (mein Jahrgang). Und wir sind altkluge Scheißerchen geworden. Jammern noch ein wenig nach hinten raus und üben schon den apokalyptischen Blick in die Zukunft, die für uns immer schneller heranrückt. Auch das keine Spur weniger peinlich als die Generation unserer Väter, deren Väter noch mit der eingefrorenen Knarre durch Russland gerobbt sind.

Über diese erste Nachkriegsgeneration der Fischers und Schilys titelte „Die Welt“ vom 18.5.1969: „Zweifellos ist dieses Generationsproblem die große Überraschung der Nachkriegszeit, wahrscheinlich die größte Überraschung unter allem Unvorhergesehenen.“ Meine Generation hat diese „unvorhergesehene“ Erbschaft aus unerfindlichen Gründen nicht ausgeschlagen. Gut, vielleicht dauert es tatsächlich zwei Generationen, bis die Scheiße und das ganze Selbstmitleid aus den Köpfen gespült sind. Eine elend lange Feinjustierung, bis die Gesellschaft wieder auf der Spur ist?

Kann sein. Diese jungen Leutchen jedenfalls, denen ich neulich beiwohnen durfte, verdienen weit mehr Respekt und Achtung als die blöde Feststellung, sie würden sich für nichts mehr interessieren, würden sich allwöchentlich ins Koma saufen, 24/7 auf der Playstation daddeln oder als Alternative mit riesigen Scheuklappen an ihre Karrieren denken.

Bullshit. Die sind einfach um ein beneidenswertes Maß ruhiger und gelassener geworden. Leiser. Gar nicht schrill. Und trotzdem nicht willenlos. Sie schreien ihr Wollen nur nicht gleich der Vorgängergeneration in die Fresse. Sie machen es vielmehr unter sich aus. Und gewinnen dabei. Nur hat es noch keiner gemerkt.

Machen wir endlich mal eine Werte-Inventur

„Trau keinem über 30“ ist bei denen still und heimlich gängige Haltung geworden. Nicht als Kampfansage wie bei den Erfindern dieser Parole, nicht laut rausgeplärrt, sondern verinnerlicht. Ins Blut übergangen. Nicht als Anti-Haltung, sondern als realistische Einschätzung des ergrauten Gegenübers. Toll. Eine große cleane Coolness stellt sich uns entgegen. Wir sollten uns also hüten, Selbstbewusstsein mit Lethargie zu verwechseln.

Diese Generation hat Strategien entwickelt, die überaus wirksam sind. Unüberwindbare Panzer. Was im Zweifel wie Totalverweigerung aussieht, ist perfekter Lerneffekt. Während meine Generation noch die ganze Feminismus-, Liberalismus- und Ökodebatte, diesen ganzen Weltverbesserungsunsinn für bare Münze genommen hat, sind die Enkel der Joschka-Fischer-Adepten resistent dagegen geworden. Das ist ein beneidenswerter Glücksfall.

Und wie herrlich es dort nach Unsterblichkeit duftet. Auf der anderen Seite hingegen: the smell of horror – vom Leben gerockt. Die Angst schon im behaarten Nacken; der eine weniger, der andere mehr, der eine weiß schon, was der andere erst ahnt.

Was heißt das für uns? Mal die Schnauze halten. Die nächste Generation hat doch die Erbschaft längst abgelehnt. Machen wir also endlich mal eine Werte-Inventur. Seien wir nicht länger so selbstgerecht und selbstzentriert. Nicht mehr und nicht weniger sind wir diesen tollen Leutchen schuldig.

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