Körpergeruchswelten

von Alexander Wallasch28.11.2012Gesellschaft & Kultur

Es wird Dreck geschleudert und der Antisemitismus zu niedriger Münze verkauft – Henryk M. Broder und Jakob Augstein streiten wieder. Ist das eigentlich gesellschaftlich relevant?

Augstein schreibt als Betroffener über die Antisemitismuskeule. Broder keult dafür Augstein. Aber wird wirklich eine „Debatte“ daraus, wie es sich „Die Welt“ so dolle wünscht und hoffnungsvoll über die aktuellste Jakob-Augstein-Beschimpfung Broders titelt?

Die Sache will sich also auf Biegen und Brechen zu einer Debatte auswachsen. Zu etwas, das die Auflage in die Höhe treiben soll. Na mal sehen, schauen wir zunächst mal rüber zu Jakob Augstein. Warum er sich das alles überhaupt antut, wusste zunächst nur er genau. Jedenfalls hat Broder zu einem bestimmten Zeitpunkt als einsamer Wolf an Augstein rumgeschnüffelt und wohl “„Körpergeruch“ wahr- und sogleich Fährte aufgenommen”:http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article111546855/Was-Antisemitismus-und-Koerpergeruch-verbindet.html.

Mitte September dieses Jahres zu nachtschlafender Zeit war die Broder-Nase dann wohl voll genug und auf der Deodorant-Website „Achse des Guten“ wurde aus allen Rohren geschossen: Augstein „ist ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder, ein Überzeugungstäter, der nur dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen“.

Broder tut, was Augstein wehtut

Über Broders „Achse des Guten“ schreibt „Die Zeit“: „Vielleicht empfiehlt es sich, die Internetseite ,Achse des Guten‘ … aus der Debatte herauszuhalten. Sie hat sich eher als Achse des Bösen gezeigt.“ Nun ist Broder aber Autor von „Die Welt“. Und Herausgeber Thomas Schmid – ein in grauer Vorzeit konvertierter Linksradikaler aus der Frankfurter Joschka-Fischer-Truppe – stellt Broder dort eine Plattform zur Verfügung, die Augstein in die Debatte zwingen soll. Sicherheitshalber rangiert Broders Geätze Richtung Augstein dort weit unten in der Rubrik „Meinung“, aber das ist am Ende des Tages eine Randnotiz, denn Label bleibt nun mal „Die Welt“.

Nach der “ungeahndeten „Dreckschleuder“-Beschimpfung”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_lupenreiner_antisemit_eine_antisemitische_dreckschleuder/ (Broder flehte am selben Ort um Klageeinreichung, der Augstein nicht entsprach) Aufschlag nun also bei Augstein. Die Reflexe funktionieren auf beiden Seiten. Und der schreibt am 26. November in seiner S.P.O.N.-Kolumne auf „Spiegel Online“: „Und bei dem Publizisten Henryk M. Broder sind ohnehin schon seit langem alle Bremsen defekt, sonst würde er nicht im tagespolitischen Streit darüber fabulieren, wer wohl seinerzeit auch ,an der Rampe‘ seinen Dienst versehen hätte oder wer sich nun gerade freut, ,wenn’s Judenblut wieder vom Messer spritzt‘. Hier entgleisen nicht nur die Worte. Das Gedenken an den Holocaust wird zu niedriger Münze verkauft.“

Der 66-jährige Broder liest und schleudert dem viel Jüngeren schon am darauffolgenden Tag den also in einer Nacht- und Nebelaktion gestrickten Handschuh hin. Und der hat es in sich. Zunächst erklärt Broder, worin er seine Aufgabe sieht und warum er tut, was Augstein wehtut. Er will erkannt haben, dass sich in der Frage, wer nun Antisemit sei und wer nicht, „Forscher für nicht zuständig“ erklären und „Journalisten und Sozialarbeiter gerne den ,arbeitslosen Jugendlichen‘ als Sündenbock präsentieren“. Des Weiteren beklagt er die Feigheit des Antisemiten, sich heute nicht als solcher zu erkennen zu geben. Seine Logik in der Sache: Der Antisemitismus sei „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen; aber es stehe niemand auf, weder in der Mitte der Gesellschaft noch an ihren Rändern, und rufe: „Hier! Ich bin gemeint!“ So weit, so irgendwas.

Aber dann folgt etwas, das schwer einzuordnen ist. Broder provoziert in einer ganz neuen Qualität: Jetzt liest es sich tatsächlich so, als würde Broder Augstein für einen Alfred Rosenberg des 21. Jahrhunderts halten.

Ein Salonantisemit sein?

Das muss man genauer anschauen: „Auch Jakob Augstein (…) will kein Antisemit sein. (…) Allerdings: Alle maßgeblichen Antisemiten der Moderne – von Houston Stewart Chamberlain bis (…) bis Alfred Rosenberg – waren gebildete Menschen, die sich nie dazu hergegeben hätten, ihren Judenhass in die Tat umzusetzen, also persönlich Hand anzulegen. Die Nazis haben das Bild des Antisemiten brutalisiert und damit langfristig versaut.“

Augstein ist also für Broder einer, der nur deswegen etwas gegen Nazis hat, weil die seinen, den Augstein’schen Antisemitismus für immer diskreditiert hätten? Legen wir die Frage beiseite, denn Broder befindet weiter, das „Augstein (…) von der Last der deutschen Geschichte erlöst werden“ will.

Um was zu tun? Ein Salonantisemit zu sein? Oder, wie es “Augstein im Artikel schreibt”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-israel-inflationaerer-gebrauch-des-antisemitismus-vorwurfs-a-869280.html, auf den Broder sich lediglich formal bezieht: „Früher war es eine Schande, für einen Antisemiten gehalten zu werden. Inzwischen muss man solchen Vorwurf nicht mehr ernst nehmen. Im Meer der hirn- und folgenlosen Injurien des Internets geht auch diese Beschimpfung einfach unter.“ Und weiter: „Aber wenn jede Kritik an israelischer Besatzungspolitik antisemitisch ist, hört Antisemitismus auf, etwas Verwerfliches zu sein. Das freut die echten Rassisten und Antisemiten.“

Und so wird auch diese Debatte, die nur einseitig eine sein will, aber keine sein sollte, zum hässlichen Miniatur-Spiegelbildchen eines unversöhnlichen, eines geradezu internationalisierten Israel-Palästina-Konfliktes. Eines Konfliktes übrigens, der in einem längst nicht mehr völkisch definierten Staatsbürger-Deutschland besondere Priorität zu haben scheint.

In einem Deutschland, das früher oder später in einem Vereinigten Europa aufgehen wird, welches dann nicht nur die Wirtschaftskraft Deutschlands, sondern eben auch solche nickeligen Stellvertreter-Konflikte mit in die Wiege gelegt bekommt. Mal schauen, was dann daraus werden wird.

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