Digital Dog

Alexander Wallasch26.11.2012Gesellschaft & Kultur

Nichts geht mehr ohne Internet? Von wegen! Erkenntnisgewinn entsteht immer noch erstaunlich häufig analog. Ein Spaziergang hilft dabei. Ein Hund auch.

Sie kennen das längst, es gibt die Alten, die in ihrer traditionellen, der Vor-Internet-Welt, verortet sind und es gibt den modernen Menschen, den „Digital Native“, der von klein auf ins Digitale hineingewachsen ist und sich dort sein Zuhause eingerichtet hat. Ein Zwitterwesen ist der „Digital Immigrant“, der aus dem Analogen erfolgreich ins Digitale eingewandert ist, hin zu seinem neuen Lebensmittelpunkt.

Wer mitdenken will, scheint ohne das Netz verloren

Der Netzlose wird heute von der Gemeinschaft der Natives und Immigrants, der sogenannten „Community“ milde belächelt und gilt gemeinhin als Zukunftsabgewandter. Gestriger. Das bezieht sich sowohl auf dessen Abwesenheit in sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. wie auch auf die behauptete Verweigerung von Wissen und Erkenntnissen mittels Google und, klar: “Wikipedia.”:http://www.theeuropean.de/jimmy-wales/2205-im-gespraech-mit-jimmy-wales

Wer also heute Schlaues formulieren will, wer mitdenken will, der scheint ohne das Netz verloren zu sein. Der Analoge, etwa der Print-Journalist, wurde zur Immigration verurteilt. Nun weiß aber jeder, der so etwas schon getan hat: das intensive Studium einer Sache passiert nach wie vor erstaunlich analog. Wer sich wirklich intensiv mit einer Sache beschäftigt, der sammelt die Bausteine hin zu einer möglichen Erkenntnis nicht primär über Wikipedia oder Google, sondern recherchiert nach wie vor aus einer selbst zusammengestellten Auswahl von Büchern analoger Vordenker. Oder sucht das analoge Gespräch mit lebendigen Wissensträgern.

Sicher, es gibt heute z.B. den Amazon-Kindle als mobile Bibliothek. Aber auch der bleibt ein Surrogat, eine Krücke, eine alternative Wiedergabeform analoger Werke in digitaler Form. Ein Digital Fake. Und sind nicht bis heute die allermeisten Denker und Gedanken, von und aus denen wir neue Erkenntnisse schöpfen, analogen Ursprungs? Wenn das wahr wäre, dann ist das erstaunlich. Denn Erkenntnisse sind nun mal der Treibstoff des Wissens. Erkenntnisse sind aus analogen Einsichten und Erfahrungen gewonnenes Wissen.

Nehmen wir mal die sogenannte Schwarm- bzw. kollektive Intelligenz. Dieser digitale Mythos, der Menschen im Netz zu Ameisen macht, die dann im Hügel Erstaunliches zu vollbringen in der Lage seien. Nur welche Ameisenwunder fallen einem da spontan ein? Ja, der kleinste Schwarm, nämlich zwei Menschen im Gespräch, bleibt erfolgreichster Erkenntnis-Gewinnler, wenn man eine solche überhaupt in irgendeiner Gemeinschaft entwickeln will oder muss.

Demgegenüber gelten Zwiegespräche auf Facebook unter Facebookern als Indiz einer Vereinsamung. Wer auf seiner Pinnwand zu einem Thema mit nur einem „Freund“ interagiert, gilt als uninteressanter Mensch. Nur ein Like, nur ein Kommentar – mit so einem/-er möchte der gemeine Facebooker nicht befreundet sein. Uninteressant. Und ein starkes Anzeichen für ein digitales Immigrationsproblem. Das Zwiegespräch bleibt im Digitalen unpopulär. Die digitale Welt ist also nicht Ort einer Schwarmintelligenz, sondern zunächst einmal eine Massenveranstaltung. Also erkenntnisfeindlich.

Man kann mit Recht annehmen, dass Erkenntnisgewinn in analoger Einsamkeit entsteht. Was aber bedeutet das für die gesellschaftliche Fortentwicklung? Nicht weniger, als dass die viel belächelte analoge Welt einen nicht unerheblichen Einfluss hat, wenn nicht sogar eine Notwendigkeit für digitalen Fortschritt bedeutet. Dafür spricht auch die große Anzahl von Postings analoger Gedankenwelten, Zeitungsartikel usw. in den sozialen Netzwerken.

Rainer Langhans beispielsweise ist ein großer Fürsprecher des Digitalen: „Dieses Netz ermöglicht das erste Mal in der uns bekannten menschlichen Geschichte allen, geistige Wesen zu werden.“ Langhans’ Vergeistigung fundamentiert sich im Netz dann allerdings so: Er postet und verschickt vornehmlich Links zu digitalisierten Artikeln aus der analogen Welt. Interaktivität, Kommunikation, ja nicht einmal das öffentliche Zwiegespräch: Fehlanzeige. Und letztlich bleibt ja der Link hin zu einer digitalen Publikation analoges Zitat. Zitat einer lediglich ungedruckten Erkenntnis eines analogen Einzelnen. Langhans versteht sich als Initiator von Schwarmintelligenz. Rainer Langhans ist die Ameisenkönigin. Seine Adepten „teilen“ den analogen Link im günstigsten Fall, diskutieren ihn und hoffen aus einem mehr oder weniger umfangreichen Kommentargeschehen auf einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, der sich allerdings nicht einstellen will. Denn wer aufmerksam die „threads“ einer jeden Facebook-Diskussion verfolgt, der kommt nicht umhin, eine Kommentar für Kommentar fortschreitende Verflachung festzustellen, wenn die Sache nicht sowieso frühzeitig von einem Shitstorm beendet wird.

Nehmen wir nun also mit Recht an, das analoge Zwiegespräch sei der Motor des Erkenntnisgewinns, dann können wir weitergehend davon ausgehen, dass Vertrauen die Basis so eines konstruktiven Zwiegesprächs ist, nur wo soll dieses Vertrauen entstehen, wenn nicht in der analogen Welt?

Passionierte Spaziergänger und Hundeliebhaber

Da wundert es nicht, dass unsere Vordenker größtenteils auch passionierte Spaziergänger sind oder waren. Nicht im “Google Street View”:http://www.theeuropean.de/jeff-jarvis/4946-die-grenzen-des-privaten, sondern tatsächlich im Wald oder durch die Wiesen. Wer sich einmal die Mühe macht, und sich genauer mit unseren Geistesgrößen beschäftigt, wird eine weitere, nur auf den ersten Blick banale – Beobachtung machen: eine überproportionale Affinität zu Hunden: Hunde zwingen zum Spazierengehen. Nachdenkzeit. Mit einem Hund kann man nicht digital Gassi gehen. Der Tamagotchi hat sich auch deshalb nicht durchgesetzt, weil ihm der Erkenntnisgewinn fehlte. Dieses großartige Zusatzgeschenk. Ein Zeitzwinger. Ein Mehrwert, der in einem wie auch immer gearteten “Second Life”:http://www.theeuropean.de/joerg-friedrich/5468-die-zukunft-der-sozialen-netzwerke schlicht nicht vorkommt.

Die jahrtausendealte Beziehung zwischen Mensch und Hund ist tatsächlich fast völlig unbemerkt in eine aufregende neue Daseinsstufe aufgestiegen. Der amerikanische Bestsellerautor John Irving beispielsweise ist bekennender Hundefan. Der britische Philosoph Mark Rowlands “adoptierte einen Wolfswelpen”:http://www.amazon.de/Der-Philosoph-Wolf-wildes-lehrt/dp/3492258654/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1353877518&sr=8-1 und „das Zusammenleben mit dem Wolf brachte Rowlands dazu, seine Haltung zu den fundamentalsten Fragen der menschlichen Existenz zu überdenken: Liebe, Freundschaft, Tod, Natur und Zivilisation bekamen eine völlig neue Bedeutung“. Und ja, sogar Rüdiger Safranski stellte nicht ohne Hintersinn fest: „Wo immer ich gehe, folgt mir ein Hund namens Ego.“

Fazit: „Liebe, Freundschaft und Tod“ werden millionenfach im Internet verhandelt. Ein Spaziergang mit dem Dackel des Nachbarn bleibt unabhängig davon die stärkste analoge Konkurrenz.

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