Keine Experimente!

Alexander Wallasch19.11.2012Gesellschaft & Kultur

Unser Kolumnist sieht eine widersprüchliche Welt heranwachsen – eine Welt voller scheinheiliger Jack-Wolfskin-tragender Männlein mit Sigg-Flasche als Penisersatz.

Mal ehrlich, geht es Ihnen nicht auch so? Ich habe mehr und mehr das Gefühl, nein, es ist fast schon eine Gewissheit, dass meine Vorstellungen darüber, wie ich leben möchte, wie ich Dinge betrachte, wie ich mir meine Welt wünsche, mit den Vorstellungen meiner Umwelt kollidieren.

Nicht, dass ich jetzt darüber enttäuscht wäre: Enttäuschung ist das falsche Wort. Es ist mehr Abscheu. Wenn Sie es konkreter wollen, dann muss ich irgendwo anfangen. Ganz egal, wo: beispielsweise bei den Grünen. Aktuelle Debatten wie „Wer-nun-warum-die-Partei-in-den-Wahlkampf-führt“ widern mich tatsächlich an. Die Präsenz oder besser: die Dominanz eines neuen Denkens, dieses wachsenden gesellschaftlichen Konsenses zu bestimmten Themen, lässt auf ein Menschenbild schließen, das sich von meinen Idealvorstellungen immer weiter zu entfernen scheint.

Nationen sind handlungsunfähig

Aber verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich macht es nichts, wenn Dinge nicht so sind, wie sie sein könnten. Aber es war für mich lange ein beruhigendes Gefühl, wenn ich mit meiner Vorstellung davon, wie Dinge sein könnten, Teil einer gemeinsamen Vorstellung war. Heute schlage ich die Zeitung auf, schalte den Fernseher ein, und entdecke immer mehr Widersprüche als Bestätigungen. Das Erleben einer Grundbewegung hin zu etwas Besserem, hin zu etwas, das ich für besser halte, ist mir abhandengekommen.

Die Arbeit anderer an deren gemeinsamen Werten für ein gemeinsames Leben wirkt in der Tat immer mehr wie eine Kampfansage. Meine Agenda zu besprechender Themen, meine Problemstellung – alles nicht mehr konsensfähig. Bin ich auf dem besten Wege, ein Misanthrop zu werden?

Mein etwas älterer Freund Bernhard, den ich darauf besorgt anspreche, will mich beruhigen: „Du hast doch Kinder und eine junge Frau, da hast du doch immer eine volle Bude. Ist wahrscheinlich aber auch anstrengend. Ist bei mir irgendwie anders, ich lerne mehr Leute kennen und befreunde mich sogar noch mit denen, deine Zweifel hatte ich allerdings in deinem Alter auch.“

Ist es also „nur“ eine Lebensphase? Eine Lebensabschnittsmisanthropie? Vielleicht sogar so etwas wie eine Midlife-Crisis? Ich glaube das nicht. Denn ich sehe eindeutige Belege. Fangen wir maximal weit oben an: das Festhalten am Euro. Wir müssen mit Entscheidungen anderer leben, die wir rückwirkend für falsch halten, die aber nicht mehr revidierbar sind, weil der Schaden unübersehbar wäre. Genauso ist es mit der Globalisierung, denn ihre immer offensichtlicher werdende vernichtende Kraft ist ja nicht einfach so über uns gekommen wie eine Naturkatastrophe, sondern Ergebnis unseres kapitalistischen Weltwirtschaftssystems.

Nationen sind heute handlungsunfähig. Jede nationale Entscheidung scheint aus sich heraus schon ein unübersehbares Risiko geworden zu sein. Und welche Weltgemeinschaft nun ersatzweise die neue Entscheidungshoheit hat, bleibt völlig unklar. Sind es verschiedene international miteinander operierende nationale Unternehmen in konkreten Absprachen oder operiert da doch nur eine spontane uns völlig entglittene Eigendynamik? Irgendein großes Pulsieren eines organischen Kapitalismus? Welche Vorstellung haben wir noch von einem gemeinsamen Deutschland? Welche Werte verbinden uns? Sind wir Volk und – oder nur noch Staatsbürger? Singt Özil nun doch die Nationalhymne oder sollte er das einfach lassen?

Diametral dazu wächst die Schar derer, die ihr Heil in Religionen suchen. Religionen, die nichts mehr zu tun haben mit der Religiosität, die in der Dorfkirche oder dem Dom gelebt wurde, sondern vielmehr mit einem entrückten Geschrei in fensterlosen Holz- und Betonbunkern freikirchlicher Erweckungstempel: Religion nicht per Geburt, sondern als Bekenntniskirche. Tauf mich neu, also bin ich neu. Aber das will ich nicht sein. Stadtteilfeste, scheinheilige Jack-Wolfskin-tragende Männlein mit umgeschnalltem Känguru-Portemonnaie und Sigg-Flasche als Penisersatz. Der neue Samenerguss heißt Apfelschorle. Und dann natürlich Facebook. Der Ort, wo das alles dann auch noch in jedem hässlichen Detail gelikt und tausendfach geteilt wird. Ein schmutziger Ort, ein Hort des Infantilismus und der ewigen Wiederkehr ein und desselben Standpunktes – nicht geschliffen, sondern einfach nur abgeschliffen.

Machtlos gegenüber dem Wachstum

Insgesamt also das ungute Gefühl, dass da eine Gesellschaft entsteht, die man so nicht will, aber deren ungehemmtem Wachstum man machtlos gegenübersteht. Die Diversität der Gesellschaft ist verloren gegangen. Fehlende Authentizität ist sogar ihr neuer Treibstoff. Und die Demontage einer vernünftigen Dialektik der Scharfrichter. Verlogenheit, Selbstzufriedenheit, Lustlosigkeit – die neuen Sünden im modernen Sündenregister stehen den altehrwürdigen in nichts nach. Gedeckelt wird das Ganze mit einem lutherischen Eifer, der zu nicht mehr führt, außer zu Bespitzlung und Denunziation einer falsch entsorgten Mehrweg-Bierdose. Ein großer Nihilismus, denn wo sollen die Werte sein, wenn nichts über das eigene Wohlbefinden hinausgeht? Verliebt in den eigenen weichgespülten, spaßbefreiten Zynismus.

Aber wie konnte es dazu kommen? Wie weit müssen wir dafür zurückgehen? Bis zur größten aller deutschen Düsternisse? Wir Deutsche haben uns in der neuen Bundesrepublik eingerichtet. In einer neuen Gesellschaft, in der scheinbar eine große Schnittmenge möglich schien zwischen realer Wirklichkeit und Idealvorstellung von Wirklichkeit. Dafür war der absolute Nullpunkt nach Krieg und Zerstörung, dazu war die absolute Hoffnungslosigkeit – so makaber das klingen mag: zunächst hilfreich.

Denn die Gestaltung der Lebensumstände, die Verwirklichung von Wünschen war wohl selten zuvor so direkt mit dem eigenen Handeln verbunden. Neuaufbau ersetzte den Kampf um Veränderungen. In allen Lebenslagen. So gesehen könnte man nun auch behaupten, dass wir heute in einer Welt leben, unter Umständen leben, die wir und unsere Eltern und Großeltern so gemacht, so gestaltet haben, weil wir sie so wollten, weil sie unsrem Ideal entsprach.

Aber nein, das zu behaupten, wäre falsch, denn die Überlebenden des Krieges waren seelisch, moralisch und körperlich am Boden. Die totale Erschöpfung nach dem totalen Krieg. „Der letzte Überlebenswillen war eigentlich bereits für das Überleben aufgebraucht.“ (Karen Keller). So gesehen überrascht nicht, dass dort auch kein Raum mehr über war für das Eingeständnis persönlicher Schuld. Da war in Wirklichkeit nichts ergebnisoffen.

Das war ja auch die große Erkenntnis, die große Entrüstung der 68er. Mehr noch, der fehlende Wille, das Unvermögen, Experimente einzugehen, war über ein Jahrzehnt zuvor schon politischer Erfolgsschlager: Adenauer warb früh mit dem Slogan „Keine Experimente“. Und so wurden auch keine gemacht. War das schon der erste und einzige große deutsche Nachkriegskonsens? Und betrachtet man den Nationalsozialismus als deutsches Experiment, dann klingt das doch auch alles logisch. Adenauer allerdings bezog sich gar nicht auf diese Zeit, hier wirkte ja bereits der Kalte Krieg: die Frontlinie einer neuen Bedrohung.

Vorstellungen kollidieren mit der Umwelt

Aber gut, das alles, die Grundvoraussetzungen, die Geschichte und ihre Auswirkungen sind ja bekannt. Die Konsolidierung von neu erworbenem materiellen Wohlstand wurde zur obersten Prämisse. Das Goldene Kalb Wirtschaftswunder mit seinen Zeremonienmeistern, die in Teilen schon Jünger des Hakenkreuzes waren, wurde zur Keimzelle der Bundesrepublik. Und die, damals dagegen aufstanden und sich in ihrem eigenen Kalten Apo-Krieg verschlissen haben, haben sich 1998 mit ihren Nachgeburten Schröder und Fischer dazu entschlossen, keine Experimente mehr zu machen. Und das ist nun der zweite große deutsche Nachkriegskonsens.

Und der führt nun dazu, dass ich mehr und mehr das Gefühl habe, nein, es ist fast schon eine Gewissheit, dass meine Vorstellungen, wie ich leben möchte, wie ich Dinge betrachte, wie ich mir meine Welt wünsche, mit den Vorstellungen meiner Umwelt kollidieren. Mit diesem Konsens kollidieren. Wie geht es Ihnen dabei?

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