High Noon am Elfenbeinturm

Alexander Wallasch25.10.2012Gesellschaft & Kultur

Florian Illies’ neues Buch, 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts, ist ein Avantgarde-Almanach. Ein gigantischer Therapie-Stuhlkreis-Striptease. Ein Buch, das nachwirken wird.

Heute ist es so weit. Florian Illies’ Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ erscheint. Und, um mich gleich vorweg maximal zu positionieren: Sein Avantgarde-Almanach 1913 wird sich sehr lange in den Bestsellerlisten halten. Und dort eine ganze Weile sogar unter den ersten fünf Plätzen. Darauf darf man getrost Wetten abschließen. Gut, Buschkowsky und Kachelmann sind schwer von den ersten Plätzen wegzuschießen, Rolf Dobellis Doublette „Die Kunst des …“ wackelt da schon eher. Und Manfred Lütz hat sich sowieso so weit oben in einer falschen Welt verirrt.

Ein großer Schicksalsreigen

„1913“ – Auslieferung Ende Oktober, das Weihnachtsgeschäft beginnt, und was uns der „Generation Golf“-Auflagen-Millionär da auf den Gabentisch legt, ist das perfekte Geschenk: „1913“ hat den Charakter eines Nachschlagewerks, bildungsbürgerlich, schlau, ohne zu verwirren, sanft, ohne zu langweilen, witzig, ohne Brüller sein zu wollen, empathisch sowieso, und mit einer Unmenge an heute populären Persönlichkeiten gespickt, die jedem Oberschulabsolventen auf irgendeine Weise vertraut sind. „1913“ schafft von der ersten Seite an eine Vertrautheit und maximale Schnittmenge mit der großen Klientel der bildungsbürgerlichen Deutschen im 21. Jahrhundert. Um auch das gleich vorwegzunehmen: An keiner Stelle bekommt man den Eindruck, solche werblichen Überlegungen hätten am Werk des Autors mitgeschrieben.

Aber zur Sache: Illies hat also einen Avantgarde-Almanach 1913 geschrieben. Jenes ebenso unschuldigen wie unruhigen Jahres am Vorabend des I. Weltkrieges, der alle Ordnungen und Unordnungen, und das Denken und Nichtdenken in Europa für immer verändern sollte.

Der S. Fischer Verlag schreibt: „Florian Illies ist mit seinem Buch das atemberaubende Porträt eines einzigartigen Jahres gelungen. Illies lässt dieses Jahr 1913 in einem grandiosen Panorama zur lebendigen Gegenwart werden.“ Und der Verlag hat recht: Es scheint mitunter sogar so, dass nicht der Autor der Chronologie der Ereignisse folgt, sondern die Ereignisse dem Autor; seinen Kommentierungen, Einbettungen, Anmerkungen und Szenenwechseln. Ein großer Schicksalsreigen Jahrgang 1913. Schnitzler lässt grüßen, der seinen Reigen noch nicht einmal geschrieben hat, der aber bei Illies ebenso mitleiden muss wie seine künstlerischen und – am Rande auch – politischen Zeitgenossen. Denn ja, selbst Stalin und Hitler sind anwesend.

„1913“ ist unterteilt in die zwölf Monate. Zwölf Kapitel also, in denen Illies in kaum mehr als seitenlangen Absätzen Sequenzen und Begegnungen aus dem Leben jener Menschen aus Kunst, Musik und Literatur erzählt, deren Arbeiten wie wir heute wissen die deutsche Romantik beendeten und etwas völlig Neues eröffneten. Illies hat viel recherchiert. Er muss sogar Unmengen von Recherchen gemacht haben (allein die Auswahl der Bibliografie am Ende ist fünf Seiten lang, aber dankenswerterweise verzichtet er auf Fußnoten). Auf jeder Seite spürt und fühlt man instinktiv: Hier ist nichts hektisch zusammengegoogelt worden. Alles angelesen oder nachgelesen in diesem von Illies seit 2011 selbst gewählten Grisebach’schen Hölderlin-Turm. Gut vorstellbar, dass da eine gigantische Biografien-Bibliothek verborgen liegt. Aber dazu später Genaueres mehr.

Kurze Episoden aus dem 1913er-Leben von Benn, Rilke, Kafka, Else Lasker-Schüler, den Manns, Freud, Strawinsky, Erzherzog Franz Ferdinand, Brecht und etlichen mehr werden in einem großartigen Live-Ticker zwischen Berlin – Wien – Paris – München bis hinüber nach New York hin und her getickert. Ein besonderes literarisches Kunststück des Autors besteht dabei darin, die feinen und weniger feinen Bande dieser Avantgarde zu einen großen dichten Beziehungsnetz zu verweben. Also eigentlich ist das ja alles schon miteinander verwoben, aber Florian Illies zeigt zum ersten Mal das ganze Netz dieser Geniespinne, die da alles andere als regungslos am Anfang des 20. Jahrhunderts hockt.

Lesefreude auslösende Schwingungen

Nach dem Schlusskapitel „Dezember“, nach unerhört prallen 311 Seiten, hat man neue Bekannte gewonnen, denen man ohne Illies wohl so nur über ein intensives Biografiestudium nähergekommen wäre. Und wer schafft es schon, 50 Biografien zu lesen und sie dann noch miteinander in Beziehung zu bringen?

Intrigen, Liebschaften, Mäzenatentum, Neid, Freude, Sehnsucht, Erotik, Verzehr, mörderische Liebe – irgendwann ist völlig klar: Hier hat jeder mit jedem etwas und irgendwie auch alle zusammen. Körper und Seelen. Wahlverwandtschaften. Keiner ist mehr ohne die anderen denkbar. Und wie unerhört leicht diese Verknüpfungen und Zusammenfügungen bei Illies gespielt werden. Ein Hochgenuss. Jeder Satz sitzt, wie Wort für Wort hundertfach ab- und nachgewogen, bis alles ganz wundersam locker in Lesefreude auslösende Schwingungen gerät.

Illies’ Weitwinkelbetrachtungen im geschlossenen Raum werden prägend nachwirken. Darin wird in der Rückschau zweifellos der größte Erfolg von „1913“ bestehen. Ein gigantischer 1913-Therapie-Stuhlkreis-Striptease in Anwesenheit von Freud und C. G. Jung, die hier selbst mehr zu Patienten werden, als dass sie nur nüchterne Analysten blieben.

Hochamt eines degenerierten, kränkelnden, schwesternverliebten, selbstmordgefährdeten, impotenten und überpotenten, erfolglosen und erfolgreicher werdenden, schnorrenden, greinenden, jubilierenden, größenwahnsinnigen, selbstzweifelnden Vereins augenscheinlich halb oder schon dreiviertel-irrsinnigen Genies.

Das Kalendarium als roter Faden wird von weiteren losen Fäden eskortiert: Rilke hat immer noch Schnupfen. Die Mona Lisa wurde geklaut. Taucht sie wieder auf? Wann beendet Kokoschka sein Meisterwerk und wird ihn nach der Vollendung die Witwe Mahlers heiraten, wie von ihr versprochen? Und so weiter und so fort.

Wettstreit der Künstler

1913 ist für die Protagonisten eine Zeit des Briefeschreibens. Ständig schreibt jeder an jeden Briefe. Und das machen sie mit einer Intensität, dass man das widersprüchliche Gefühl nicht los wird, so etwas könnte heute kein E-Mail- oder Facebook-Verkehr leisten.

„1913“ ist auch ein Buch des Reisens und Unwohlseins. Der Kuren, Luftveränderungen und Sommerfrischen. Ständig ist irgendwer irgendwo hin unterwegs oder möchte es gerne sein, schafft es dann aber doch nicht, aus seinem Elfenbeinturm des künstlerischen Wollens in die Welt da draußen zu entfliehen.

Wie eingangs schon erwähnt, sitzt Autor Florian Illies selbst seit 2011 in so einem Elfenbeinturm. Mitten heraus aus der Kulturredaktionsleitung der „Zeit“ ist der im Mai 1971 geborene Journalist und Schriftsteller im Sommer 2011 als neuer Gesellschafter zum Auktionshaus Villa Grisebach nach Berlin-Charlottenburg gewechselt. So gesehen ist 1913 auch eine der gelungensten Werbeschriften, die je ein Unternehmen für seine Produkte hätte schreiben können. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Es ist schlicht eine Randnotiz. So wie in „1913“ auch die einfachen Menschen und ihre Umstände letztlich zu Randnotizen werden. Alle schmoren im eigenen Saft. Mal süß, mal bitter-gallig. Illies’ Objektiv ist streng auf die Avantgarde gerichtet.

Selten wurde die Frage nach dem Wirkungsgrad der Kunst auf die Gesellschaft verständlicher beantwortet als hier: Was will, was kann der Wettstreit der Künstler um die eindrucksvollste und nachhaltigste Abbildung auch gesellschaftlicher Widersprüche bewirken? Schon wenige Monate nach 1913 begann das Schlachten und Morden, das große Teile Europas und seiner Kultur in zwei aufeinanderfolgenden Kriegen in Schutt und Asche legte. Die Vorkriegskunst wird so zum nachgereichten Alibi für die Künstler. Also Vorgefühl, als Prophezeiung. Krankheit erkannt, aber kein Heilrezept in der Nähe. Patient tot. Oder reanimiert in den Goldenen Zwanzigern, nur um dann gleich wieder hoffnungslos an der Welt zu erkranken.

Und solange ist 1913 ja noch nicht einmal her. Wenn Florian Illies die überlieferten Kunstwerke dieser Avantgarde mit weißen Handschuhen anfasst und für Hunderttausende von Euro in seinem Berliner Elfenbeinturm versteigert, dann verhandelt der einfache Mann auf der Straße vielleicht gerade die Erinnerungen seiner Großeltern. Wühlt mal mehr und mal weniger verständnislos in alten Fotografien und Aufzeichnungen seiner verstorbenen Angehörigen, darunter auch solchen aus dem Jahr 1913, bevor er diese in den großen blauen Sack auf dem Müllplatz persönlicher Familiengeschichten entsorgt.

Mörderische Kriege waren die großen Dramen dieses Jahrhunderts und beinahe alle Familien waren Betroffene. Kaum eine stand außen vor. Viele hatten in dieser kalten Zeit weit mehr als nur einen Schnupfen wie Rilke 1913. Ja, Rilke war öfter verschnupft, wenn er urlaubte, kurte und sich erholte. Die Dramen der einfachen Leute waren schon immer woanders zu Hause als in den von Morphium und Absinth verdrehten Köpfen einer selbstmitleidigen deutschen Avantgarde. Ein jammervoller Haufen Genies voller Selbstzweifel, das wissen wir nun nach Illies’ „1913“ genauer. Und es liest sich dennoch wunderbar. Voller Mitgefühl für jede einzelne Figur. Und so atemlos wie es der Verlag im Klappentext behauptet.

Lustiges Durchatmen nach jedem dritten oder vierten Absatz Hochkultur

Aber auch ehrlicherweise kann niemand 300 Seiten ohne Atem durchhecheln. Illies’ Kunstgriff – er fächelt Luft! – ist so einfach wie stellenweise auf amüsante Weise banal: Ein zweiter Pausenticker berichtet in wenigen Sätzen, was sonst noch so geschah. Manchmal in direktem Bezug, manchmal fast dadaistisch, wenn zum Beispiel von der Geburt Burt Lancasters berichtet wird oder von der Hans-Joachim Kulenkampffs, die beide in diesem Kontext nun wirklich niemanden interessieren. Ein lustiges Durchatmen also nach jedem dritten oder vierten Absatz Hochkultur. Pausenzeichen.

Klar, die ersten Vierfünftel jedes vernünftig gemachten Hollywood-Katastrophenfilmes gehen so: Jeder, außer den Protagonisten selbst natürlich, weiß, was sich Apokalyptisches entladen wird. So wird bei „1913“ jedes ungute Gefühl aus der allwissenden Perspektive des wissenden Lesers 2012 zur düsteren Vorahnung. Wir befinden uns am Vorabend des Ersten Weltkrieges, der 1914 begann. Und an dieser Stelle wird Illies’ großartiger Almanach dann zur aufregenden Ouvertüre des großen Grauens des 20. Jahrhunderts. Und er macht, dass wir die Geburt der Moderne von jetzt an auf eine intimere persönlichere Weise denken dürfen. Schön ist das.

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