Die Crux mit den Kreuzen

Alexander Wallasch3.09.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Überall Tests. Welcher Partner passt, wie ehrlich man ist. Ein paar Fragen und große Antworten. Solch ein Test muss her für den persönlichen Standpunkt. Politisch und gesellschaftlich.

Im Magazin „Spiegel“ gab es neulich so einen Psychotest. Früher gab es die, glaube ich, öfter: Zwar nicht im „Spiegel“, aber in Zeitschriften, die Frauen meiner Familie lesen. Da konnte man nach der Beantwortung einer Reihe von Fragen erfahren, ob man treu ist, auf welchen Partnercharakter man steht oder ob man unter dieser oder jener Befindlichkeit mehr oder weniger leidet. Im „Spiegel“ ging’s um extro- oder introvertiert sein. Mein Ergebnis lautete erstaunlicherweise: „hochgradig introvertiert“. Irgendwas gefährlich nah am Pathologischen. Also geradezu menschenfeindlich. Sehr zur Belustigung derer, die mich kennen. Die Bürokollegin war sich allerdings sicher, es schon immer gewusst zu haben: „Wallasch, deine große Klappe ist nur ein Abwehrmechanismus.“ Meine Selbsteinschätzung muss also einen empfindlichen Knacks haben.

Vor jeder politischen Wahl ein Test?

Was man ohne „Spiegel“ und mit weniger Psychologie und Lackmus beantworten können müsste, ist der persönliche Standpunkt. Politisch und gesellschaftlich. Denn wäre das anders, müsste man ja vor jeder politischen Wahl einen anspruchsvollen Test, oder besser Wunschbogen, ausfüllen, damit einem via Auswertung zuverlässig gesagt werden kann, was man sich vielleicht bisher nicht anzukreuzen traute. Aber woher das Vertrauen nehmen, dass nicht die SPD hinter so einem Test steckt und jedes Ergebnis mit „Ja, Sie sind SPD-Wähler!“ beantwortet? Oder die CDU. Oder vielleicht sind ja die potenziellen Koalitionäre CDU, SPD, Grüne, FDP schon so nach allen Seiten hin offen, dass sie gemeinsame Sache machen, ein individuelles Bedürfnis-Test-Resultat also eh schon ganz unmöglich ist. Anyway, diese verknautschte Frau Künast erklärte neulich sowieso, dass es ihr eh am liebsten wäre, wir würden uns für Vorbilder entscheiden. Also nicht für ein Programm, sondern ganz amerikanisch für das Gesicht eines Menschen, den wir gar nicht kennen, der uns aber schon sagen wird, wer er ist und was wir von ihm erwarten können. Das klingt bei “Künast im Gespräch mit Sebastian Pfeffer vom The European”:http://www.theeuropean.de/renate-kuenast/12110-renate-kuenast-2 so: „Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass es Gesichter braucht, die etwas transportieren. Die Wähler müssen einer Person vertrauen und zutrauen können, dass sie das umsetzt, was die Partei programmatisch anbietet.“ Das ist noch mal interessant. Denn das bedeutet also, dass das Programm einer Partei, das man schwarz auf weiß bekommt, mindestens bei den Grünen nur die halbe Miete wäre. Das also lange nicht gewährleistet ist, dass sich die Parteiführer am Ende auch danach richten, was sie sich selbst ins Parteiprogramm geschrieben haben.

Wer bin ich und was möchte ich?

Frau Künast ist sich trotzdem sicher, dass man ihre loyale Haltung zum Parteiprogramm an ihrer Nasenspitze erkennen kann. Es geht hier also um „Absichtserklärung“ versus „Programmatik“. Aber welches Parteiprogramm entspricht nun dem, was ich mir vorstelle, unter welchen Umständen ich in Zukunft leben möchte oder sogar, was ich mir vorstelle, wie meine Kinder in Zukunft leben sollen dürfen? Kurz und gut: 1. ein Test muss her. Und dann 2. ein Abgleich mit einem der vielen Parteiprogramme und erst dann 3. ein Gesicht aus dieser Partei, von dem ich mir vorstellen könnte, dass der Wille dahinter ausreicht, diesem Programm gegenüber eine gewisse Verpflichtung zu behalten. Mann, ist das schwer. Also zu 1. wer bin ich und was möchte ich? Laut „Spiegel“ bin ich extrem introvertiert. Das macht es nicht einfacher. Denn es hieße ja zunächst, dass ich auf unnatürliche Weise meine Freiheit wertschätze. Das ich also möglichst ungestört von Anordnungen, Gesetzen und Gruppenzwängen leben will. Also bin ich Anarchist oder so etwas. Das allerdings wäre nicht verfassungskonform, scheidet also aus. Künasts Grüne wollen Gesellschaft erneuern, Gesellschaft reglementieren und kontrollieren bis dorthinaus, wo ich meinen Müll sortiere. Obendrein wird in grünen Gesamtschulen das soziale Umfeld meiner Kinder penibel durchleuchtet und kontrolliert, jemand müsste also ziemlich extrovertiert an mich herantreten, um das durchzusetzen. Nein, das möchte ich nicht. Auch Stuhlkreise und Gesprächsgruppen fürchte ich wie der Teufel das Weihwasser. Unterm Strich wünsche ich also möglichst wenig staatliche Kontrolle und maximale persönliche Entscheidungsfreiheit.

Also Sozialismus? Die Linke? Millionärssteuer?

Das wiederum klingt verdammt nach FDP. Und da kommt dann doch wieder die Künast-Gesichtskontrolle zur Anwendung: Ich schaue mir also Rößler und Westerwelle an und erkenne in den Gesichtern das Mehr an Freiheit nicht. Nur eine große Traurigkeit, Verunsicherung und Introvertiertheit. Erleichtert entferne ich mich mit meinem Wunsch nach Verstaatlichung von Banken wieder von der FDP, denn die GoldmanSachs-Jünger halte ich für die Verursacher der Finanz- und Euro-Krise. Also Sozialismus? Die Linke? Millionärssteuer? Geht das, ganz ohne Stuhlkreise mit viel Geld von den Millionären und staatlichen Banken, die wieder lustige Spardosen für Kinder verschenken und sich Zeit nehmen, die gesparten Kindergroschen dann auch noch zu zählen, zu rollen und zu verbuchen, ohne dass das einen Cent extra kostet? Toll! Allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler: Die Linke möchte ja nicht nur meine Verhältnisse zum Besseren hin ändern, sondern gleich über eine starke internationale Linke die Verhältnisse der ganzen Welt neu ordnen. Eine neue Weltordnung kommt! Schon bald! Daran wiederum glaube ich nicht. Das kann ja nicht funktionieren, da sind doch die Banken mindestens so pfiffig wie die internationalen Drogenkartelle gegenüber der DEA. Einfach, weil ihr Budget größer ist. Wird irgendwo irgendwas internationalisiert, besetzen die pfiffigen Geldjongleure das Parkett schneller als die Masse der Arbeiter und Bauern oder ihre Vertreter aus ihren Stuhlkreisen ausscheren könnten. Oder weniger verschwurbelt ausgedrückt: Ich bin davon überzeugt, dass Gerechtigkeit für alle nur Parzelle für Parzelle durchgesetzt werden kann und nicht in einem gleichzeitigen weltumspannenden Kraftakt. Also einer macht es vor, und die verbesserte Lebenssituation der Menschen erzwingt nach und nach einen Dominoeffekt. Große internationale Organisationen werden diese Kraft nicht aufbringen können. Erst müssen Ziele auf nationaler Ebene erreicht werden, um dann den Leuchtturmeffekt zu bekommen. Nun allerdings zeigt mein Testergebnis gerade etwas sehr Seltsames, ja etwas geradezu Beängstigendes an: Da steht nämlich jetzt plötzlich „Nationaler Sozialist“. Das möchte ich auf gar keinen Fall sein.

Nur noch das passende Parteiprogramm dazu aussuchen…

Denn „Nationaler Sozialist“ wird ja heute weltweit mit Rassismus, Imperialismus, Totalitarismus und Völkermord gleichgesetzt. Ich befinde mich also mit meiner Selbstanalyse gerade in einer verdammt unangenehmen Zwickmühle und schaue wieder, ob nicht doch woanders was weniger Verfängliches greifbar ist. Bei Künast lese ich noch mal nach und entdecke Folgendes: „Die viertgrößte Industrienation der Welt muss natürlich zeigen, dass die Energiewende machbar ist. Wer, wenn nicht wir, soll es schaffen?“ Das beruhigt mich ungemein. Denn was für die Energiewende gilt, also der nationale Alleingang, muss doch auch für alle anderen Verhältnisse gelten dürfen: Die Vorreiterrolle! Das gute Beispiel. Also muss ich gar kein „Nationaler Sozialist“ sein, sondern es geht auch „Vorreiter Sozialist“, „Beispielhafter Sozialist“ oder „Erst-einer-dann-alle Sozialist“. Und dann brauche ich mir jetzt also nur noch das passende Parteiprogramm dazu auszusuchen und – so Künast will – noch ein vertrauenserweckendes Gesicht entdecken. Testergebnis also bestanden. Und auf nach Dresden. „Ähm … Frau Kipping, ähm… darf ich mir ihr Gesicht mal ähm… etwas näher bitte!“

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