Hechtswende

Alexander Wallasch12.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

In den 1960er-Jahren gehörte Urlaub im Süden zum Leben einfach dazu. Unser Kolumnist hat mit der Tradition seiner Eltern gebrochen – und sucht sein Glück beim Angeln in Schweden.

Kann ja sein, er ist Resultat einer Großmannssucht, dieser mittelalterliche Wunsch ans Reich der Cäsaren anzuknüpfen, dieses Heilige Römische Reich deutscher Nationen. Papst, Sonne, Zitronen – alle deutschen Wege führten nach Rom und noch darüber hinaus: Athen, Ankara und seit neuestem sogar mit dem Pauschalflieger bis nach Angkor Wat.

Sehnsucht südwärts

Aber das ist ja deutlich über das Ziel hinaus geschossen. Des Deutschen Sehnsucht landete viel zu lange gleich hinter den Alpen. Und die Sehnsucht wurde durchaus geteilt: Was war das für ein Kommen und Nicht-mehr-gehen-wollen und dann dieses sehnende Flehen: „Eine Reise in den Süden ist für andre schick und fein, doch zwei kleine Italiener möchten gern zuhause sein.“ Man sehnte sich also seit den 1960er-Jahren gemeinsam mit Millionen „Gastarbeitern“, wie man die Fremdarbeiter damals noch ungescholten benennen durfte, südwärts. Und jeder hatte so seine Favoriten. Bei uns daheim standen die Griechen ganz hoch im Kurs. Also rümpfte der Vater auf Geburtstagen der Großeltern die Nase, wenn schon wieder nur in den Wienerwald eingeladen wurde. Aber so etwas wie diese österreichische Hähnchenfritte – das war halt die Sehnsucht dieser Generation. Dabei waren Oma und Opa sogar weniger aufmüpfig, wenn Vater zum x-ten Mal ins „Dionysos“ einlud und sogar auf Griechisch bestellen konnte! Ende der Fünfziger hatten Vaters Eltern an einen Medizinstudenten aus Athen untervermietet. Konstantin ist auf wenigen alten Fotos in schwabbeliger Badehose im örtlichen Freibad zu sehen. Ganz einträchtig neben den Großeltern auf der Liegewiese. Der Herr Vater setzte noch einen drauf, wie heute verstaubte Fotoalben beweisen: Schwarzweiß-Aufnahmen von Bachusgelagen in der selbstgeschneiderten Bettlaken-Tunika in der Neubausiedlungswohnung. Ein großer akademischer Karneval und der Alte rezitierte im Retsinarausch Sophokles. Also genauer im Badener-Weißweinrausch aus diesen changierenden Retsina-Henkelbechern (einem Heimaturlaub-Mitbringsel von Konstantin). Dazu dann noch aus den kleinen Kornstumpen Metaxa. Natürlich Fünfsternqualität. Bei so einem Gelage durfte man sich wohl nicht lumpen lassen.

Mit dem VW zu den Stätten der Sehnsucht

Mit dem Volkswagen ging es irgendwann tatsächlich direkt an die Stätten der Sehnsucht. Über den Brenner den gesamten Stiefel runter und von Brindisi per Fähre nach Igoumenitsa. Die Brenner-Plaketten wurden Jahr für Jahr innen an die Windschutzscheibe geklebt. Die Frontscheibe des dunkelblauen VW Variant 1600 also als moderne Version des deutschen Wanderbuchs. Kein Badeurlaub! Vaters Reiseroute hangelte sich entlang archäologischer Ausgrabungen von Mykene bis Epidauros und was sonst noch so am Wegesrand mitzunehmen war. Später kamen noch Ausgrabungsinspektionen in der Türkei dazu. Und man besuchte wieder daheim in Deutschland den türkischen Gastarbeiter aus dem VW-Werk. Wir Kinder heulten vor Wut, mussten aber mit ins Ghetto diese fremde Kultur begreifen. Also autoritäre Integrationspolitik. Als der Türke sich eine deutsche Zweitfrau nahm, die eher nicht den väterlichen Ansprüchen genügte, wurde der gute Anatole allerdings nicht mehr eingeladen, dafür hing dann eine selbstgebastelte Landkarte im elterlichen Wohnzimmer. Aufgemalt auf ein gegerbtes Ziegenfell: die Umrisse der antiken Welt, gerahmt mit vom Vater eigenhändig geschlagenen jungen Birkenästen. Damals gefiel es mir ganz gut. Heute sieht das lederne Etwas auf verblichenen Polaroids über dem braunen Breitcordsofa vor der grellgrünen 1970er-Tapete irgendwie scheiße aus. Geschenkt. Denn worauf ich hinaus will: In mir brannte dieses olympische Feuer ja auch. Mit 16 das erste Mal in Greece mit der ersten Freundin und ouzobreitem Petting auf dem Campingplatz von Olympia unter knochigen Olivenbäumen in der untergehenden Abendsonne. Heute ist das Feuer fast erloschen und es wäre billig und zu einfach, das Ende der hellenistischen Glut auf die Eurokrise zu schieben oder gar auf fehlende Gegenliebe der wachsenden Anzahl hier lebender Zitronenmenschen.

Schweden: Los geht’s

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm? Mag sein. Dennoch begann vor wenigen Jahren mein persönlicher Aufstand gegen diesen Athen-Ankara-Kinderglauben. Der Blick richtete sich zunächst durch die graublauen Augen meiner Frau Richtung Norden. Die Gute hatte immer schon das bessere Gespür für das, was mir Braunauge wirklich gut tut. Also weg von der deutschen Großmannssucht und dem Zitronenglauben nach Dänemark und jüngst nach Schweden. Dänemark? Im Prinzip zunächst ein Horror für Retsina-Metaxas, oder? Puh, Familienurlaub in Reih und Glied, Wohnwagen, spießige Kinnbartträger, Strandparzellen – also all das, das dem Deutschen an sich schon peinlich genug, aber irgendwie unvermeidbar erscheint. Irgendwo dahinter Schweden. Regenwetter, Mücken, Zecken und Elche, die man, wenn man sie schon nicht sieht, wenigstens als Warnschild ans Auto kleben kann. Ist dieser Verrat am Vater, am griechischen Ideal nun schon der Anfang vom Ende? Ist mit der Drachme auch meine Liebe zum Retsina untergegangen, dass es die ganze Familie nun fröhlich lachend in den Blaubeer-Pfifferling-Schäreninselwald zieht? Was hat Frau mir da angetan?

Die völlige Abwesenheit mediterraner Aufgeregtheit

Ich sage es kurz heraus: Ein Glücksfall, eine Entdeckung. Eine Kühle und Frische. Völlige Abwesenheit mediterraner Aufgeregtheit und die Wiederentdeckung des Ich. Zu pathetisch? Ok. Gut, dann eben auf eine einzige Szene runter gebrochen: Stellen Sie sich kurz vor, sie hätten ein paar nette Kinder, einen vollgetankten Volkswagen T5 und ein Häuschen angemietet mitten im schwedischen Nirgendwo. Auf der Karte nur Wasser und Wald. Und bis dort hinauf 15 Stunden Fahrt. Los geht’s. Dänemark schnell hinter sich lassend, beginnt bald der schwedische Wald. Eine stundenlange Fahrt als wär’s eine Transscandinavia. Mitten zur Sommerurlaubszeit und kaum Autos unterwegs. Ja, es geht nordwärts. Und schon ist da eine Ruhe und Kraft und eine Selbstverständlichkeit, dass einem so warm ums Herz wird, wie es kein Mittelmeer-Budenzauber auf die Schnelle erreichen könnte. Nicht falsch verstehen, es geht hier nicht um irgendsoeine neugermanische Nordseelenverwandtschaft. Im Gegenteil. Diese ganze Nazideutsche-Thingplatzromantik wirkt in diesem Live-Kontext so lächerlich wie nie. Was hat sich diese 1933-Clique bloß dabei gedacht, diesen deutschen Nordmenschenkarneval zu veranstalten? Das musste genauso schief gehen wie die Goethesche Zitronensehnsuchtsmeise.

Auf zur Hechtjagd

Also kommen wir erst einmal an und jagen den Hecht. Denn das ist es, was die Jungs hier machen, wenn die Mädchen Blaubeeren für den Nachtisch sammeln: Ein Ruderboot, eine Angel und viel Wasser – Himmelspiegelflächen. Kein Kräuseln. Kein Laut. Nur für den Moment das rhythmische Klatschen der Ruder. Ein Fisch springt. Wolken ziehen schnell vorüber. Pastellrot eingefärbt von der sinkenden Sonne. Wenn der Himmel aufreißt, wird aus dem stillen Dahingleiten sogar fast ein Schweben. Keine Menschenseele. An den abfallenden Ufern in Schilfgürteln lauert der Hecht auf Beute. Baumgruppen auf Fels. Birken, Kiefern und Eichen auf Böden wie geharkt. Ein großes Wunder? Ein Sehnsuchtsort? Jedenfalls überdimensionales Bonsai. Die Umkehrung der Verkleinerung zurück ins Original. Natürliche Bescheidenheit. Bio-Zen. Das Boot treibt lautlos. Der Fjord wird breiter. Ein paar hundert Meter Back-, ein paar Steuerbord. Aber wer will das hier so genau vermessen? Dänendeutsche und Deutschdänen würden das vielleicht tun. Aber hier sind gar keine Dänen. In der Ferne taucht eine zwar kleine, aber baumvolle Insel auf. In allen Einzelheiten detailgenau ausgezeichnet. Ein romantisch-akademisches Gemälde. Vollendete Baumkronen und gletschergeschliffene Felsen, die ins Wasser kalben. Mitten hineingelauscht in die Wasserstille ein Knacken. Ein Knispeln. Reife Eicheln fallen auf steinigen Grund. Kiefernrinde reißt. Mehr Eicheln. Mehr Rinde. Dann völlig unerwartet ein säuselnder Harfenton in schiefem a-Moll. Ansteigend und wieder abfallend.

Über die Endlichkeit des Hechtes

Die gespannte Schnur der im Bug steil aufgestellten Angel singt im Fahrtwind. Ganz fein und kaum zu orten. Bei e-Moll reißt der Ton unvermittelt ab. Ein Ruck. Ein Zuck. Ein wütender Sprung. Ein Hecht? Ja, ein Hechtsprung! Noch entfernt an der langen Leine, aber fest am Haken und nach wenigen Minuten im Kescher. Der ungleiche Kampf also entschieden und der spitze Dreier verhakt im zahnvollen Maul. Da nutzt nun kein Zappeln und Wollen mehr. Ein einziger schlanker Muskel noch schillernd grün im Schuppenkleid mit Killerschnauze. Ein paar verheilte Narben, wo wohl Revierkämpfe unter Wasser tobten. Aber in der feuchten Unendlichkeit ist Platz für viele geschmeidige Jäger. Nun ist’s einer weniger. Der Zugriff wird kompromissloser, als der kurze Knüppel in der anderen Hand auf’s knochige Schädeldach saust. Und dann die Überraschung: Der junge Bursche weint wie ein Baby. Unheimlicher Jammerton erzeugt von der entweichenden Luft der Schwimmblasen aus dem schlauchartigen Inneren. Noch ein Hieb, noch ein Heulen. Dann Stille. Nur noch ein Zucken, als das spitze Messer den weichen ungeschützten Unterleib öffnet. Die erstaunlich sauber angeordneten Innereien sind rasch entfernt. Die Endlichkeit des Hechtes. Dann siegt auch noch die Neugierde. Kinderaugen schauen auf das winzige Herz in der Handinnenfläche. Nur so groß wie eine Buchecker. Und es pocht ganz ruhig weiter, als wenn nichts wäre! Und ausgerechnet in diesem Moment reißt dann der Himmel auf, spiegelt sich auf der glatten Wasseroberfläche und das Boot schwebt nun ganz sonderbar zwischen oben und unten. Feine elektrische Herzimpulse. Alles Einbildung? Dann rührt sich nichts mehr. Herz und Zeit stehen still. Ein kurzer Fingerschnipp zur Reanimation und das kleine Etwas fängt tatsächlich von neuem munter zu pumpen an. Eine ganze Minute lang noch. Dann aber doch die endgültige Erschlaffung. So ein Moment kann ja auch nicht ewig dauern. Wind kommt auf. Also höchste Zeit, um eine Erfahrung reicher ans schwedische Ufer zurückzurudern. Und Vater, Du stolzer Griechgermane. Nichts für ungut. Aber Du lagst völlig falsch. Das ist die 180°-Wende. Oder der neue Blick nach Norden.

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