Mein Ritalin heißt Ritual

Alexander Wallasch16.07.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Jeden Tag. Immer wieder. Immerzu. Kleine Rituale erhalten das Leben. Wehe, das dreieckige Körnerbrötchen ist einmal aus. Das kann einem den ganzen Tag versauen.

Man denkt nicht drüber nach. Ja, es ist bereits in Fleisch und Blut übergangen. Wie eine Reihe weiterer Ticks, die sorgsam im Alltagsablauf integriert sind. Ich spreche von den kleinen Ritualen. Der letzte Blick auf die Uhr über dem Kühlschrank, obwohl man doch gerade noch auf die im Wohnzimmer geschaut hat. Das Zurechtziehen des schon zurechtgezogenen Hemdes, selbst der kurze freundliche Abschiedstätschler auf den Hundekopf – alles folgt einem ungeschriebenen Programmablauf. Dann Haustür zu und der Gang zum „Lottomann“, so nennt man bei uns seit ewigen Zeiten den Kioskbetreiber. Auf das Lesen der „Bild“-Schlagzeile durchs Schaufenster folgt ein sekundenschnell gedachter Kommentar zu dieser Schlagzeile, den ich dann direkt beim Lottomann am Tresen platziere. Der hat natürlich seit sieben Uhr früh schon etliche Kommentare dazu gehört und sich mittlerweile eine Art zusammengefasste Übermeinung dazu gebildet. Und während er diese vorträgt und ich zustimmend nicke, packt er bereits das eckige Körnerbrötchen in ein kleines Bäckereipapiertütchen, legt die Tageszeitung zurecht und die Fishermans ohne Zucker obendrauf. „Drei Euro.“

Eigentlich ist auch das schon ritualisiert

Ich zahle die drei Euro. Und ich achte schon am Vorabend darauf, dass ich sie abgezählt im Portemonnaie habe. Denn einmal musste ich mit einem Fünfzigeuroschein bezahlen, den der Gute leider nicht wechseln konnte. Das war ihm unangenehm und mir dann noch unangenehmer. Am nächsten Tag musste ich also sechs Euro bezahlen und das brachte unseren ganzen Ablauf so durcheinander, dass ich drei Tage nicht mehr hingegangen bin. Seitdem achte ich noch mehr darauf. Eigentlich ist auch das schon ritualisiert. Genauso, wie der eigentliche Vorgang des Einkaufs wegritualisiert ist. Ich nehme ja jeden Morgen das Gleiche. Und er kann sich das längst merken. Wir haben also Zeit, über die „Bild“-Schlagzeile zu reden. Und Lottomann selbst ist auch komplett durchritualisiert. Sonntag trägt er eine Krawatte. Nur Sonntag. Und ich erinnere mich an keinen einzigen Tag in den vergangenen Jahrzehnten, an dem er mal krank gemacht hätte. Wenn ich anschließend zum Bus gehe – ich fahre Bus, weil man im Auto oder auf dem Fahrrad auf dem Weg zum Büro nicht in der Zeitung lesen kann – treffe ich immer die Nachbarin, die gerade ihren jüngsten Sohn zum Kindergarten gebracht hat und jetzt ebenfalls zur Arbeit muss. Die zieht sich dann vor unserem An-der-Haltestelle-Aufeinandertreffen auf Höhe des zweiten Hydranten ihre Ohrhörer aus dem Ohr, gibt mir die Hand, die immer sehr warm ist, lacht über meine dampfende Elektrokippe und saugt an ihrer konventionellen.

Im Büro vergleichbare Gewohnheiten

Jeden Morgen. Und das gefühlt seit Jahren. Wenn der Bus in Sicht ist, frage ich schnell noch, was sie heute zum Mittag kocht – sie ist Köchin in einem Kindergarten – dann verabschieden wir uns beim Einsteigen, denn sie weiß auch um dieses Ritual: Im Bus muss ich alleine sitzen, da ich diese Zeit ja zum Zeitungslesen ritualisiert habe. Und so weiter. Im Büro vergleichbare Gewohnheiten. Erst Schreibtischlampe an, dann Jacke aus. Erst den Mac einschalten, dann die Tastatur ausrichten und die Maus zum ersten Mal in die Hand nehmen. Die Geschichte könnte jetzt ellenlang so weiter gehen. Jeder kennt das. Jeder braucht das. Oder doch nicht? Was hat es also auf sich, mit diesen Ritualen? Welchen Vorteil und welchen Nachteil haben die? Was nutzen sie, was boykottieren sie und warum überhaupt drüber nachdenken? Ich befrage die nette Kollegin, die gerade im Büro angekommen ist. Und die zweifache Mutter meint, schon Kinder bräuchten Rituale und Grenzen. „Alexander, selbst ich als Erwachsener mag Rituale, weil sie Anker sind. Sicherheit geben. Abendbrot, das gemeinsame Sonntagsfrühstück. Erst wenn man sich im rituellen Rahmen nicht mehr wohlfühlt, also ein anderes Leben ersehnt, sind Rituale kein Anker mehr, sondern eine Kette. Das allerdings kann – besonders bei Teenagern auch ein wichtiger Abschnitt der Entwicklung sein: Also ist das Ritual auch Chance zur Opposition. Ohne Ritualverweigerung in der Pubertät auch keine Abgrenzung im positivsten Sinne.“

So etwas kann mir den ganzen Tag versauen

Aha. Sie meint also, auch die Verweigerung eines Rituals spricht für das Ritual, da erst das Ritual die Chance gibt, es zu verweigern. Das leuchtet mir ein. Aber ich gebe zu bedenken, dass Rituale auch negative Seiten haben. Denn was ist eigentlich, wenn man sich, wie ich, nicht mehr pudelwohl fühlt, wenn die Inszenierung des Rituals mal nicht funktioniert? Wenn zum Beispiel der Lottomann keine Zeitung mehr hat und das eckige Brötchen mit den Sonnenblumenkernen aus ist? Ja doch, ich habe keine Scheu das zuzugeben: So etwas kann mir den ganzen Tag versauen. Ich übe also keine Kritik am Ritual selbst, sondern an seiner Gewichtung in meinen Leben. Da lacht die Kollegin glockenhell und meint: „Mensch Wallasch, den Bruch des Rituals musst du dann eben – etwas komplizierter – als neues Ritual begreifen!“ Und dann lachen wir beide, denn auch dieses kurze hobbyphilosophische Gespräch ist mittlerweile festes Ritual unseres ersten Zusammentreffens am frühen Morgen geworden. Und es wirkt. Positiv für den ganzen Tag.

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