Vom Suchen und Finden des Glücks

Alexander Wallasch9.07.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Der berühmte Hans aus dem Märchen war am allerglücklichsten, als er nichts mehr hatte. Heute ist die Suche nach dem Glück beliebig geworden. Den schönsten Moment des Lebens findet man(n) so eher in der zwielichtigen Kneipe als im Kreißsaal bei der Geburt der eigenen Kinder.

So eine Frage hat schon ordentlich Bumms, wenn man länger drüber nachdenkt. Neulich im Auto wurde ich spontan gefragt, welcher denn der schönste Moment in meinem Leben war. Sie kennen das, da könnte man sofort eine Standardantwort runterrattern wie der Promi vor der Promiklinik: „Die Geburt meines Kindes war für mich der schönste Augenblick meines Lebens!“ Das ist sympathisch. Sehr modern. Und das suggeriert “eine neu justierte Männlichkeit()”:http://theeuropean.de/henrike-von-platen/11441-chancengleichheit-in-der-wirtschaft, wenn man dann auch noch behaupten kann, live dabei gewesen zu sein. Aber warum eigentlich? Warum soll ausgerechnet das der schönste Moment im Leben gewesen sein? Die Frau, die man im Idealfall mehr liebt als alles andere auf der Welt, liegt vor einem in einer Lache aus Blut und Wasser. Eine Atmosphäre wie im Schlachthaus. Von Fall zu Fall ist irgendjemand gerade am Fäden aufziehen, um zu reparieren, was dieser schönste Moment je zerrissen hat. Ja, ich weiß: Natürlich kann man das als Randerscheinung verbuchen und sich ganz hineindenken in das, was da nun kommen wird. Ein neuer Mensch, den man ja einfach liebhaben muss, mit dem man tolle Sachen erleben wird usw. Alles richtig.

Das Streben nach Glück, eine uralte Sehnsucht

Aber wer so eine Geburt schon live erlebt hat, der weiß auch, dass hierfür die Behauptung eines schönsten Momentes sehr viel damit zu tun hat, ihn überstanden zu haben. Wie eine große Hürde, die überwunden ist. Wie der Marathonmann hinter der Ziellinie. Aber ich bin kein Marathontyp, nie gewesen. Mit den Kindern am Samstagnachmittag am Fluss stehen und angeln. Ganz gleich, ob nun was anbeißt oder nicht, das hätte viel mehr Potenzial für diesen gesuchten schönsten Moment. Die Wurmgrabungen, dann der Moment, wo der Jüngste einen „ganz fetten Oschi“ aus der dunklen Erde zieht. Alles wunderbar. Und davon gibt es vergleichbare Szenen mehr. So wie die Freude des 8-Jährigen, wenn man ihm spontan 2 Euro für Eiskugeln in die Hand drückt, einfach weil man es sich leisten kann, weil man diese zwei Euro über hat – auch schön. So schön wie der Urlaub, den man finanzieren konnte und den man gemeinsam ganz toll fand. Also: Ja. Auch Geld kann ein wichtiger Baustein sein, den schönsten Moment herbeizuführen. Geld macht nicht glücklich, sagen die, die es im Überfluss haben. Aber nie die, “die täglich danach streben müssen, wenigstens das Nötigste zusammenzuschaffen()”:http://theeuropean.de/loukas-tsoukalis/11544-die-aufgaben-der-neuen-griechischen-regierung. Sie finden das alles banal? Möglicherweise ist es das sogar. Und schnell könnte man deshalb auf die großen Dichter, Denker und Philosophen ausweichen, die das alles schon spruchreif durchdacht und für die Ewigkeit fixiert haben. Die Frage nach dem schönsten Moment ist die Suche nach dem Glück. Das Streben nach Glück ist eine uralte Sehnsucht die – seien wir mal großzügig – Grundstock jeder antiken und modernen Philosophie ist. Großkotzig hingeschmonzt – aber dann doch nur aus dem Wikipedia geschlaumeiert: Aristippos von Kyrene begründete ein paar Hundert Jahre vor Christus den Hedonismus. Kurz gefasst: Näher am schönsten Moment ist, wer Lust maximiert und Schmerz minimiert. Ja, die Philosophen halt. Manchmal kommt’s einem so vor, als wenn damals die bloße Fähigkeit, solche Dinge überhaupt denken zu können, schon das bestimmende Gefühl gewesen sein könnte. Aber sei es drum. Zeitreise ins Heute: Richard David Precht. Ja, der sieht glücklich aus. Der lächelt immer so zufrieden, wenn er in Talkshows laut übers Glück und andere Dinge nachdenkt. Und für den „Cicero“ fragte er sich mal selbst: „Wie lässt sich Glück einfangen?“ Und dann jagt der Hübsche über fünf Seiten durch alle Epochen der Glückssuche. Der Leser soll sich gefälligst anschließend selbst was davon aussuchen. Ich bin da – na ja – ganz gut unterhalten, aber nicht fündig geworden.

Arm, aber glücklich

Gibt es den schönsten Moment also nur im Märchen? Die Gebrüder Grimm boten den Glückssuchern ihren „Hans im Glück“ an. Der wurde erst richtig glücklich, als er völlig verarmt war: „So glücklich wie ich, rief er aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“ Pfui, könnt man sagen, das ist aber mal reaktionär. Sagt es doch im Kern nichts anderes, als dass die Armen sich nicht grämen sollen, das Glück wäre ihnen ja sowieso viel näher als denen, die noch schlemmen und prassen müssen. Könnte man sagen, muss man aber nicht. Denn Philosophie hin oder her – die Hauptzutat des Glücks ist hier tatsächlich am einfachsten beschrieben: die Abwesenheit von Sorge um irgendwen oder irgendetwas. Eben das gefühlte Gegenteil von „Die Geburt meiner Kinder!“ Und nun kann man sich noch die nächsten dreißig Jahre durch alle Glücksinterpretationen und -behauptungen quälen. Und wenn man sich so umschaut, hat man oft genug den Eindruck, das wäre auch eine beliebte Tätigkeit. Und so verdammt erfolglos. Also zurück ins Auto und zur Frage, welcher denn nun mein schönster Moment im Leben gewesen sei. Und da habe ich mal allen Mut zusammengenommen. Wann war mal wirklich alles in Balance? Wann war ich ganz bei mir? Atmosphäre, Ambiente – alles so 100 Prozent stimmig, ohne am Übermaß zu schmerzen? Wohin flüchte ich mich für den Moment tagträumend, wenn der Moment, der gerade passiert, alles andere als der schönste Moment ist? In die Kneipe.

Zwischen Kraftprotzen und tief ausgeschnittener Barfrau

Ja, Sie mögen das jetzt furchtbar finden, aber ich habe da so ein Bild vor Augen, an dem ich einfach nichts auszusetzen habe. Ich war irgendwas um die 20 und berstend vor Neugierde. Und da gab es diese verruchte düstere Kneipe mit diesen verruchten düsteren Typen mitten im Rotlicht. „King George“ hieß der Laden. Spiegelkugel, rotes Licht, schmalzige Schlagermusik, die so gar nicht zu den schweren Jungs in der Ecke passte. Ich saß am Tresen. Wohlwollend geduldet, ohne den Preis zahlen zu müssen, den es kostet, wirklich dazuzugehören. Die Frauen hatten dieses Zuviel an Schönheit, das obszön wirkt, aber für einen 20-Jährigen gerade das richtige Maß hat. Der Würfelbecher kreiste und irgendwo in einer dunklen Ecke probierte man all das aus, was für den Moment alles noch rosiger erscheinen lässt. Wo, wenn nicht hier, waren die Glücksucher am intensivsten auf der Suche? Irgendwann damals in der Nacht um halb drei, vielleicht nach einer kameradschaftlichen Umarmung mit einem dieser Kraftprotze oder einem banalen Gespräch mit der tief ausgeschnittenen mittelalten Barfrau muss er jedenfalls passiert sein. Dieser eine Moment, der erinnerungswürdig geblieben ist. Sie meinen jetzt, das wäre keine Zielmarke? Ich bin sicher es ist eine. Denn die Aufgabe heißt doch: Ein anständiges, zufriedenes Leben zu führen, Frau und Kinder zu lieben und dabei versuchen, so glücklich zu sein, wie damals morgens um halb drei in dieser kleinen, lächerlichen Kneipe. Nur eben ganz anders.

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