Sterben im Livemodus

Alexander Wallasch2.07.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Künstler Erik Niedling und Ingo Niermann bauen ein riesiges Pyramidengrab, das dort zu bestattende Todesopfer ist bereits ausgewählt. Absurdität wird so zum Kunst-Prinzip erhoben – wo sie doch lieber eine Momentaufnahme bleiben sollte.

Ich habe den eigentlich nie verstanden. Auch nicht besser nach fünftausend E-Mails, fünfhundert Telefonaten und gerade mal drei persönlichen Treffen, bei denen immer andere Menschen anwesend waren. Hass, Liebe? Nö. Intensität immer. Jedenfalls genug, um gemeinsam den Roman „Deutscher Sohn“ zu machen. Erscheinungstag war Trennungstag. Arbeit erledigt. Ein paar E-Mails tröpfelten immer noch nach. Aber Facebook oder sonstiges Flatratetrockenbumsen: Fehlanzeige. Und nun eine Einladung. Ingo lädt mich ein, nach Erfurt zu kommen. Keine Sorge, es wären auch genug andere Menschen da.

Hypnotisch fingierte einjährige Todeserwartung

Ingo Niermann hatte es vor mir schon mit Christian Kracht gemacht („Metan“). Mein Nachfolger heißt Erik Niedling. Und was er mit dem angestellt hat, scheint so etwas wie Niermanns Meisterstück geworden zu sein. Erst hat er ihn ein ganzes Jahr lang hypnotisiert. Nur um ihm erfolgreich einzureden, er würde in exakt einem Jahr sterben. Kein Witz. Und als es dann so weit war, schnippste er dreimal mit den Fingern und führte den Desorientierten ins Neue Museum Weimar, wo der Erwachte die ganze Aktion museal aufbereitet fand. Aber nur, um Niedling mitzuteilen, dass er nach all dem zugefügten Leid nun auch noch live miterleben kann, wie seine Beerdigung vorbereitet wird. In einem Berggrab! Das allerdings muss noch hergerichtet werden: Irgendwo nahe Erfurt, wie ich der E-Mail entnehme. Der Delinquent und sein Scharfrichter laden also zum Spatenstich. Denn natürlich ist Niedling keine Marionette. Er ist Mitwissender, Mittäter. Das Ganze klingt wie eine SM-Parodie? Nein, sorry, ich weiß kaum ein Argument, das zu entkräften. Also versuche ich mal, die Sache aufzuklären: Niedling soll nach seiner hypnotisch fingierten einjährigen Todeserwartungsphase im „größten Grab aller Zeiten“ bestattet werden. Aber noch nicht gleich, sondern erst nach seinem realen Ableben in statistisch erwartbaren 30-50 Jahren. Bis dahin soll der von Niermann konzipierte Pyramidenberg Realität geworden sein. Und dafür wurde jetzt der erste Spatenstich vorgenommen. Ich weiß, es klingt irre, ich erzähle es aber dennoch weiter: Idee ist, aus einem real existierenden Berg bei Erfurt eine Pyramide herauszuschlagen, um „nach Niedlings Beisetzung die Pyramide wieder mit dem Abraum zu bedecken und die ursprüngliche Bergform (wieder) herzustellen“.

Absurdes setzt sich nicht durch

Ich lese die Spatenstichberggrab-Einladungsmail. Und dann lese ich Sätze wie diese: „Der vorherrschende Natur- und Denkmalschutz lässt in seinem Versuch, Vergangenes und Bedrohtes authentisch zu erhalten, wie König Midas immer größere Teile der Welt erstarren.“ Dagegen fordern Erik Niedling und Ingo Niermann, dass alles verändert werden darf, solange es nur wieder in den vorherigen Zustand zurückgeführt werden kann, und fragen: „Hätte den Kelten der Pyramidenberg nicht auch gefallen?“ Ja, hätte den Kelten das Projekt nicht auch gefallen? Vielleicht. Nö, ganz sicher sogar. Aber denen hätte auch die Idee vom Kühlschrank, vom Auto, von sonst was und von der Atombombe gefallen. Aber begründet das den Bau einer Atombombe made by Niermann-Niedling? Nicht? Aber ach, da fällt’s mir wieder ein: Niermann hat sich – natürlich! – auch darüber Gedanken gemacht. Über die Aufrüstung der Bundesrepublik zur Atommacht. In seinem Suhrkamp-Buch „Umbauland: Zehn deutsche Visionen“ wird das gedacht. Mit viel Ernst durchgespielt. Und Niermann nennt es dort einen „Standortvorteil“, um sich gegen eine „wachsende internationale Konkurrenz behaupten“ zu können. Ja, herzlich willkommen in Absurdistan. Willkommen im Land der Dichter und Denker, das nun ein Land der Absurden geworden scheint. Aber nein, die Sache ist ja doch ein Solitär. Und Beuys’ These – frei umformuliert –, dass jeder Mensch ein Absurder sein kann, unerreicht. Unerreichbar. Denn “das Absurde()”:http://theeuropean.de/brigitte-saendig/10392-70-jahre-der-fremde-von-albert-camus ist ja normalerweise eine Momentaufnahme. Absurdes setzt sich nicht durch. Blitzt nur kurz auf zwischen falsch und richtig, gut und schlecht. Absurdes wird allenfalls als Anomalie bestaunt. Was passiert, wenn wir Absurdes zum Prinzip erheben, zur Lebensaufgabe, gar zum Lebensunterhalt werden lassen, finanziert von Kulturstiftungen – also dem deutschen Steuerzahler – haben nun aber diese beiden Künstler bewiesen. So gesehen sind Niermann und Niedling bezahlte Absurdisten. Unterhaltende Ausnahmekünstler, “wenn man den Kunstbetrieb nicht generell bereits absurd findet()”:http://theeuropean.de/eller/11123-siebte-berlin-biennale. Dann allerdings würde es kompliziert werden. Denn Kunst kann auch anders. Anders als hier.

Caspar David Friedrich lässt grüßen

Ich bin dann nicht hingegangen. Ja, ich bin ein Feigling, der lieber ganz schnell zwischen falsch und richtig entscheidet, bevor er sich eine Weile im Absurden aufhalten muss. Also kamen Fotos – klar, per E-Mail. Ingo schickte Bilder. Wunderschöne deutsche Landschaften. Caspar David Friedrich lässt grüßen. Niedling auf alter Holzbank mit Blick ins Tal. Dann die Fotos vom Spatenstich. Ein frischer Roter aus dem Baumarkt. Oder von Penny aus der Gartenwoche, die waren auch rot. Niedling umfasst Schaufel, Niermann Niedling. Maskulin geht anders. Aber das macht nichts. Die Sache ist ja symbolisch, obwohl Niedling mehr nach Gartenarbeit aussieht als Niermann. Aber da habe ich mich schon mal getäuscht, denn Niermanns fünftausend E-Mails suggerierten einen kleinen, zarten Mann. Als wir uns die paar Male real sahen, wirkte er mächtiger. Fast männlich.

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