Eine Mosebachlästerung

Alexander Wallasch25.06.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Martin Mosebach will die Gotteslästerung unter Strafe stellen. Höchste Zeit, über den Autor und sein Werk zu lästern.

Gleich vorab gesagt, es geht im Folgenden um “Martin Mosebach”:http://theeuropean.de/martin-mosebach und einen möglichen Hintergrund seines viel besprochenen Essays “„Vom Wert des Verbietens“(Link)”:http://www.berliner-zeitung.de/kunst/kunst-und-religion-vom-wert-des-verbietens,10809186,16414828.html, das Gotteslästerung am christlichen Gott härter bestraft sehen will und in dem beispielsweise die Frage beantwortet werden soll „warum es der Kunst und dem sozialen Klima dient, wenn Blasphemie wieder strafbar ist“. Diese Mosebach’sche Frechheit zu hinterfragen bedarf einer kräftigen Ausholbewegung.

Mitten hineingeboren ins Katholische

Deshalb als Annäherung – auch um dem Format „Kolumne“ gerecht zu werden – eine kurze Rückblende ins Private des Kolumnisten: bq. Als Kind fuhr ich mit den Eltern nach Athen einen ehemaligen Gaststudenten besuchen, der in den 1960er-Jahren bei den Großeltern in Deutschland zur Untermiete wohnte. Anlass war eine Heirat. Die orthodoxe Zeremonie, die Fremdheit, das Entrückte, ist mir in Erinnerung geblieben. Ebenso wie spätere Besuche in den heute weltkulturvererbten Meteora-Klöstern früher Christenmönche und -nonnen. Eine Zeitreise. Ja doch, auch ein aufregendes Erlebnis. Mehr aber dann doch nicht. Zumindest kein solitärer Gipfelstürmer in einer Hierarchie der persönlichen Beeindruckungen. Eben nur ein besonderer Eindruck, der sich mit vielen anderen zu einer persönlichen Sicht der Dinge verdichtet hat. Ich weiß gar nicht, ob es da überhaupt die eine herausragende Erfahrung gab. Ich kann etliche aufzählen. War es nun glückliche Fügung oder dem Prinzip Zufall geschuldet, jedenfalls war mein Heranwachsen von einer Egalité einer Vielzahl von Ereignissen geprägt ohne das ich das je als langweilig oder bedauernswert empfunden hätte. Das langweilt Sie? Bei Ihnen war das doch auch alles nicht anders? Gut. Aber das kann nicht jeder von sich sagen. Bei Martin Mosebach beispielsweise war alles ganz anders. Dem erschien nämlich als „kleiner Messbub“ schon „das leise Knacken, mit dem die Hostie zerbrach, (…) nicht für meine Ohren bestimmt, das war eine Intimität, zu der ich nicht berechtigt war“. Mosbach also mitten hineingeboren ins Katholische. Wer Kindheitserinnerungen liest, wie Mosebachs „tiefe Ehrfurcht vor der Hostie“, der braucht nicht Psychologe zu sein, um zu erahnen, was diese auf eine Länge von vier ganzseitigen Feuilletonartikeln ausgedehnte furchtvolle Schwärmerei im Kinde Mosebach angelegt haben mag. Jedenfalls ist für Martin Mosebach heute: bq. „Die Gegenwart Gottes (…) ,terribilis‘ – ,schreckenerregend‘, sie ist der Augenblick der Wahrheit, vor der wir alle zittern müssen. Meine tief unter dem Glauben angesiedelte Furcht, die Hostie zu verunehren (…) habe ich gelernt, mit den Worten des Alten Bundes zu charakterisieren: ,Timor Domini initium sapientiae.‘ Und tatsächlich ist für mich diese Furcht der Anfang der Weisheit und auf jeden Fall das Fundament des Glaubens geworden.“

Die Angst vor Gott

Mosebachs in der Kindheit angelegter Glaubenssatz heißt also „Timor Domini initium sapientiae“. Und der war ganz früher oft über Schulen in Stein gemeißelt, um von vorneherein klarzustellen, dass das, was hinter dem Schultor lauert, alles andere als ein Zuckerschlecken werden sollte. „Der Anfang der Weisheit ist die Ehrfurcht vor Gott.“ Mosebachs kindlich katholischer Schwerpunkt ist also die mit Verehrung einhergehende Furcht. Eine Angst vor Gott. Und aus dieser von Mosebach selbst nie überwundenen Angst – ach im Gegenteil: Der Mann hat, wie er nicht müde wird zu schildern, seine Angst irgendwie katholisch umarmen und liebkosen gelernt – formte sich peu à peu ein Mosebach’sches Sendungsbewusstsein. Da prahlt also einer mit seiner hart gegen sich selbst erkämpften Gottesfurcht und hadert mit der Mehrheit seiner Mitmenschen, die sich einfach nicht fürchten wollen. Die nicht daran glauben mögen, das es die Mosebach’sche Hölle seiner Kindheit für fehlende Gottesfurcht tatsächlich gibt. Aber ist das wirklich ein Sendungsbewusstsein oder die Luther-Matussek’sche „Ich stehe hier und kann nicht anders“-Haltung? Ist dieses Bedürfnis Innerstes nach außen zu kehren, und der Versuch, diese ganzen zutage tretenden Seltsamkeiten auch noch anderen überzustülpen, nun im Katholischen fest angelegt oder nur in Typen wie Mosebach? Oder poltert dieser Mosebach nur deshalb so laut, weil er, ganz profan, neidisch ist auf Matthias Matussek, der einfach schneller war, als er Mosebach mit „Das katholische Abenteuer“ die Butter vom Brot nahm? Aber nein, denn paradoxerweise verehrt Matussek Mosebach, er dankt ihm sogar in seinem Bestseller ausdrücklich für dessen „Häresie der Formlosigkeit“ und zitiert ihn immer wieder als Referenz, wo es ihm um die notwendige Strenge des Glaubens geht. Ja, tatsächlich: Für Matussek als „katholischen Hipster“ ist Mosebach Ginsberg und Burroughs in einem. Aber das alles können wohl nur Mosebach, Matussek und ein paar Versprengte verstehen.

Ajatollah Mosebach

Jedenfalls hat sich Mosebach nun dazu verstiegen, seine Gottesfurcht auch andere Menschen lehren zu wollen. Per Gesetz will er das. Über ein ganz und gar weltliches Instrument. Scharia schrien da die Ersten. Vom Ajatollah Mosebach ist schon die laute Rede. Und der Ayatollah macht es nicht unter einer Verschärfung des Gotteslästerungsparagrafen. Hach aber Moment mal, Mosebach unterschlägt oder vergisst einfach, das es den §166 überhaupt gibt! Und ja, der existiert doch längst. Schon hier ist sein ganzes Scharfmacher-Konstrukt schlicht sinnlos. Die Frankfurter Rundschau druckte Mosebachs schrillen Schrei nach Bestrafung wohl trotzdem in Erwartung einer gelungenen Provokation. Und es ist ihr ein bisschen gelungen. Polterei bleibt eben attraktiv – wenn man sie so gut beherrscht wie ein Matthias Matussek. Wenn man als Leser Herz spürt, ja, dann ist Radikalität verzeihlich. Oder genauer: glaubwürdig. Aber bei Mosebach klingt es so wie bei Fleischhauer, wenn er sich über die Linken echauffiert: effekthaschend, aufgeblasen, besserwisserisch und selbstgerecht. Das allerdings verwundert dann doch bei Mosebach, denn seine große Furcht müsste doch sein unsinniges Begehren authentischer gestaltet haben. Irgendwo ist also der Wurm drin. Und da habe ich nur einen Anfangsverdacht: eine fiese Form anachronistischer katholischer Selbstdisziplinierung. Die Option zur Sünde ist eben im Katholischen viel größer als im Evangelischen, wo nicht die Sünde selbst, sondern gleich die ganze Freude ausgelöscht wurde. Also die christliche Sünde gleich an der vermeintlichen Wurzel entfernt wurde.

Leben Sie mit Ihrer Furcht

Zum Schluss soll es hier natürlich nicht um den Versuch gehen, einen Martin Mosebach psychologisch zu dechiffrieren oder gar zu pathologisieren. Aber Mosebach bekennt sich nun mal zum Katholizismus. Und er stellt Forderungen, wie die Mehrheit der Nichtkatholiken in Deutschland zu behandeln sei, wenn sie etwas Beleidigendes über Mosebachs Christengott zu sagen hat. Wenn sie sich zum Katholizismus irgendwie unmosebachlich verhält. Und allein deshalb und nur unter diesem Aspekt darf und sollte man Mosebachs Vita genauer anschauen dürfen. „Martin Mosebach, du Arschloch“ ist eine klare Beleidigung. Sage ich dasselbe über Gott, dann ist das heute nur ein möglicherweise nach außen gekehrtes Innenverhältnis und kein Straftatbestand. Weit über 1000 Jahre lang war das anders. Aber auch in der langen Zeit ist es nie gelungen, die Furcht vor weltlicher Strafe oder die Strafe selbst zu einer Ehrfurcht vor Gott werden zu lassen. Lieber Martin Mosebach, leben auch Sie nun damit. Leben Sie mit Ihrer Furcht und bleiben oder werden Sie in Gottes Namen glücklich damit. Wir versuchen es auch. Nur anders.

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