Jeder Versuch, die Gewerbesteuer durch notdürftige Hilfskonstrukte zu ersetzen, muss abgewehrt werden. Christian Ude

Sofakreis mit Salafist

In der letzten Sendung von Sandra Maischberger ging es hoch her. In den Hauptrollen: Matthias Matussek und Imam Hassan Dabbagh.

Tumulte. Aufgebrachte Menschenmassen, die auf Menschenmassen prallen. Dumpfer Sprechgesang. Hundertschaften hochgerüsteter Polizeibeamter. Lautsprecherdurchsagen. Gezückte Messer.
Nein, nein – wir sind nicht in Bonn, und es geht auch nicht um Pro NRW, die Salafisten und Messerattacken auf Polizisten. Jedenfalls noch nicht. Die Messer, die in dieser Szene blitzen, wurden nur gezückt, um den Elfmeterpunkt im Stadion der Fortuna Düsseldorf auszustechen und mit nach Hause zu nehmen.

Die Spieler der unterlegenen Hertha aus Berlin konnten zu dem Zeitpunkt allerdings nur auf Bitten der Polizei zurück auf den Platz geholt werden, um weitere Krawalle zu verhindern. Denn die Fans hatten den Platz in euphorischem Aufruhr schon Minuten vor dem Abpfiff gestürmt. Und für die Fortuna eine heikle Situation: Würde dem Traditionsverein für die Unbeherrschtheit seiner Anhänger der bereits sicher geglaubte Aufstieg aberkannt werden können?

„Die Salafisten kommen!“

Im Anschluss an dieses von religiös-ekstatischen Gemütszuständen begleitete Relegationsspiel – live übertragen von der ARD – folgte „Menschen bei Maischberger“. Reißerische Überschrift hier: „Die Salafisten kommen! – Gehört dieser Islam zu Deutschland?“ Anlass der Sendung waren die Ereignisse wenige Tage zuvor in Bonn: der Zusammenstoß zwischen Anhängern der im NRW-Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindlich eingestuften Partei Pro NRW mit einer Mohammed-Karikaturen-Provokation und Anhängern der ebenfalls als verfassungsfeindlich eingestuften Salafisten, einer ultrakonservativen Strömung innerhalb des Islams. Salafisten, aus deren Reihen heraus 29 Polizisten verletzt und zwei weitere brutal niedergestochen und lebensgefährlich verletzt wurden.

Wie also mit dem Zusammenstoß in Bonn umgehen? Soll für die Salafistenführer verfassungsrechtlich das Gleiche gelten wie sportrechtlich auf dem Platz für die Fortuna? Kann, muss oder soll eine religiöse Gruppe verantwortlich gemacht werden für die Messerstechereien ihrer Fans? Und wen lädt man ein, um so etwas zu besprechen? Klar zunächst: einen politischen Entscheidungsträger. Die Wahl fiel auf den Talkshow-Veteranen und christlichen Politiker Wolfgang Bosbach (CDU), legitimiert für die Diskussion als Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestags. Der zweite Fachmann: ein ebenfalls Talkshow-erfahrener Vertreter der einheimischen Religion: Bestsellerautor des Buchs „Das katholische Abenteuer“ Matthias Matussek. Neben ihm in der anderen Ecke des hellen Talkledersofas: Michel Friedman, gewissermaßen als Anwalt oder Vertreter der zweiten einheimischen Religion, des Judentums. Die erste Bank also schon mal voll und zu ruhigeren Zeiten in der Besetzung durchaus ausreichend für eine munter plätschernde Rupperei.

Aber darum ging es an diesem Abend nicht. Es sollte ja um viel mehr gehen: um Entwarnung oder Feststellung einer Bedrohung für die Bundesrepublik Deutschland und seine Bürger und gegebenenfalls um die Wahl der Maßnahmen, um so eine Bedrohung abzuwehren. Das zumindest war wohl Annahme und Hoffnung Hunderttausender gespannter Zuschauer. Mit am Tisch als Anwälte für den Islam: drei Muslime mit unterschiedlichen religiösen Standorten: die als dauerlächelnde Neu-Muslima irgendwo in London hängengebliebene und vergessene Ex-MTV-Moderatorin Christiane Backer, die türkischstämmige deutsche Schauspielerin Renan Demirkan, und der von „Bild“ und dem Verfassungsschutz zum „Hass-Prediger“ („Bild“) gekürte Imam Hassan Dabbagh, um den herum die illustre Runde ganz offensichtlich drapiert wurde.

Die meisten Sprechminuten für Hassan Dabbagh

Nicht nur die optischen Gegensätze beeindruckten. Schnell wurde klar, wem Maischberger in der Sendung das Füllhorn der meisten Redebeiträge zugedacht hatte: dem weiß gekleideten Vollbartträger Dabbagh. Von der Mattscheibe aus konnte man nicht sagen, ob es mehr daran lag, dass die Moderatorin offensichtlich einen Totalblackout hatte, oder schlicht von ihrer Tollkühnheit beseelt war, diesen trotz Rainer-Langhans-Kostüm so befremdlich wirkenden Prediger überhaupt eingeladen zu haben – jedenfalls verbuchte der 2009 vom Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung und von der Volksverhetzung freigesprochene Vereinsvorsitzende und Imam der Leipziger Al-Rahman-Moschee die mit Abstand meisten Sprechminuten des Abends.
Typen wie Dabbagh meint man ja sonst nur aus Afghanistan-Videos oder aus der „Tagesschau“ zu kennen. Aber vom TV aus gibt es keine Berührungsängste. Nein, Menschen wie der Imam begegnen einem nicht mal eben im Supermarkt auf ein Pläuschchen oder in der Pause im Deutschen Theater. Lässt der eigentlich einkaufen, oder lebt der selbstghettoisiert dort, wo unsereiner nicht mehr willkommen ist? Ob sie nun stimmen oder nicht: Jedenfalls werden von Anfang an alle Ressentiments bedient.

Das Positive an solchen Zusammenstellungen: Sie bieten zumindest prinzipiell die Chance, Klischees geradezurücken und festgefahrene Meinungen zu revidieren. Was ja angesichts der Messerattacken dringend nötig ist. Auf der Straße, am Kiosk und an den deutschen Wohnzimmertischen sorgte dieser Angriff auf den deutschen Rechtsstaat für Empörung. War das nun der Beginn einer schon lange prophezeiten Auseinandersetzung? Krieg der Kulturen im eigenen Land? Aber leider wurde eine mögliche Zäsur der Sprachlosigkeit an diesem Abend zunichtegemacht. Und das lag nicht allein an der völlig überforderten Moderatorin. Michel Friedman kam ganz offensichtlich nur, um ein weiteres heiter-taktisches Stück Selbstdarstellung in die Kameras zu posten. Die vergessene Moderatorin kam, um ihre neue Konvertiten-Autobiografie im unerträglichen Nena-Iris-Berben-Sprech zu bewerben. Bosbach war trotz vieler Sympathiepunkte dann doch zu routiniert. Und die Schauspielerin Renan Demirkan nervte mit stereotypen Empörungsattacken als Dauerunterbrechung.

Nein, die Intensität in der Haltung zum Thema war nie auf demselben hohen Level. Das sollte Matthias Matussek im Verlaufe des Talks leider zum Verhängnis werden. Ein gemeinsamer Wille, ein gemeinsames Thema von verschiedenen Standpunkten aus zu durchleuchten: Fehlanzeige. Erstes Fazit: Diskutiere nur über Deutschland – über den Glauben in Deutschland – mit Menschen, die mindestens eine Haltung zu Deutschland haben. Matthias Matussek hat eine Haltung zu Deutschland. Und er hat sie bereits vor Jahren in seinem Bestseller „Wir Deutschen“ nachhaltig definiert. Aktuell kommt nun seine Haltung zur einheimischen Religion dazu. Der Mann ist Katholik. Und das ist er so gerne und mit einer Überzeugungskraft, die sein Bekenntnis „Das katholische Abenteuer“ zum Bestseller gemacht hat.

Matussek saß da nun also mit seinen beiden Herzensangelegenheiten neben Friedman auf dem Sofa. Mit Blick mal auf den Imam aus Leipzig und mal auf Bosbach. Die Muslima und Moderatorin Maischberger schlossen den Sofakreis.

„Glaube ohne Vernunft artet aus in Intoleranz. Das kann der Glaube auch nicht aushalten“, startet Matussek einen ersten kurzen Redebetrag. „Wenn wir in einem Land wie Deutschland leben und wir sind eine Minderheit, müssen wir uns an die hiesige Ordnung halten“, kontert Imam Hassan Dabbagh etwas später. Und er legt noch einen drauf, indem er feststellt: „Nicht alle Politiker sind Lügner, aber die meisten Lügner sind Politiker.“ Da kocht es bereits sichtbar in Matussek, während Friedman einfach weiter grinst, als ginge ihn das alles gar nichts an. Nicht Deutschland, nicht der Glaube, eben wie immer gar nichts außer Friedman selbst. Matussek zeigt Hochnotkörpersprache. Der Kopf so weit von allem weggedreht, wie es das Sofa gerade noch zulässt. Attitüde? Nein, aschfahles Gesicht – der Mann leidet offensichtlich. „Die Frau hat mehr Rechte im Islam als in jeder anderen Religion!“, erhöht der Imam seinen Einsatz. All-In? Klar, Frauen – da folgt natürlich Demirkans erster Wortbeitrag: „Ich war selten in einer Sendung so aufgeregt. Ich bin tief berührt. Mir klopft das Herz.“ Dann an Matussek und den Imam gerichtet: „Sie beide sind eigentlich zwei Seiten einer Medaille. (…) Zwei totalitäre Systeme, hermetisch abgeriegelte Gedanken. (…) Das Hakenkreuz ist auch so eine Ideologie.“ Ja um Himmelswillen, da kann man noch so friedlich eingestellt sein, selbst einem völlig emotionslosen Vertreter DER traditionellen Religion in Deutschland müsste da der Kragen platzen. Man ahnt bereits, wie es da in Matussek brodeln muss. Aber im Gegenteil, er setzt noch tapfer zur Gegenrede an und wird zum ersten Mal von vielen weiteren Malen von Maischberger unterbrochen: „Stop!“ Immer wieder „Stop!“, abgewinkt und in eine irgendeiner blöden Talk-Dramaturgie folgenden Richtung umgelenkt. Mit erhobenem Zeigefinger. Es ist ein elendes Trauerspiel.

Matussek so stark wie nie

Und ich bin so sicher wie lange nicht mehr: Matussek war nie so stark wie in diesem Moment. Denn die durch „Stops“ und dauernde Unterbrechungen erzwungene Sprachlosigkeit ist die Sprachlosigkeit der Straße. Der Deutschen in ihrer Gesamtheit. Was eine sofortige Identifikation, eine Solidarisierungswelle mit Matussek verhindert, ist allein die Unfähigkeit dieses zutiefst erregten und gekränkten Menschen, weiter im Wettstreit um die gewinnendste Eloquenz zu verharren. Diese Lücke füllt Bosbach. Er gewinnt die Meisterschale eines schalen Eloquenz-Wettbewerbs. Einzig deshalb, weil Matussek zu seinem alle Emotionen auf sich vereinenden Zwilling wird. Das ist kein Pathos, das ist real. An Matussek wird sich nun ausgetobt. Bei Bosbach kann dann entspannter zugehört werden.

Das ist das hohe Christentum des Matthias Matussek. Und kann es denn etwas Christlicheres geben als diesen für viele unsympathisch wirkenden Auftritt, geboren aus einer tiefen Verletztheit? Für die Sache seines Glaubens? Ganz ohne Messer und Sprengstoffgürtel? Matussek ist einer der intelligentesten Schreiber, den Deutschland hat. Ein Analyst mit den großen Emotionen eines weißen Elefanten, der sich in diesem Moment nicht zu schade ist, für seinen Glauben aufzustehen.
Warum bleibt er nicht einfach sitzen, entspannt, palavert, pudert die Zuschauer mit Zucker ein? Er hätte doch die Erfahrung, er hätte die Worte, es wäre ihm doch verdammt ein Leichtes.

Aber Matussek will nicht mehr. Er hat schlicht die Schnauze voll, so wie Millionen Deutsche – ob nun katholisch, evangelisch oder gar nichts – mit ihm. Es geht Matussek nicht um Populismus. Nicht darum, dem Mainstream nach dem Maul zu reden. Matussek ist kein Politiker, er muss keine Wahl gewinnen. Er steht hier ganz einfach unbelehrbar im positivsten Sinne für seinen Glauben, für den Glauben seiner Väter und Großväter. Für das christlich-jüdisch geprägte Abendland. Es ist sein mit weitem Abstand größter Auftritt. In einer die gesamte Runde beschämenden Authentizität. Nachhaltig. Bleibend. Nachwirkend!

Wunderbare Werbung für seinen katholischen Glauben

Das erkennen dann viel später auch die ersten Mitdiskutanten. Backer wird nach der Sendung auf Facebook gemein behaupten, Matussek hätte sich im Anschluss an die Sendung mit Friedman geprügelt. Freunde rufen mich entsetzt an und fragen, was denn mit Matussek los war. Und ich antworte unisono: „Großartig, oder? In seiner ganzen Verletztheit doch eine wunderbare Werbung für seinen katholischen Glauben, das kann und muss ich sogar als Atheist zugeben.“

Wann war jemand zuletzt, wo es – sagen wir mal – nicht um Fußball geht, sondern um die elementaren Dinge des Lebens, für eine Sache so aufgebracht wie Matussek für seinen Glauben bei Maischberger? Darum sollten wir ihn alle beneiden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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