Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Wir (ver)schwören!

Was ist das Wesen einer Verschwörungstheorie? Hatte Yanis Varoufakis Kontakt zu Aliens? Und was verbindet den prominenten Griechen mit Jürgen Möllemann und Boris Becker?

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Verschwörungstheorien sind ja etwas Feines. Sie bedürfen keiner Beweisführung, sondern sind in der Regel aus einer subjektiven Indizienkette abgeleitete individuelle Wahrheiten. Sie sind also spekulativ. Aber nicht nur das: umso spektakulärer, desto attraktiver. Die Konstrukteure können sich darauf verlassen, dass die Sensation beim Empfänger immer Vorrang hat, vor der einfachen, weniger aufregenden Erklärung. Sie sind die als Wahrheit behauptete Manifestation eines Gerüchtes.

Es gibt da diese legendäre Grafik „Das Gerücht“ von Paul Weber aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die in vielen Schulbüchern Einzug gehalten hat. Das Gerücht ist ja ein naher Verwandter der Verschwörungstheorie. Zumindest teilen sie sich gemeinsam die Sensationslust. Sie steht am Anfang eines anwachsenden Hasses gegen bestimmte Gruppen – am Anfang eines vermeintlichen Lösungsansatzes, der eine eigene selbstverschuldete oder schicksalhafte Misere erklären oder nur erträglicher machen soll.

Es passt halt alles so schön zusammen

Die Glaubwürdigkeit der Verschwörungstheorie wächst noch mit dem Grad der abschließenden, der verständlichen Antworten, die sie bereitwillig gibt. Und damit sinkt dann auch im selben Verhältnis das Verlangen der Gläubigen, den Wahrheitsgehalt genauer überprüfen zu wollen. Es passt halt alles so schön zusammen.

Die wahrscheinlich im negativen Sinne erfolgreichste Verschwörungstheorie, nennen wir sie mal die Mutter aller Verschwörungstheorien, basiert auf einer Fälschung: „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Die in dem Buch „protokollierten“ Weltherrschaftspläne einer Versammlung der einflussreichsten Juden der Welt, lieferte einst die Blaupause für einen neuen Antisemitismus, für die deutsche Rassenideologie, für die Nazi-Propaganda gegen Juden. Die Folgen dieses Tuns kennen wir: den Holocaust an Millionen europäischer Juden.

Der Behauptung irgendeiner Versammlung von wenigen Menschen, die das Schicksal der Welt oder Teile der Welt in ihren Händen halten, hat sich hartnäckig gehalten. Sie ist wahrscheinlich schon deshalb unausrottbar, weil es in der Natur des Menschen zu liegen scheint, andere Menschen zu dominieren. So schließt man von sich auf das große Ganze. Auf den düsteren Einfluss einer Geheimgruppe, dem Zusammenschluss von egomanischen Einzelinteressen hin zur Weltherrschaft.

Antrieb zur Vorteilsnahme

Einfacher erklärt ist ja bereits das Lächeln des Babys einer stillenden Mutter. So ein Baby wäre schon wenig instinktsicher, würde es diesen Schlüsselreiz nicht automatisch ausspielen. Ein Instinkt, der bereits an dieser Stelle sein ganzes Leben prägen wird – zumindest, wenn man den Thesen berühmter Psychiater folgt.

Nun kann so ein Lächeln niemandem schaden. Und es nimmt der Mutter nichts weg. Höchstens dann vielleicht, um die Metapher mal weiterzuspinnen, wenn die Mutter Zwillinge hätte und einer der Zwillinge sich partout weigern würde, zu lächeln. Aber wer weiß, welche Automatismen in so einem Moment wirken könnten: Versucht die Mutter gerade durch mehr Zuwendung auch dieses Baby zum Lächeln zu bringen? Wird es deshalb gerade mehr Milch erhalten? Der Antrieb zur Vorteilsnahme ist Teil unseres Wesens, so auch die Behauptung, einer vermeintlichen Benachteiligung anderer.

Das Initial nun zu dieser bis hierher zugegebenermaßen ausschweifenden Grübelei über Verschwörungstheorien und die menschliche Psyche im Allgemeinen war ein erstaunliches Interview des ehemaligen griechischen Finanzministers. Des Mannes, der auch schon mal von „fiskalischem Waterboarding" spricht, wenn es um den Fortgang der Verhandlungen mit Griechenland geht. Er erklärte im Gespräch mit dem britischen Polit-Magazin „New Statesman“ etwas, das in seiner ganzen Tragweite nicht weniger beinhaltet als den Beweis einer Verschwörung innerhalb der EU durch den Zeugen der Anklage: Yanis Varoufakis! Aber lassen Sie uns mal im Wortlaut lesen, welche dunklen Mächte der Ex-Minister identifiziert haben will:

Die Informationen, die man aus dem inneren Kreis erhält … deine schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt … Die Mächtigen sprechen direkt mit dir, und dann ist es so, wie man befürchtet – sogar schlimmer, als man es sich vorgestellt hat!

Das vollständige Fehlen demokratischer Skrupel unter den angeblichen Verteidigern der europäischen Demokratie. (…) (Und dann) schauen dir sehr mächtige Personen in die Augen und sagen: „Sie haben recht mit dem, was Sie sagen, aber wir werden Sie trotzdem zerquetschen.“

Spüren Sie das auch? Hatten Sie auch spontan das Gefühl, der Mann könnte vielleicht richtig liegen? Endlich mal eine Antwort auf das, was Sie schon immer vermutet haben? Weil Sie schon immer dachten, dass etwas nicht koscher ist mit dieser „EU“?

Yanis Varoufakis erklärt uns, alles sei noch schlimmer, als wir befürchtet haben. Ein Super-GAU für unsere Demokratien. Eine Machtelite will uns also „zerquetschen", wenn wir nicht tun, was man von uns verlangt. Eine Verschwörungstheorie? Nein, keine Theorie, denn wer nun diese „Mächtigen“ sind, wie sie ihre Macht erlangt haben und auf welche Weise sie diese ausüben, lässt Varoufakis im Dunkeln. Aber zu einer vernünftigen Anklage gehört nun einmal eine ausreichende Beweislage. Wenn diese oder aber der Mut fehlt, ist Zurückhaltung die bessere Wahl: So erscheint Varoufakis’ Motivation leider einzig die Installation einer neuen Verschwörungstheorie via persönlichem Zeugnis.

Bobbele und Möllemann erklären uns die Welt

Ähnlich agierte – kein Witz – dereinst auch Boris Becker, das deutsche Tenniswunder. Vor einigen Jahren erzählte er allzu freimütig und leutselig in einem „GQ“-Interview in etwa, dass er mal irgendwo in den USA in einem großen Saal stand und überaus erschrocken war, als er erkannte, dass sein Einfluss ein Witz sei, gegen das, was diese dort vor ihm versammelten Mächtigen auf sich vereinen. Es klang bei Bobbele tatsächlich, als sei er leibhaftig den Weisen von Zion 2.0 begegnet.

Und Jürgen Möllemann, Sie erinnern sich vielleicht, zog in seinem Buch „Klartext. Für Deutschland“ ähnlich spektakuläre Register: Dort nämlich trat er als Zeuge dafür auf, dass der damalige Außenminister Westerwelle in Israel von einem „Mann ohne Namen“ – mutmaßlich einem Mossad-Agenten – politisch instruiert wurde, während er in einem Vorzimmer auf ein Gespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten des Landes wartete. Westerwelle erklärte anschließend gegenüber Möllemann („vor Entsetzen bleich und vor Aufregung gerötet. Im selbstmitleidigen Tonfall“): „Sie glauben ja nicht, was die mir zugemutet haben!“

Kurz um, für Möllemann gab es also etwas, das mächtiger ist als die Souveränität eines deutschen Außenministers, eine geheime Macht, die „ohne Namen“ selbst noch im Vorzimmer des Ministerpräsidenten Instruktionen geben kann, die einen Außenminister völlig aus der Fassung bringen.

Boris Becker, Jürgen Möllemann und Yanis Varoufakis haben also alle zusammen etwas erlebt, das uns anderen verborgen bleibt. Sie erklärten uns jeder auf eigene Weise, dass es eine Wahrheit hinter der Wahrheit gibt. Eine Verschwörung also nicht mehr als Theorie, sondern aus eigenem Erleben bezeugt. Dagegen ist kaum anzustinken.

UFO-Alarm!

So wie es heute absolut sicher ist, dass wir schon Besuch von Außerirdischen hatten. Abertausende UFO-Sichtungen sind der eindrucksvolle Beweis. Nun hat niemand jemals einen Außerirdischen bei der Polizei abgegeben. Auch wurden keine Artefakte verschenkt, die als Beweismittel hätten dienen können, jedenfalls, wenn man Erich von Däniken großzügig unter den Tisch fallen lässt.

Aber die Wahrheit lässt sich natürlich nicht aufhalten! So hat eine Umfrage in den USA unlängst ergeben, dass mittlerweile schon jeder dritte Bürger der Vereinigten Staaten an Aliens glaubt. Glaubt Yanis Varoufakis auch an Aliens? Angst jedenfalls scheint er keine vor ihnen zu haben. Sonst würde er lieber die Klappe halten wie Guido Westerwelle. Der hatte nämlich der Presse eindringlich empfohlen, das UFO-Buch von Möllemann lieber in „Durchgeknallt“ umzubenennen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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