Minirock’n Syria

von Alexander Wallasch4.07.2015Gesellschaft & Kultur

Zivilcourage ist nicht, Mädchen aufzufordern, sich sittsamer zu bekleiden, wenn Muslime in der Nähe sind, sondern eben diese Muslime aufzufordern, eine Kultur mindestens zu respektieren.

Der Minirock hat sich nicht durchgesetzt. Als Spätgeborener fragte man sich manches Mal sabbernd, wie aufregend das wohl war in den 1970ern, als man den Frauen nicht mehr nur unter den Rock schauen _wollte_, sondern regelmäßig _musste._

Nun war so ein Minirock dereinst sogar ein Politikum, ein Angriff auf die verkrusteten Moralvorstellungen der Kriegsgeneration, der katholischen Kirche und sonstiger Hüter dieser ominösen inneren Ordnung, welche die Gesellschaft im Kern zusammenhält. Tatsächlich, man will es nicht glauben, aber ein Minirock war vor ein paar Jahrzehnten ein Tabubruch. Noch mehr, da er in Begleitung dieser neuen Antibaby-Pille auf der Bildfläche erschien und so zum Symbol einer gefeiert-folgenlosen Sorglosigkeit wurde.

Aber selbst noch 2014 stellt die Feministin Dacia Maraini, wie die „Emma“ schreibt, „eine der bedeutendsten und unerschrockensten Stimmen Italiens“, im Interview fest: „Wenn eine Frau, die einen Minirock trägt, etwas Ernsthaftes sagen will, so glaubt man ihr nicht. Ihre bloßen Schenkel sprechen eine stärkere Sprache als ihr beredter Mund.“

Behalten wir diese Stimme aus Italien mal im Hinterkopf, die erzählt, dass ein Minirock für europäische Männer, Italiener, quasi als direkt Aufforderung verstanden wird, Frauen von ihrem Intellekt abzukoppeln und primär als Sexualobjekte zu betrachten. Oder negativer: Männer sind Tiere, denn wenn sie Oberschenkel sehen, wollen sie nichts anderes mehr als dazwischengehen.

Missverständnisse welcher Art?

Sie schmunzeln? Aber so lustig ist das gar nicht. Denn ein bayrischer Schuldirektor sieht das anscheinend ähnlich. Der hat nämlich seine Schülerinnen (11-17 Jahre alt) bzw. deren Eltern in einem Brief gebeten, auf nicht blickdichte Blusen und Miniröcke bzw. Hotpants zu verzichten. Nein, nicht etwa wegen eines notgeilen italienisch-stämmigen Eiswagenverkäufers, der sich in den großen Pausen so schlecht vor den Toren der Schule abwimmeln lässt, auch nicht wegen der Rentnergruppe, die sich immer während der Pausenzeiten zum Oberschenkelspannen verabreden und die öffentlichen Bänke besetzen, nein, dem Herrn Schuldirektor geht es um bis zu 200 vorwiegend männlichen Personen aus Syrien, die neuerdings ausgerechnet in der Turnhalle der Schule notuntergebracht wurden.

Die „Süddeutsche“ titelte dazu „Schuldirektor warnte vor sexy Kleidung“. Das allerdings ist definitiv falsch ausgedrückt, denn in Wahrheit warnt der Gute ja nicht vor der Kleidung, dann hätte er sich an die syrischen Flüchtlinge wenden müssen, er warnt die Mädchen vor möglichen Reaktionen der Syrer beim Erblicken ihre entblößten Oberschenkel.

Im Original-Ton des Briefes gibt es eine Reihe von kuriosen Formulierungen, eines der Highlights ist aber sicherlich diese hier: „Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen.“

„Missverständnisse welcher Art?“, wäre sicher die nächste Frage der Mädchen, deren Beantwortung der Direktor allerdings dann in die sensiblen Hände der Eltern legt. Na gut, was das für Missverständnisse sein könnten, kann sich jeder ausmalen, wie er mag. Missverständnisse dieser Art sind aber, wenn wir Frau Dacia Maraini mitdenken, keine syrische Spezialität. Jeder Mann möchte doch sofort besteigen, was jung ist, was nackt ist, was einladend ausschaut. Jeder Mann wird also von ein paar Oberschenkeln potenziell um den Verstand gebracht.

Erstaunlich ist weiter die Aufregung der Presse zum einen über den Direktor und zum anderen über eine rechte Szene, die sich diesen vermeintlichen Fauxpas aus Bayern natürlich nicht entgehen ließ. Erstaunlich alleine deshalb, weil das Problem in Deutschland nicht neu ist und schon gar nicht aus Syrien importiert werden muss. So berichtete die „Berliner Morgenpost“ schon 2012, nicht nur, “dass „Jude“ wieder ein Schimpfwort an deutschen Schulen von Schülern mit Migrations- bzw. Islamhintergrund sei”:http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article108921681/Jude-ist-an-Berliner-Schulen-wieder-ein-Schimpfwort.html?service=mobile, sondern ebenfalls, dass Jungen aus arabischen und palästinensischen Elternhäusern deutsche Mädchen als „scheiß-deutsche Schlampen“ beschimpfen. Präziser: „An der legeren Kleidung der Mädchen lesen sie ab, dass sie ,Huren‘ und ,Schlampen‘ seien.“

Kapitulation der aufgeklärten Gesellschaft

Kurios auch der Kommentar einer Sachverständigen der „Süddeutschen“, Kerstin Kazzazi, Sprachwissenschaftlerin an der Katholischen Universität Eichstätt und mit einem Iraner verheiratet. Die nämlich befindet, dass Kleiderordnungen oder -gewohnheiten Botschaften vermitteln, die man entschlüsseln können muss. „Bei uns zieht man sich halt nach dem Wetter an, woanders richtet man sich nach dem Anlass. Natürlich kann es dabei zu Missverständnissen kommen. Es geht darum, die Signale richtig zu deuten, von beiden Seiten. Da ist es wichtig, dass man miteinander redet.“

Nun hat das bayrische Gymnasium eine Partnerschule in “Hoyerswerda.”:https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Hoyerswerda Hier könnte man weitschweifend sogar annehmen, dass der Direktor möglicherweise noch einmal besonders sensibilisiert ist, als er im Sinne einer vorauseilenden Deeskalation seine Schülerinnen um eine vorübergehende verhüllende Kleiderordnung gebeten hatte. Vorauseilend, denn wenn es doch zu Übergriffen kommen würde entsprechend der Behauptung der Feministin aus Italien, könnte man ja nun immerhin argumentieren, rechtzeitig auf das Problem verwiesen zu haben.

Was hier in dieser Gemengelage an Vorurteilen, Wortfindungsstörungen und Kulturclash-Ängsten zusammenkommt, kann man zum einen als Kapitulation der aufgeklärten Gesellschaft davor verstehen, die eigene Kultur den Gästen auf eine Weise zu verkaufen, dass Brüche dieses gesellschaftlichen Einvernehmens unmissverständlich als Tabu verstanden werden, und zum anderen als den klassischen Fall einer fehlgerichteten Ansprache.

Was ist das denn für ein Versagen, wenn man glaubt, davor warnen zu müssen, dass muslimische Syrer hormonell hyperaktiv werden könnten, wenn Mädchen ab 11 Jahren (!) Oberschenkel zeigen? Würde man also tatsächlich mutmaßen, dass es hier zu einem Konflikt käme, weil der Syrer ja auch nur ein notgeiler Mann ist, dann kann doch der Ansprechpartner nur der Syrer selbst sein, dem man in einfachen Worten erklären kann, dass ein Mädchen im Minirock keine Aufforderung zu was auch immer ist, noch viel weniger, also gar nicht, wenn dieses Mädchen erst 11 Jahre alt ist!

Nun stelle man sich einmal das Theater in den Medien vor, wenn exakt so vorgegangen worden wäre. Dabei vergisst man dann allerdings, dass diese Muslime eben nicht nur vor militärischer und sonstiger Gewalt flüchten, sondern explizit auch vor muslimischer Gewalt, vor einem radikalen köpfeabschlagenden Islamismus, der Miniröcke – davon darf ausgegangen werden – unter Todesstrafe stellt.

Was würde denn da als Nächstes kommen?

Was aber tun wir, wenn wir den Mädchen ihre Miniröcke „verbieten“? Wenn wir uns vor kulturellen Missverständnissen innerhalb unser Kulturnation Deutschland so sehr fürchten, dass wir uns außer Stande sehen, mit unseren Gästen ein aufklärendes Gespräch zu führen, bevor wir sie in ihre Unterkünfte begleiten? Damit verabschieden wir uns von einem Selbstverständnis, das bei einem harmlosen Minirock anfängt, der auch sexy aussehen kann, weil Mädchen sich eben auch einmal sexy fühlen wollen, oder einfach nur, weil es bei 35 Grad im Schatten die bequemere kulturell akzeptierte Alternative ist, wir verabschieden uns also von einem Selbstverständnis auf dieselbe Weise, wie wenn wir aus überdreht-hysterischer Sorge um kulturelle Befindlichkeiten beim Schulausflug auf die Schweinebratwurst auf dem Grill verzichten, um die muslimischen Mitschüler nicht zu verletzen. “Ja, auch das ist bereits vorgekommen.”:http://www.zeit.de/2010/41/Schule-Mobbing-Gewalt

Sagen wir es doch so: Zivilcourage ist eben nicht, Mädchen aufzufordern, sich sittsamer zu bekleiden, wenn Muslime in der Nähe sind, sondern eben diese Muslime mal aufzufordern, eine Kultur ohne Wenn und Aber mindestens zu respektieren, die möglicherweise mit der ihren kollidiert. Einfach weil es die Kultur ihres Gastgebers ist. Wenn man das auf freundliche Art und Weise erledigen muss, ist das sicher auch für uns ein Lernprozess, aber ein erfolgversprechenderer, als mit peinlichen Windungen eine Deutschenfeindlichkeit noch zu nähren, indem man mit einem Übermaß an Unsicherheit und falscher Toleranz nicht nur die Gäste verunsichert, sondern auch die betroffenen jungen Mädchen.

Möglicherweise – und das darf man auch nicht ganz außer Acht lassen –, nutzte der bayrische, wahrscheinlich katholische Direktor auch nur die Gunst der Stunde für einen Rückfall in die Zeit vor 1970, aber das wäre reine Spekulation. Wenn wir also die Ansprache des Direktors mal kompromisslos weiter spinnen, was würde denn da als Nächstes kommen? Eine Aufforderung des Bürgermeisters der Stadt, nachts die Türen und Fenster zu verriegeln, weil möglicherweise einer der 200 gemeinen Syrer noch nicht so vertraut ist mit den deutschen Vorstellungen von Eigentum? Das kann und darf es doch nicht sein.

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