Kameradensäue

von Alexander Wallasch17.06.2015Gesellschaft & Kultur

Dass Kameradschaft auf Gegenseitigkeit beruht, ist naheliegend. Doch dass Mann sie lieber mit einem Hund und nicht mit einer Frau eingehen würde, klingt zunächst nach Neunzehnhundert-Irgendwas.

Sind Frauen die schlechteren Kameraden? Betrachtet man die kameradschaftlichen Aspekte einer Ehe, könnte etwas daran sein – wenn man bedenkt, dass Scheidungen zu 80 Prozent von Frauen ausgehen. Natürlich gilt das nur dann, wenn diese Frauen sich nicht deswegen haben scheiden lassen, weil ihre Männer ihnen gegenüber schlechte Kameraden waren.

Zugegeben: „Kameradschaft“ klingt heute anachronistisch. Hier schwingen Begriffe mit wie Treue, Ehre, Anstand und Redlichkeit. Kameradschaft hat etwas von Männergesellschaft, von Schützengraben und Bierseligkeit. Da überrascht es einmal mehr, wenn man erfährt, dass sich auch KZ-Häftlinge im Nationalsozialismus einander mit „Kamerad“ anredeten. Im Schwur von Buchenwald heißt es: „Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“ Aber das nur am Rande.

Ein Beischläfer ist schon per se Anti-Kamerad

Kameradschaft ist per Wikipedia-Definition „eine zwischenmenschliche Beziehung ohne sexuelle Ansprüche“. Mag sein, dass hier bereits der Grund verborgen liegt für die Behauptung, dass Kameradschaft nicht ehetauglich sei. Denn was ist die Ehe anderes als zunächst einmal eine Versicherung gegenseitiger sexueller Ansprüche? Wenn man gedanklich dazu bereit ist, diese ominöse „Liebe“ so geschäftsmäßig herunterzubrechen.

Nein, mit einem Kameraden geht man nicht ins Bett. Man teilt allenfalls platonisch das Lager, wenn nur eine Liegestätte bereitsteht und keiner frieren mag. Folglich ist ein Beischläfer schon per se Anti-Kamerad.

Aber Spaß beiseite: Was sind für Sie die positiv besetzten Elemente von Kameradschaft? Woran erinnern Sie sich, was Ihnen zuletzt ein Kameradschaftsgefühl gegeben hat?

War es, als Ihnen die beste Freundin in einer dunklen Zeit trotz eigener Verpflichtungen selbstlos zur Seite stand? Oder war es der Kumpel, der sofort den Scheck ausstellte, als Sie in einer Not waren?

Heldentum von morgen

Im soldatischen Leben bedeutete – oder bedeutet noch – Kameradschaft das füreinander Einstehen, auch unter Lebensgefahr. Diese Form höchster Kameradschaft beweist sich also erst in Extremsituationen. Zuvor bleibt sie ein Lippenbekenntnis. Die Bewährungsprobe für Kameradschaft liegt im einseitigen und uneigennützigen Heldentum von morgen.

Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass der zunächst einmal positiv besetzte Begriff in der Gegenwart durch “rechtsradikale Kameradschaften auch eine düstere Seite bekommen hat(Kameradschaft Link)”:https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Kameradschaften. Spannend könnte in Zukunft sein, in welche Richtung sich der Begriff bewegen wird. Interessant auch, dass sich „Kameradschaft“ in dieser modernen Fibel „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn und Richard Wagner nicht wiederfindet. Dort haben zwar so seltsame Begriffe wie „Arbeitswut“ ihren Platz gefunden, ebenso wie „Spargelzeit“, aber so etwas wie „Kameradschaft“ wollten die Autoren nicht im Kern der deutschen Seele entdecken.

Kameradschaft wirkt kontaminiert. Vielleicht deshalb, weil ihr die Schwere und Verantwortung eines Versprechens vorangestellt ist. Am intensivsten und lebensfeindlichsten dort, wo der Soldat dem Kameraden in eine gefährliche Situation folgt, um ihm beizustehen. Und am wenigsten dort, wo Kameradschaft ein Lippenbekenntnis bleibt, das sich möglicherweise niemals beweisen muss – ähnlich wie Loyalität.

Loyalität offenbart sich dann, wenn die Extremsituation ein über sich Hinauswachsen des Einzelnen erforderlich macht. Kameradschaft und Loyalität sind also Geschwister. Ihnen zur Seite gestellt sind Kühnheit und Liebe. Ja doch, über den schnöden Deal auf Gegenseitigkeit muss es so etwas wie Zuneigung geben, um den finalen Kameradschaftsbeweis anzutreten.

Egozentrische Frauen?

Und damit wären wir wieder bei der Eingangsfrage angekommen: Sind Frauen die schlechteren Kameraden? Ein guter Freund ist davon fest überzeugt. Seine Lebenserfahrung will ihm gezeigt haben, dass Frauen gute Partner sind, solange gemeinsame Probleme gemeinsam gelöst werden konnten. Und gegen die individuelle Lebenserfahrung eines Einzelnen ist immer schlecht anstinken.

Ein anderer Freund meinte erkannt zu haben, dass er im Gegensatz zu seinen Frauen immer wesentlich weniger geschaut hätte, wer mehr investiert. Er hätte nicht ständig darauf geachtet, ob der Deal ein gutes Geschäft für ihn sei. Er fühlte sich immer mehr dem Langzeitprojekt verpflichtet. Er hatte eine gemeinsame Zukunft vor Augen, während er bei seinen Frauen immer das Gefühl gehabt hätte, sie würden die Rechnung jeden Tag aufs Neue stellen.

Für meinen Freund ist Kameradschaft also ein Langzeitprojekt. Und anscheinend hält er Frauen für unfähig, solche Langzeitprojekte in Angriff zu nehmen und für sie zu kämpfen. Damit knüpft er unbewusst an eine Studie an, die herausgefunden haben will, dass schon 15-jährige Jungs eine höhere “Problemlösungskompetenz als Mädchen vorweisen(Studie)”:http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/pisa-studie-jungen-besser-als-maedchen-a-961921.html.

Alles eine Frage der Sozialisation? Beeinflusst das Bewusstsein doch das Sein? Alles nur anerzogen? Können die Mädchen von heute die guten Kameraden der Männer und Frauen von morgen sein? Sind Frauen untereinander weniger kameradschaftlich als Männer?

Kameradschaft als Handelsware

Eine Arbeitskollegin beantwortete mir die Frage, ob Frauen auch Männern gegenüber gute Kameraden sein könnten so (per E-Mail):

bq. „Sind sie. Wenn Mann sie nicht jahrelang zur Prinzessin macht. Dann kommen sie von dem Sockel natürlich schwer wieder runter … Kameradschaft hat ja von Anfang an etwas sehr Gleichberechtigtes … ;-)“

Andererseits, vielleicht sind Frauen auch einfach pragmatischer. Vielleicht wird da immer noch ein Programm aus grauer Vorzeit hochgefahren, wenn es um den eigenen Vorteil bzw. den Vorteil für die eigene Brut geht? Ja, ja – das klingt alles fürchterlich antifeministisch. Aber lassen Sie uns doch noch gemeinsam ein bisschen weiter spinnen.

Wahrscheinlich hat mein Freund recht, aber er hat die falsche Perspektive eingenommen. Er hat zu viel Pathos hineingelegt. Vielleicht leben wir in einer Zeit, in der wir uns die weibliche Sicht der Dinge zum Leitbild machen sollten. In einer kapitalistischen Zeit, in der wir auch lernen müssen, mit Dingen wie Kameradschaft umzugehen. Sie zu einer ehrenwerten zwar, aber eben zu einer Handelsware zu machen, zu einem Stückgut, das einen Gegenwert nicht nur hat, sondern zwingend einen braucht, um seine Existenzberechtigung zu bestätigen.

Auf den Hund gekommen …

Eine ahistorische Welt ist eben immer eine, die frei ist von Utopien. Nur die großen Utopien erlauben eine Unwucht, ein Missverhältnis, das vom Unterlegenen ertragen und dem Bessergestellten angeboten wird, der es mit einer Investitionszusage für die Zukunft beantwortet. Kameradschaft braucht also die gemeinsame Utopie, die Vision von etwas gemeinsamen Besseren in der Zukunft.

Deutschlands erster Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nahm Ludwig Uhlands Gedicht „Der gute Kamerad“ 2005 in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.

Ganz egal aber, ob man nun die Kameradschaft mit einem Mann oder eine Frau oder mit wem auch immer pflegt oder in Zukunft pflegen möchte – einig sind sich die meisten Menschen immerhin darin, dass der Hund der beste Kamerad des Menschen sei. Unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Rüden oder eine Hündin handelt.

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