Man kann im Rahmen des Grundgesetzes wunderbar den Kapitalismus überwinden. Sahra Wagenknecht

Deutschland verrecke

Unser Kolumnist erklärt Ihnen, was Punks aus den 80er-Jahren mit Wirtschaftspolitik der Gegenwart der BRD zu tun haben.

Wer, wie ich, als Jugendlicher die Geburtsstunde des deutschen Punks miterlebt hat, der hat zum Slogan „Deutschland verrecke“
eine fast schon romantische Beziehung. Denn „Deutschland verrecke“ ist zunächst einmal die drastische Positionierung gegenüber dem unsäglichen „Deutschland erwache!“.

Aber verrecken sollte damals natürlich nicht diese wunderbare sozialverträgliche West-BRD mit ihrer kleinen, aber großsubventionierten Ostzonen-Enklave der Freiheit, diesem rockigen West-Berlin, sondern alles, was den Stinkefinger verdient hatte in den Augen dieser Schnellrock-Rebellen mit ihrem schon dem Prinzip nach nonkonformistischen Verhalten.

Eure Vorstellung von Deutschland soll verrecken

„Deutschland verrecke“ meinte also auf gut punkig: Eure Vorstellung von Deutschland soll verrecken; eure Idee der Gestaltung eines Landes, in das wir als Deutsche unverschuldet hineingeboren wurden. Nun ist vieles, was früher Punk war, heute was ganz anderes. Ulf Bastian aus Hamburg beispielsweise ist heute Pastor bei der Elim-Gemeinde und engagiert sich für Flüchtlinge. Und wird von der „Morgenpost“ in der Rubrik „Hamburgs Helden“ vorgestellt. Auch Kai Schumann wollte früher, dass Deutschland verreckt und ist heute vor allem bekannt als Schauspieler für seine Rolle des Gynäkologen Dr. Kaan in der preisgekrönten Serie „Doctor’s Diary“. Auch der deutsche HipHop-SuperStar Casper ist heute nach eigenem Bekunden ein Ex-Punker.
Sogar Opernsängerin Simone Kermes und Schauspieler Wotan Wilke Möhring waren in ihrer Jugend … na was wohl? Klar: Punker.

Nun wissen wir spätestens seit Bertrand Russell, dass, wer in der Jugend nicht Punk war, kein Herz hat. Und dass derjenige keinen Verstand hat, der im Alter immer noch Punk ist. Sid Vicious von den Sex Pistols verfügte 1979, kurz bevor er sich den Goldenen Schuss setzte, das Ende des Punks, als er darum bat: „Beerdigt mich in meiner Lederjacke, in Jeans und Motorradstiefeln.“ War das nun für die deutschen Punks auch das Ende von „Deutschland verrecke“?

Punk ist Kunst

Nein, denn als im September 1997 in Berlin-Kreuzberg ein paar Überlebende der Punk-Generation einen Punk-Song der Gruppe „Slime“ öffentlich abspielten, der folgende Textzeile enthielt: „Deutschland verrecke, damit wir leben können“, wurde der Veranstalter zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 25 DM verurteilt. Als Begründung gab das Amtsgericht an: „Er habe durch Abspielen des Liedes bei einer Versammlung die Bundesrepublik Deutschland beschimpft und böswillig verächtlich gemacht.“ Weiter heißt es dort: „Als rechtsstaatlich verfasste Demokratie sei die Bundesrepublik Deutschland in ihrem von der inneren Zustimmung ihrer Bürger abhängigen Bestand auf ein Mindestmaß an Achtung dieser Bürger ihr gegenüber angewiesen.“

Letztlich hob das Bundesverfassungsgericht das Urteil allerdings auf mit der Begründung: „Das Lied „Deutschland muss sterben“ ist Kunst im Sinne dieses Grundrechts.“
Mehr noch, man attestierte dem Amts- und Landgericht eine Missinterpretation des Liedes, wenn diese behaupteten, das Lied ziele darauf ab, dass sich eine Besserung der Lage für die Staatsbürger nur durch eine Vernichtung des Staatssystems der Bundesrepublik Deutschland erreichen lassen soll. Laut Verfassungsgericht wird diese Interpretation „dem satirischen, verfremdenden und metaphorischen Gehalt des Werks jedoch nicht gerecht“.

Am schönsten wird’s allerdings, wenn das Verfassungsgericht noch Heinrich Heines Gedicht „Die schlesischen Weber“ als Zeugen benennt, wo es ja bekanntlich heißt: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch“. Nun hatte das Königlich Preußische Kammergericht dieses Gedicht allerdings explizit verboten – so besehen taugt der Vergleich kaum. Höchstens für die Gegenseite, gäbe es eine Rechtsnachfolge vom Kammergericht zum Bundesdeutschen Verfassungsgericht. Gibt es aber nicht.

Auflösung der Nationalstaatlichkeit

Sei es drum. Viel schlimmer ist nun allerdings, und dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich mich heillos verheddert habe, denn eigentlich wollte ich eine großen Bogen schlagen vom punkigen „Deutschland verrecke“ hin zu einem „Deutschland verrecke“, das man heute kühn als systemischen Denkansatz unserer Entscheiderebene in Wirtschaft und Politik bezeichnen könnte – das also eine Stringenz beweist, vom Berliner Punk der 1980er-Jahre hin zu international operierenden deutschen Unternehmen, flankiert von einer 1992 in Kraft getretenen Verfassungsänderung oder -ergänzung, die, wenn Sie Altpunker sind, wenn Sie also so wollen, nichts anderes meint als: „Deutschland verrecke“.

Oder massenkompatibler ausgedrückt: Artikel 23 Abs. 1 S. 2 GG diktiert dem wiedervereinigten Deutschland eine Hauptaufgabe: die Auflösung der deutschen Nationalstaatlichkeit in einem vereinten Europa. Dazu aber mehr in der kommenden Kolumne.

„Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!“
Heinrich Heine

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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