Ich werde unfreundlich, wenn mir Verfassungsbruch vorgeworfen wird. Wolfgang Schäuble

Vom Leben befreit

Wir sind keine Nachfahren von Befreiten. Und wir sind auch keine Nachfahren von KZ-Schergen. Über Schuld, Sühne und Rache.

Die US-amerikanische Journalistin, Schriftstellerin und Kriegsreporterin Martha Gellhorn schrieb am 8. Mai 1945:

„Wir saßen in diesem Zimmer, in diesem verfluchten Friedhofsgefängnis, und niemand hatte noch etwas zu sagen. Dennoch erschien mir Dachau als der passendste Ort in Europa, um die Nachricht vom Sieg zu hören. Denn gewiss wurde dieser Krieg geführt, um Dachau und alle anderen Orte wie Dachau und alles, wofür Dachau stand, abzuschaffen, und zwar für alle Zeiten.“

Ich behaupte jetzt einfach mal, es gibt nur noch wenige weitere Zitate von Zeitzeugen, die so überzeugend beschreiben könnten, warum der 8. Mai 1945 zum „Tag der Befreiung“ wurde.

Die Tore öffneten sich

Damals hatten Hunderttausende Menschen einen direkten Zugang zu diesem Begriff. Die am meisten, für die es zuallererst eine physische „Befreiung“ im ursprünglichen Wortsinne war. Die Tore der von Deutschen organisierten KZs, der Lager und Gefängnisse öffneten sich für die, die jede Hoffnung verloren hatten, die aber wie durch ein Wunder noch am Leben waren. Überlebende.

Und dann erfährt man im TV von so erschütternden Geschichten wie der von den allliierten Befreiern, die nur das Beste für diese Geschundenen wollten und mit ihrer viel zu kalorienreichen Kost ungewollt weitere Todesfälle provozierten – an Menschen, deren Kräfte sogar für die Nahrungsaufnahme aufgezehrt waren. Namenlose. Nummern. Vergessene.

Für uns Nachgeborene erschließt sich die Bedeutung des Begriffes „Befreiung“ heute allenfalls intellektuell. Denn damals schon erwachsene Zeitzeugen gibt es heute kaum noch welche. Keine Täter, keine Wir-haben-von-alledem-nichts-gewusst-Menschen, keine Opfer, keine Überlebenden mehr. So befreien sich die deutschen und europäischen Geschichtsbücher unweigerlich auch von diesem Mehltau aus unerträglicher Schuld, ungenügender Sühne und totaler Verleugnung. Aber diese anwachsende Leerstelle, dieser chronologische Vorgang des zunehmenden Vergessens bietet auch Raum für Neuinterpretationen. So hat Hasso Mansfeld in seiner The-European-Kolumne auf einen interessanten Aspekt verwiesen: auf den Fingerabdruck des Grauens, der sich erstaunlich tief selbst noch in unsere DNA eingegraben hat.

Mansfeld titelt zwar geradezu passiv von einem „Affektierten Pazifismus“, findet aber zu einer hochinteressanten Erkenntnis, die innerhalb der umfangreichen deutschen Rezeption des Dritten Reiches eine weitere Facette anbieten kann, wenn er feststellt: „In kaum zu überblickender Weise hat die Zeit zwischen 1939 und 1945 Niederschlag in unserer Erziehung und Persönlichkeitsbildung gefunden.“

Grausames Austoben

Was wird hier vom Kolumnisten impliziert? Doch wohl nichts weniger als die Behauptung, dass diese Zeit uns bis heute prägt. Noch Generationen später! Dass, wenn wir unsere persönliche Sozialisationsgeschichte aufarbeiten wollen, wir an den Folgen der Folgen der Jahre 1933-1945 nicht vorbeikommen: Erzieher, Lehrer, Medien, Verwandte, Eltern – diese Schicksalsmenschen der Kriegsgeneration wurden wie keine Generation zuvor von der Singularität der Verbrechen der eigenen Elterngeneration überrollt. So erzählt Mansfeld, dass er noch stellvertretend für die Schmach, die Schuld und das Unvermögen der Verarbeitung regelmäßig vom Vater Gewalt erfahren musste, der doch selbst geschunden und gequält wurde, ohne diesem Wahnsinn je einen Namen geben zu können. Ohne in die Rolle des Anklägers schlüpfen zu können. „Befreiung“ stand nie im Lebenslauf von Vater Mansfeld. Und es fühlte sich auch ganz sicher nicht so an. Die Mansfelds sind Schlesier. So wie meine Familie auch.

Und wenn Soldat Mansfeld die Rheinwiesen-Lager lange nach dem 8. Mai mit gerade einmal 40 kg Restgewicht überlebte, wie der Sohn mir erzählte, grub sich bei meinen Vorfahren die tschechische Version der „Befreiung“ tief ins Bewusstsein. Wo sich Vater Mansfeld nicht von den US-Amerikanern befreit fühlen konnte, empfand meine Familie ebenfalls nichts dergleichen, als die Russen Hunderttausende Deutsche den Tschechen überließen, nachdem sie sich selbst ausgiebig ausgetobt hatten: Die KZs wurden einfach weiterbetrieben und Hunderte neue Folterlager kamen hinzu, gegen die sich ein Guantanamo heute wohl wie ein Sanatorium ausmalen würde.

Man muss nicht lange schauen oder suchen, um diese Überlebensberichte der Schlesier und anderer von der Landkarte und aus dem Gedächtnis getilgter deutscher Volksgruppen im Netz zu finden. Wer sich hier, wie ich in den letzten Tagen, einliest, der wünscht fast, diese Stunden rückgängig machen zu können. Nicht alleine wegen der unvorstellbaren Bilder, die sich tief eingraben – noch 70 Jahre später –, sondern vor allem auch wegen dieser sofortigen Kollision mit dem Bild des Deutschen als Täter und der 1945 vom Nationalsozialismus befreiten Deutschen.

Keine Prozesse, keine Verurteilungen

Nein, – möglicherweise mag er das sogar anders sehen – aber Hasso Mansfeld und ich sind keine Nachfahren von Befreiten. Wir sind auch keine Nachfahren von KZ-Schergen. Wir sind vor allem Nachfahren von traumatisierten Menschen. Von Menschen, an denen furchtbar Rache genommen wurde. Menschen, die Grausamkeiten über sich ergehen lassen mussten, die nie gesühnt wurden. Die aber eben auch eine kollektive Schuld mit sich herumtrugen, die nicht nach dem individuellen Gewicht der Schuld fragte. Die später Jahrzehnte mit der Gewissheit leben mussten, das es auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs Peiniger gab, die sie auf unvorstellbarste Art und Weise quälten und viele dabei töteten. Auf eine Weise, wie man kein Tier quälen oder töten würde. Nach dem 8. Mai 1945. Nach der sogenannten Befreiung. Ganz besonders diesen Hunderttausenden gequälten und elend zu Tode gekommenen Deutschen muss an so einem Tag unser Gedenken gelten. Vielleicht sogar – und das ist hier keineswegs revisionistisch gemeint! – zuallererst.

Denn heute, 70 Jahre danach, ist Auschwitz unauslöschbarer Teil unserer deutschen DNA geworden. Wir haben es irgendwie geschafft, diesen Teil unseres Deutschseins beinahe kollektiv anzunehmen. Und wir begreifen dieses Erbe heute sogar als unverrückbare Verpflichtung. Vielleicht sollten wir nun endlich auch einen Weg finden, das Schicksal unserer Familien als Teil unserer DNA zu begreifen, anstatt nur irritiert auf dieses immer diffuser werdende Rumoren um uns herum zu lauschen.

Fangen wir doch damit an, die Schuld der Henker an diesen Deutschen als das zu sehen, was sie ist: Vielfach vergeben und vergessen, aber eben auch vielfach unbenannt und ungesühnt. Keine Prozesse. Keine Verurteilungen. Keine Genugtuung für die Überlebenden. Mit der Kriegsschuld der Deutschen und den Vorzügen des Marschallplans jedenfalls sollte man keine Gegenrechnung mehr aufmachen dürfen. Dafür sind 70 Jahre einfach eine zu lange Zeit. Zeit vielleicht sogar, den Opfern endlich einen angemessenen zentralen Gedenkplatz in Berlin zuzuordnen, anstatt würdelos darum zu schachern. Singulär. Nur ihr Leid betreffend. Wir sind heute gewappnet genug, zu verstehen, was das bedeuten darf und was auf keinen Fall.

Und nun lassen wir zum Schluss noch einmal Martha Gellhorn zu Wort kommen, deren Vorfahren aus Breslau stammen, wie meine. Und die schrieb 1944 unter dem Eindruck der Ereignisse: „Wenn man bedenkt, dass wir versucht haben, die Malariamücke auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, den Deutschen auszurotten, der noch sichereren und hässlicheren Tod bringt.“ Das ist furchtbar. Aber auch das ist Vergangenheit.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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