Ich hab’ die Nase voll

Alexander Wallasch7.06.2015Gesellschaft & Kultur, Politik

Jeder soll kiffen und koksen dürfen, wie es ihm beliebt? Auf keinen Fall. Wir müssen endlich den Mut aufbringen, „Nein“ zur Legalisierung aller Drogen zu sagen.

Kennen Sie auch das „Kiffzittern“? In einem früheren Text hatte ich mit der Verwendung dieses Wortes Heiterkeit bei den Lesern ausgelöst. Umschrie­ben war eine bestimmte, stereotype Verhaltens­weise von Cannabis-Konsumenten, wenn es gilt, auf den Punkt ein paar Dinge stringent, möglicherweise noch im Multitasking-Modus oder einfach nur in einer handelsüblichen Chronologie zu erledigen.

Das Interessanteste aber war, viele wussten sofort, was ich meinte: diese körperlich sichtbare Reak­tion, das Unvermögen, am Leben auf akzeptable Art und Weise teilzunehmen. Wohlgemerkt, nicht unter Einfluss der Droge, sondern nüchtern. Also eine Form von Entzugserscheinung, eine traurige Überwältigung von der Intensität des Lebens der anderen verbunden mit dem persönlichen Versa­gen, daran teilzunehmen.

Kommen wir zur konkreten Frage der Gefährlichkeit von Cannabis-Produkten und gleich im Anschluss zu einer klaren Positionierung in Sachen Legalisierung. So befragte Julia Völker Ende 2013 für die „Zeit“ den Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen, Rainer Thomasius, der erklärte, Cannabis sei ein sehr großes Problem unserer Gesellschaft. Und der aus der Praxis berichtete, dass „fünf bis sechs Prozent aller Jugendlichen (…) sogar ernsthafte psychische Störungen im Zusammen­hang mit dem Konsum illegaler Drogen“ entwickeln. Der Artikel berichtet von Jugendlichen, die in geschlossenen Stationen psychiatrischer Kliniken untergebracht werden müssen, um wieder neu zu lernen, auch ohne Drogen klarzukommen – einige bereits zum wiederholten Male. Cannabis als Sucht-Teufelskreis.

Mir erzählte eine Therapeutin übrigens, dass haufenweise ADHS-Kinder zu ihr in Therapie kamen, nachdem ihnen kein Ritalin mehr verschrieben wurde. Eine Mehrheit dieser Kids fing an zu kiffen. Man nimmt ihnen Ritalin, dafür steigen sie aufs Kiffen um, um runterzukommen. Wir beginnen also schon mit dem Anstieg der Ritalin-Verschreibungen, Drogenkarrieren für unsere Kinder zu legen. Wäre es aus dem Blickwinkel nicht sogar folgerichtig, Eltern, die mit ihrem Kind kiffen – also das kindliche Urvertrauen missbrauchen –, strafrechtlich wegen Körperverletzung zu verfolgen? Das gilt für Cannabis und für härtere Drogen wie Kokain allemal.

Woher kommt dieser Leichtsinn?

Aber seien wir ehrlich, wie sollen es die Eltern besser wissen, wenn jemand wie Joschka Fischer ausgerechnet dem „Playboy“ schon (oder „noch“) 1985 vorschwärmte: „Eine meiner schönsten Tätig­keiten war es, Pilze zu sammeln, vom Steinpilz bis zum Psilocybin-Pilz. Das ist ein Pilz mit LSD-ähnlicher Wirkung. Jetzt traue ich mich gar nicht mehr, den zu pflücken wegen der hohen Schadstoffbelastung.“

Oder wenn dieser personifizierte Mister Harmlos der Grünen, der Bundesvorsitzende Cem Özdemir, provokant und ganz „aus Versehen“ ein Video von seinem Balkon veröffentlicht, während im Hintergrund seine private Cannabispflanzenzucht zu sehen ist, also eine, mindestens bei Jugendlichen unter dringendem Verdacht der körperlichen Schädigung stehende, Droge angebaut wird?

Woher kommt dieser Leichtsinn? Alles nur Nostalgie und rückwirkende Rechtfertigung des eigenen falschen Tuns der Vergangenheit? Oder gar eine Rechtfertigung aus dem bereits geschädigten Gehirn heraus?

Kommen wir zur Legalisierung: Eines der Hauptargumente dafür sind die Beendigung der Kriminalisierung und der Verweis auf die Legalität von Alkohol und Tabak. Ersteres ist zu relativieren. Bedenkt man beispielsweise, dass es strafrechtlich irrelevante, sogenannte User-Mengen in allen Bundesländern gibt. Hinzu kommt, dass das Verbot eine nicht zu unterschätzende Signal­wirkung hat. Es ist gerade kein Anreiz, es zu versuchen – wie von Befürwortern gerne behauptet wird – nein, es ist eine klare Ansage, dass man gesamt­gesellschaftlich feststellt und kundtut, dass Drogen inklusive Cannabis gefährlich sind und krank machen können. Dass sie als Belohnungssystem nichts taugen. Denn vor der Belohnung muss die Leistung stehen und mit leistungsmindernden Substanzen ist das ein Widerspruch in sich.

Unseren Kindern zeigen, was ideal ist

Richtig zynisch ist der Verweis auf die Le­galität von Tabak und Alkohol. Den Teufel also mit dem Beelzebub austreiben. Eignen sich doch gerade diese beiden Drogen am besten, um vorzuführen, welche Auswirkungen Legalisierungen haben können. Hier muss eine restriktive Alkoholpolitik nach skandinavischem Vorbild her. So liegt Norwegen mit einem Verbrauch von etwa sechs Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr an drittletzter Stelle im europäischen Vergleich. In Deutschland liegt der Konsum seit Jahren unverändert hoch bei 11,8 Litern. Diese Diskrepanz ist auch Ergebnis einer norwegi­schen Reaktion auf die klare Erkennbarkeit der Schädlichkeit von Alkohol besonders für Heranwachsende nebst einem streng limitierten Verkauf als erstem Schritt.

Fehlt noch ein Blick auf die Frage nach Haschisch als Einstiegsdroge für Kokain, Heroin usw. Wer hier behauptet, das gäbe es nicht, handelt grob fahrlässig. Denn natürlich ist mit der Akzeptanz der einen Substanz generell der Damm auch gebrochen für weitere Substanzen – inklusive einer erhöhten Verfügbarkeit. Manche nennen es Experimentierfreude. Andere sehen darin eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Bringen wir doch endlich gemeinsam den Mut auf, „Nein“ zu sagen zu einer Legalisierung aller Drogen. Auch wenn das uncool erscheinen mag, auch wenn wir es selbst einst probiert haben. Im Bewusst­sein, etwas Falsches zu tun und nicht mit Absolution durch Staat und Gesellschaft. Wir sollten uns nicht scheuen, dazu beizutragen, dass unsere Kinder ihre Auszeiten und Belohnungssysteme dauerhaft so programmieren, dass Abenteuer-, Sport- und Kulturangebote an erster Stelle stehen. Wenn das jemand spießig findet – gut, dann ist das eben so.

In was für einer Welt wollen wir leben? Es liegt doch an uns, unseren Kindern zumindest deutlich zu zeigen, was unser Ideal ist. Was sie dann letzten Endes daraus machen, liegt nicht in unserer Hand. Aber wir haben dann wenigstens getan, was richtig ist.

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