Wir werden zu Medienkreaturen. Nicholas Carr

Völkermord zweiter Klasse?

Anlässlich des 100. Jahrestags des Völkermordes an den Armeniern dachte unser Kolumnist auch an die Auslöschung vieler Familien aus den deutschen Ostgebieten.

Erlauben Sie mir, anlässlich meiner nun 200. Kolumne für The European mit ein paar persönlichen Worten zu beginnen. Man könnte behaupten, meine Familie, meine Kinder, mein Enkelkind und ich, wir verdankten unsere Existenz der beharrlichen Verweigerung einer 1945 gerade einmal Neunjährigen, die schrie und schrie und schrie, weil sie nicht jenes Gift zu schlucken bereit war, das völlig verzweifelte, erwachsene Frauen bereits vom Greis bis zum Kind verteilt hatten, um dem Horror in den tschechischen Lagern zu entkommen.

Dort, wo sonst überall erschossen, erschlagen, ertränkt, zu Tode vergewaltigt und ausgehungert wurde, blieb es für meine weiblichen Vorfahren samt Kinder wie durch ein Wunder bei Scheinerschießungen. In letzter Sekunde wurde über die Köpfe hinweg in die Mauer geschossen, an der sie aufgestellt wurden. Die anschließende Vertreibung war ein Fußmarsch entlang von Leichen, abgelegt am Straßenrand.

Meine Familie kommt aus Schlesien. Beim Ausgleichsamt erhielt ich als Kind meiner Eltern einen Vertriebenenausweis. Ich bin also hochoffiziell ein Vertriebener, obwohl in Braunschweig geboren und aufgewachsen, ohne dass mir das bisher jemand streitig hätte machen wollen. Was ich in mir trage wie viele meiner Generation, ist dieser seltsame Nachhall der damaligen Geschehnisse. Unbewusst übertragen aus der Elterngeneration.

Die revisionistische Büchse der Pandora

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich beim Eintreten unseres Bundespräsidenten Joachim Gauck für die armenische Sache an all die gruseligen Geschichten denken musste. Nein, wir sind nicht armenisch-stämmig. Dennoch schien es mir für den Moment, als teilten meine Eltern ein ähnliches Schicksal wie die eine oder andere armenische Familie, von deren Nachfahren aktuell so viele in den Medien zu Wort kommen bzw. nacherzählt werden.

Unser Bundespräsident hat sich nun also in den Berliner Dom hingestellt und mit einem jahrzehntelang geltenden deutsch-türkischen Agreement gebrochen, indem er der Türkei – als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches – einen einhundert Jahre zurückliegenden Völkermord an den Armeniern bescheinigte. Die Türkei reagierte prompt und lobte ihrerseits so etwas wie eine diplomatische Krise mit der Bundesrepublik Deutschland aus, nicht ohne obendrauf noch mit der geballten Wut der hier ansässigen Türken und türkischstämmigen Deutschen zu drohen, die Gauck unisono beleidigt hätte.

Im Nachgang fast noch spannender fand ich allerdings die Frage, ob Gauck damit möglicherweise sogar irgendeine revisionistische Büchse der Pandora geöffnet habe. Erwartet uns jetzt beispielsweise aus dem erdversunkenen Andachtsraum einer hellhörig gewordenen Erika Steinbach die Proklamation eines weiteren Völkermordes? Oder bringt Gauck sogar höchstselbst und rechtzeitig zum 8. Mai, zum Tag der Befreiung, einen Völkermord an den Deutschen in den Ostgebieten auf die Tagesordnung? War Gaucks von der türkischen Seite als Tabubruch empfundene Rede nur die Ouvertüre zu etwas viel Ungeheuerlicherem?

Die Angelegenheit könnte heikel werden

Sollen die Gräuel an Hunderttausenden Deutschen, das Sterben und die Ermordung von Frauen, Männern, Alten und Kindern, ihre Vertreibung und Schändung demnächst den Verbrechen an den Armeniern gleichgestellt werden? Darf und kann es aber überhaupt eine Bereitschaft geben, zu behaupten, in beiden Fällen wäre es das Bestreben der Richter und Henker gewesen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören – wie es in der Definition für Völkermord heißt?

Die Vertreibungen mit Todesfolge für Hunderttausende Deutsche – die offiziellen Zahlen schwanken zwischen einer halben und zwei Millionen Menschen – sollen sogar akribisch und über einen langen Zeitraum geplant gewesen sein, behauptete zumindest die „Welt“ 2002.

Die Angelegenheit könnte heikel werden. So heißt es im Artikel mit der Überschrift „Die Vertreibung war lange geplant“ abwiegelnd von der unter Verdacht gestellten tschechischen Seite:

„Wer die zwischen 1945 und 1947 erlassenen Vertreibungsdekrete zur Disposition stelle, so Vaclav Klaus von der Demokratischen Bürgerpartei (ODS), wolle ganz offenbar die europäische Nachkriegsordnung umstürzen. (…) Vladimir Spidla, bekräftigte sogar, dass die Vertreibung und Enteignung von knapp drei Millionen Sudetendeutschen ,notwendig‘ gewesen sei.“

Nie mehr hinter den 8. Mai 1985 zurück

Man möge sich eine solche Haltung einmal aus türkischen Regierungskreisen zum Völkermord an den Armeniern vorstellen. Ein Sturm der Entrüstung würde über die Türken losbrechen. Für die tschechische Seite blieb die im Artikel geschilderte Verharmlosung der Ermordung an Deutschen übrigens nicht nur folgenlos, man wurde – positiv begleitet von der Deutschen Bundesregierung und ganz anders als die Gauck-gescholtene Türkei – mit der Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedacht.

Nun jährt sich der Tag der Befreiung zum siebzigsten Mal. Folgt man dem Begriff „Befreiung“, ist bereits impliziert, dass nicht alle Deutschen Täter sein konnten. Denn irgendwer musste ja noch neben den wenigen überlebenden Juden auf der Seite der Befreiten zu finden sein. Könnte es also heikel werden, wie sich Gauck am 8. Mai positioniert? Ich glaube nicht, dass sich Gauck daran die Finger verbrennen wird. Nein, da wird es keine Überraschungen geben. Kein Ratschlag nach Armenien. Nein, Richard von Weizsäcker hat 1985 als einer der Vorgänger Gaucks mit seiner Rede zum 8. Mai das Tor zu revisionistischen Interpretationen ein für alle Mal zugeschlagen. Daran wird auch ein irgendwie von der Bedeutung seines Amtes überdrehter pastoraler Selbstdarsteller wie Gauck nicht rühren können.

Und jetzt möchte ich noch, Sie verzeihen mir das bitte, Henryk M. Broder zu Wort kommen lassen, der in einem Kommentar in der „Welt“ zu Frank-Walter Steinmeiers Ablehnung des Begriffs „Völkermord“ an den Armeniern schrieb:

„Auch die Armenier, die ich kenne, hätten lieber etwas anderes im Gepäck als die Erinnerung an das Schicksal ihrer Vorfahren. Weder Juden noch Armenier werden als Konkurrenten gegeneinander antreten, nur weil der deutsche Außenminister in der Rolle des Unparteiischen glänzen möchte. (…) Haben die Armenier, die in der Wüste verdurstet sind, weniger gelitten als die Juden, die in Auschwitz vergast wurden?“

Aber nun frage ich bei Broder nach: Sollte man das dann tatsächlich auch anwenden auf jeden Deutschen aus den Ostgebieten, der bei den planmäßigen Vertreibungen elend verreckt ist? Oder muss man sie dann doch vornehmen, diese eine Relativierung des Grauens, die Sie in Ihrem nachdenkenswerten Artikel so vehement bestreiten?

Darüber bin ich ins Grübeln gekommen. Und damit will ich hier gar nicht hinterm Berg halten. Ich erinnerte mich wieder an meine Großmutter: Sie konnte man als gläubige evangelische Christin bezeichnen. Oma wurde 94 Jahre alt. Aber als da irgendwann um ihren 90. herum dieser tschechische Chor zu Gast war, und im Harzer Altentreff vorsang, blieb sie zu Hause in ihrem Fachwerkhäuschen sitzen. Vergebung war für sie auch nach all den Jahren unmöglich. Vielleicht hätte sie vergeben können, wenn es nur jemand gegeben hätte, der diese Vergebung angenommen hätte. Wenn es überhaupt einmal jemanden gegeben hätte, der das Morden, welches sie überlebt hatte, beim Namen genannt hätte.

Was wird am 8. Mai passieren?

Die Armenier haben darauf viel zu lange gewartet. Keiner mehr da, der sich leibhaftig erinnern könnte. Und wie ist es mit uns Deutschen 70 Jahre danach? Ist so etwas wie ein Völkermord an einem Tätervolk gar kein Völkermord und wenn doch, dann nur einer zweiter oder dritter Klasse? Mal schauen, ob unser Bundespräsident am 8. Mai darauf eine adäquate Antwort findet, und ob sich überhaupt die Frage stellt. Mal schauen, ob Gauck erneut bereit ist, zu äußern, was ihn so umtreibt und was er nicht für sich behalten kann. Oder Frau Steinbach erledigt das vorher auf ihre ureigene Weise. Möglich ist vieles. Erwartbar nichts.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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