Tunesien darf nicht scheitern!

von Alexander Vogel24.01.2016Außenpolitik

Bei einem flüchtigen Blick auf die Karte des afrikanischen Kontinents, könnte man ein Land fast übersehen. Ganz oben im Norden, eingekeilt zwischen den großen Flächenstaaten Libyen und Algerien, liegt Tunesien. Übersehen sollte man dieses Land aber auf keinen Fall…

Es ist das afrikanische Land, das weniger als 100 Kilometer von der italienischen und damit der EU-Grenze entfernt liegt. Es ist das afrikanische Land, dessen Bedeutung so viel größer ist als seine relativ geringe Fläche und seine Einwohnerzahl von gerade einmal knapp elf Millionen Einwohnern. Nicht nur geographisch ist Tunesien die Brücke zwischen Europa und der Sahara.
So klein es auf der Karte erscheint: Tunesiens Bedeutung für Afrika, den Nahen Osten und uns Europäer ist immens.

Wurzel des arabischen Frühling

Von Tunesien aus begann der einst so hoffungsvoll stimmende „Arabische Frühling“ und nur in Tunesien lässt sich dieser Frühling heute noch erkennen. Tunesien ist zum Symbol geworden für eine ganze Region.
Aber wie die Knospen im Frühling ist auch die Demokratie in Tunesien noch zart, sensibel und verletzlich.

Es war es die verzweifelte Sehnsucht nach wirtschaftlicher und unternehmersicher Freiheit, die den jungen Straßenhändler Muhamed Bouazizi vor gut fünf Jahren dazu brachte, sich selbst zu verbrennen – das war der Auslöser für die Revolutionsbewegungen. Heute ist die Frage der wirtschaftlichen Prosperität der Lackmustest für den demokratischen Reformprozess. Dies sollte insbesondere uns Deutsche nicht verwundern. War es nicht das Wirtschaftswunder in den frühen Jahren der jungen Bundesrepublik, das uns zu guten Demokraten machte und unsere Demokratie bis heute so erfolgreich macht?

Wir müssen Tunesien unterstützen

Und deshalb ist es unsere Verpflichtung Tunesien auf seinem fragilen Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft zu unterstützen. Dies liest sich leichter als es ist. Der sogenannte Islamische Staat hat kein Interesse an einem Leuchtturm in Nordafrika. Der islamische Staat braucht die Dunkelheit um sich ausbreiten zu können. Das helle Licht der Freiheit ist sein Feind. Und deswegen wird er alle Anstrengungen dahingehend bekämpfen – wie zuletzt mit Anschlägen in Tunis. Das Ziel ist Verunsicherung, Angst und das Verhindern von Chancen und Perspektiven.
Knapp 23 Prozent der Bevölkerung in Tunesien ist unter 15 Jahre alt. Es ist besonders diese junge Generation, die Perspektiven braucht. Perspektiven im eigenen Land. Derzeit liegt aber die Jugendarbeitslosigkeit im Landesinneren von Tunesien bei 47 Prozent und ist seit dem Umbruch noch gestiegen. Vor allem unter den Akademikern ist die Arbeitslosenquote je nach Fachrichtung mit bis zu 60 Prozent besonders hoch. Das ist eine Gefahr für die Entwicklung des Landes.

In Zeiten von Flüchtlingsströmen liegt es auch im eigenen Interesse Deutschlands und Europas diesen jungen Menschen eine Perspektive jenseits der Flucht zu geben – Flüchtlinge aus Tunesien sind in Sachsen heute schon die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe, seit 2012 haben sich die Asylanträge verdoppelt.

Weil auch Deutschland seine Einwanderung regeln muss und nur begrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann, muss es sich stärker um Perspektiven in den Herkunftsländern bemühen. Und dabei hat Deutschland nicht nur Werte wie Demokratie und Marktwirtschaft zu bieten, sondern auch Erfahrung und die Möglichkeiten zu einem aktiven Beitrag.

Besonders die deutschen Modelle Mittelstand und Duale Ausbildung sollten dabei im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen. Sie sind nicht nur das Erfolgsrezept des Wirtschaftswunders in Deutschland sondern auch unserer heutigen wirtschaftlichen Stärke und können es auch in Tunesien sein. Wer die Möglichkeit hat sich unternehmerisch zu betätigen, wandelt sich vom Jobsuchenden zum Arbeitsplatzschaffenden. Hier sollte der deutsche und europäische Beitrag ansetzen: Unternehmertum durch Wissenstransfer, Zugang zu Netzwerken und Finanzierungen fördern um dem Einzelnen eine Perspektive zu geben.

Die Idee der Dualen Ausbildung ist es, auf den Arbeitsmarkt und die Bedürfnisse der Unternehmen hin ausgerichtete Ausbildung zu forcieren. Auch hier kann insbesondere Deutschland gute Dienste leisten – sowohl bei der Einstellungsänderung von lokalen Unternehmern, die nicht immer direkt ihre Verantwortung in der Ausbildung sehen, als auch bei den jungen Menschen, die heute oftmals eine berufliche Ausbildung als wenig wertvoll betrachten.

Deutschland kann hier Vorbild sein, diese Rolle sollten wir annehmen.
Unser Beitrag sollte auch nicht verkannt werden als reine Wohltätigkeit oder falsch verstandene Entwicklungshilfe. In Wahrheit ist er eine Investition in unsere Werte und in unsere Sicherheit.
Denn Arbeitslosigkeit, mangelnde Ausbildung und Perspektivlosigkeit sind die Katalysatoren des Terrors und der Flucht.
Im ureigenen europäischen Interesse gilt daher: Tunesien darf nicht scheitern!

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