Wir streben nicht nach der Weltherrschaft. Klaus Kott

Start-uppen statt stranden

Um die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer zu stoppen, müssen wir mehr tun als Brunnen bohren und Lebensmittel verteilen. Die Lösung liegt darin, dem Einzelnen eine ökonomische Perspektive zu geben. Unterstützen könnte das deutsches Know-how bei Existenzgründungen.

Seit Monaten beschäftigen uns die schockierenden Bilder Tausender Flüchtlinge auf viel zu kleinen Booten, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Menschen, die sich und ihre Familien einer solchen Gefahr für ihr Leben aussetzen, sehen keinen anderen Ausweg als die Flucht.

Jeder, der aus freien Stücken schon einmal seinen Heimatort aus beruflichen oder privaten Gründen verlassen hat, kann sich gut daran erinnern, wie schwer es ihm gefallen ist. Die Heimat aber unfreiwillig zu verlassen, weil man keine andere Wahl hat, weil man keine Perspektive mehr für sich und seine Familie sieht, ist unvorstellbar. Die Schicksale hinter den Bildern sind für uns kaum nachvollziehbar. Die Heimat wird verlassen, Familien werden auseinandergerissen, viele finden den Tod.

Die erste Reaktion auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist die akute Hilfe. Es ist richtig und wichtig, dass sich – wenn auch viel zu spät – Gedanken darüber gemacht und erste Maßnahmen ergriffen werden, um den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu helfen. Dabei geht es um Leben und Tod.

Aus Umbruch muss Aufbruch werden

Aber die Maßnahmen ersetzen keine langfristige Lösung. Die Ursachen für die Flucht Tausender Menschen aus ihren Heimatländern müssen ins Blickfeld rücken. Wir müssen uns grundsätzlich Gedanken machen, wie wir diesen Menschen langfristig helfen können. Die große Herausforderung besteht darin, Menschen eine Perspektive in ihrer Heimat zu geben. Aus Umbruchländern müssen Aufbruchländer werden. Die Ansatzpunkte sind dabei vielfältig. Das sind zum einen Fragen der inneren und äußeren Sicherheit, aber es sind auch Fragen der individuellen wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Perspektive für sich persönlich und die eigene Familie. Als Europäer kann es uns auch nicht nur darum gehen, die gut ausgebildeten jungen Talente aus diesen Ländern aufgrund unseres Fachkräftemangels auch ganz offiziell nach Europa zu holen. Das Gegenteil ist für die Entwicklung dieser sich im Umbruch befindlichen Länder entscheidend.

Wenn junge Menschen und gut Ausgebildete nicht in ihrer Heimat gefördert werden, sondern flüchten, entsteht ein Teufelskreis. Denn es sind vor allem diese jungen, gut Ausgebildeten: Sie sind die Grundlage für die künftige Entwicklung der Länder beispielsweise in Afrika. Sie müssen die Spitzenpositionen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft einmal ausfüllen. Doch wenn sie für sich und ihre Familien überhaupt keine Zukunft sehen und ihren Heimatländern den Rücken kehren, ist die Lücke nicht mehr aufzufüllen. Und das kann nicht im Interesse Europas sein. Es wird uns in Europa auf Dauer nicht gut gehen, wenn es unseren Nachbarn schlecht geht.

Existenzen fördern schafft Perspektiven

Was kann helfen? In Deutschland erleben wir derzeit einen regelrechten Start-up-Hype. Immer mehr Menschen wollen nicht nach einem Job suchen, sondern sich ihren Job selbst schaffen und sich mit ihren Ideen, Talenten und Fähigkeiten selbst verwirklichen. In Deutschland ist das Gründen zwar nach wie vor zu kompliziert, bürokratisch und mit Risiken verbunden, aber die Rahmenbedingen sind grundsätzlich sehr gut. Es gibt Förderprogramme und Hilfestellungen, und sollte man scheitern, fällt man in Deutschland relativ weich.

Existenzen zu fördern, muss stärker in den Blickwinkel genommen werden, wenn es darum geht, Perspektiven für Länder im Um- und Aufbruch zu schaffen. Erinnern wir uns kurz daran, dass der Arabische Frühling in Tunesien begann, als sich ein junger Mann verbrannte, weil ihm die Chance genommen wurde, mit seinem kleinen Obststand seine Familie zu ernähren.

Es geht also darum, dem Einzelnen eine ökonomische Perspektive zu geben, die ihm ein besseres Leben in Aussicht stellt.

Know-how exportieren, statt Talente importieren

Statt Talente aus Auf- und Umbruchländern zu importieren, sollten wir unser Know-how bei Existenzgründungen exportieren. Es müssten Existenzgründerzentren geschaffen und Programme aufgelegt werden, die junge Leute dabei unterstützen, ihre Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist auch eine Chance, zu zeigen, dass Europa unter Armutsbekämpfung mehr versteht als Brunnen bohren und Lebensmittel verteilen. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Das mag abgedroschen klingen, ist aber aktueller denn je, weil es den Einzelnen in den Mittelpunkt rückt und individuelle Förderung erst möglich macht.

Manchmal reicht eine Idee, ein Impuls aus, um Großes zu bewirken.

Wer aber existenzielle Not leidet, hat nicht den Kopf frei, um sich Gedanken zu machen, wie er sich selbst eine bessere Zukunft baut. Wir müssen das eine tun, ohne das andere zu lassen. Kurzfristig Not lindern, langfristig Chancen schaffen und den Einzelnen stärken.

Was kann es Besseres geben, als eine Perspektive zu Hause zu haben?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Vera Lengsfeld, Thomas Dörflinger .

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