Europas Wirtschaft: eine Shakespeare-Tragödie?

von Alexander Schumann7.04.2015Wirtschaft

Der Ansatz der Negativzinsen ist nicht falsch, nur braucht es eine wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur. Sonst droht ein Ende wie in „Hamlet“.

„Etwas ist faul im Staate Dänemark.“ So lautet eine Textzeile aus dem ersten Akt von Shakespeares „Hamlet“. Sie wird gern zitiert, um Situationen zu beschreiben, bei denen man nicht recht weiß, ob sie ein gutes Ende nehmen werden. Nun war es tatsächlich eine dänische Bank, die vor die Zinssätze bestimmter Hypothekenkredite ein Minuszeichen gesetzt hat und damit so manche Schlagzeile in den Wirtschaftsnachrichten provozierte.

Wer Geld zur Bank trägt, wird zur Kasse gebeten

Aber Kunden, die an dieser Stelle zugriffen, wird wohl eher ein freudiges als ein mulmiges Gefühl beschlichen haben. Unangenehm wurde es angesichts von negativen Zinsen eher dem ein oder anderen (vor allem Unternehmens-)Kunden in Deutschland, der für sein Guthaben statt Zinsbelohnung plötzlich eine Gebührenstrafe erhält.

Wie in Shakespeares Stück sich die Gefährten Hamlets über eine Geistererscheinung wundern, so reiben wir uns also nun in ganz Europa die Augen, weil fundamentale Grundsätze in der Finanzwelt plötzlich nicht mehr gelten. Statt von jenen Geld in Form von Zinsen zu verlangen, die sich Geld leihen, ist es plötzlich andersherum: Wer Geld zur Bank trägt, wird zur Kasse gebeten.

Das Beschriebene ist keine flächendeckende Praxis, auch wenn negative Hypothekenzinsen ebenso aus Portugal berichtet werden. Und nicht jeder europäische Bankkunde muss für sein Kontokorrentkonto plötzlich Gebühren berappen. Doch zusammen mit den negativen Einlagenzinsen der Zentralbanken in der Schweiz, Dänemark, Schweden und – als einziger großer Notenbank – bei der EZB ergibt sich ein Bild, das wieder die Parallele zu „Hamlet“ liefert: Das umhergehende Gespenst dort und die Negativzinsen hier sind gleichermaßen ein Krisenphänomen.

Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen auf nahe null gesenkt und stellt Liquidität in ungeahntem Ausmaß zur Verfügung. Doch selbst das reicht nicht, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Viele Banken sitzen aus Vorsicht auf großen Geldmengen. Der traditionelle Transmissionskanal der Geldpolitik bleibt damit verstopft, und die EZB greift inzwischen zu direktem Druck auf die Liquiditätshaltung: Der Zinssatz der Einlagefazilität für Guthaben bei der EZB wurde im Juni 2014 in den negativen Bereich gesenkt; zunächst auf -0,1 Prozent, im September auf -0,2 Prozent. Das ist der Boden, auf dem dann Zinsprämien für Häuslebauer in Skandinavien oder auf der iberischen Halbinsel wachsen.

EZB-Maßnahmen jagen Börsenindizes in historische Höchststände

Zinsen mit einem Minus davor sind aber lediglich Facette einer Geldpolitik, die für den einen waghalsig und für den anderen endlich einmal mutig erscheint. Wer hat recht? Bis September 2016 will die EZB 1,14 Billionen Euro ins Finanzsystem pumpen, damit es von hier den Weg hoffentlich in den realen Wirtschaftskreislauf findet – wenn nicht durch Kredite an Unternehmen, dann doch durch Investitionen der öffentlichen Hand, erleichtert durch die Haushaltsspielräume, die mit gedrückten Renditen von Staatenbonds einhergehen.

Außerdem machen Niedrigst- und Negativzinsen Anlagen in anderen Währungsräumen attraktiver, führen zu einem sinkenden Wechselkurs und stützen damit Exporte. So das Kalkül der Nachfrageenthusiasten unter den Ökonomen. Aus Schulden muss man herauswachsen, lautet die Kernthese – und sie ist richtig. Denn auch die Angebotstheoretiker sehen in Haushaltskonsolidierung und Primärüberschüssen nicht das Allheilmittel zum Schuldenabbau.

Sie sind notwendige Bedingung für mehr Wirtschaftswachstum. Hinreichende Bedingung aber ist nur eine wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur. Hierfür sind Null- oder Minuszinsen allerdings kontraproduktiv. Denn sie zwingen nicht zu Innovation und Rationalisierung. Sie lassen Geld in Finanzanlagen fließen und jagen Börsenindizes von einem zum anderen historischen Höchststand.

Selbst jenseits dieser Fehlanreize bleibt die Frage, wie Gelddrucken ein investitionsfreundliches Klima schaffen soll. Die Künstlichkeit der Börsenhausse wird von den eigenen Nutznießern anerkannt. Und Unternehmen schauen nicht bloß auf die Zinssätze, sondern vor allem auf die Marktperspektiven und die Rahmenbedingungen. Beides verbessert sich nicht. Der DIHK misst in seinen Umfragen seit Langem eine Liquiditätsfalle (Zinsentwicklung und Investitionsverhalten sind entkoppelt, Geld wird trotz Niedrigstzinsen gehortet und nicht in den Kapazitätsausbau gesteckt) sowie eine Zunahme der Verunsicherung unter den Unternehmen hierzulande.

Von einem Ende wie Hamlet sollte Europa verschont bleiben

Was andere Teile der Euro-Zone anbetrifft, müsste ein Banken-CEO schon auf einen sehr wohlwollenden Aufsichtsrat treffen, wenn er ihm die Konjunkturlage als geeignet für einen Ausbau des Portfolios an Unternehmenskrediten verkaufen will. Zusätzlich blenden die „Mit Schulden aus den Schulden“-Anhänger die Frage nach dem möglichen Potenzialwachstum sowie die Demografie-Falle aus.

Niedrigzinsen halten Zombie-Unternehmen am Leben, anstatt Kapital in neue innovative und zukunftsfeste Start-ups zu lenken. Sie eröffnen also nicht neue Produktions- und Wachstumsmöglichkeiten. Und wann will man alternde und damit potenziell anspruchssichernde Gesellschaften zum Streichen übermäßiger staatlicher Wohltaten motivieren, wenn nicht jetzt im Angesicht der Zwänge einer Anpassungsrezession?

Fazit: Wer aus dem Tal der Tränen heraus will, muss weiter marschieren auf dem Weg zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Die Medizin von Niedrigst- bzw. Negativzinsen mag in der guten Absicht verabreicht werden, Anpassungsschmerzen zu lindern. Sie verführt aber zum „Weiter-So“. Am Ende von Shakespeares „Hamlet“ liegt das Königreich am Boden. Das sollte Europa erspart bleiben.

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