Nährboden für Neugründungen

von Alexander Kölpin18.10.2011Innenpolitik, Wirtschaft

In Berlin werden die meisten deutschen Start-ups gegründet. Und auch international ist das Ansehen der Stadt als Standort der digitalen Industrie gewachsen. Inzwischen macht sie sogar London Konkurrenz.

Berlins internationales Ansehen als potenzielle europäische Hauptstadt für die digitale Wirtschaft hat einen enormen Aufschwung während der letzten zwei bis drei Jahre erlebt. Berlin genießt derzeit viel Sympathie. Diese beruht vor allem auf dem Lebensgefühl in Berlin, den kreativen Möglichkeiten und der generellen Offenheit der Stadt. Berlin ist sicher der Ort, an dem “die meisten deutschen Start-ups”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/8327-start-up-journalismus gegründet werden. Die vielen Gründungen sind nicht alle erfolgreich. Aber wenn es eine Hinwendung zu einer positiven Kultur des Scheiterns, zu einem Vertrauen in den zweiten Versuch in Deutschland gibt, dann in Berlin. Auch geht das, was geschaffen wird, sei es Intellectual Property, Know-how und ausgebildete Mitarbeiter, zum größten Teil nicht verloren. Mitarbeiter machen Ausgründungen, Serial Entrepreneurs gründen neu, werden Business Angel und gehen in Firmenbeiräte. Es gibt reale Exits, die anspornen und Vorbilder schaffen. Man kann nicht anders als feststellen, dass sich über die erste Internetblase hinweg ein Nährboden für Neugründungen gebildet hat. Eine Art kritische Masse, die aus sich heraus neue Firmen entstehen lässt und andere nach Berlin zieht.

Berlin ist international

Inzwischen gibt es neben Rocket Internet, Team Europe und Springstar “noch weitere Inkubatoren”:http://www.theeuropean.de/ijad-madisch/8402-berlin-als-gruenderhauptstadt, die professionell neue Unternehmen gründen und wachsen lassen. Venture Capital Unternehmen wie Earlybird und IBB sind in Berlin oder kommen bei Bedarf nach Berlin, wie Holtzbrinck, Neuhaus und DuMont Ventures. Besonders positiv stimmt in jedem Fall das erwachte Interesse von amerikanischen Unternehmen. Interesse zeigen nicht nur Google und Groupon, die Berliner Unternehmen gekauft haben und damit eine Präsenz in Berlin haben, sondern auch amerikanische VCs, die in Unternehmen wie researchgate, madvertise und Amen investieren. Berlin ist nicht nur für Berliner und deutsche Gründer interessant, sondern für europäische, internationale Akteure der digitalen Szene, seien es Programmierer, Designer, Entrepreneure oder Investoren. Berlin ist in dieser Branche wirklich international.

Ernsthafte Konkurrenz für London

Eine Stadt wird oft genannt, wenn es um europäische Zentren der digitalen Industrie geht – London. Die britische Hauptstadt ist extrem international, man spricht Englisch, es gibt viele Internetunternehmen, viel Kapital. London ist aber auch sehr teuer und sehr groß. Die Bankenindustrie ist sehr dominant und zieht viele der besten Talente an. Berlin ist kleiner, viel preiswerter und hat genau die Lebensqualität, die die Webszene sucht. Als größte deutsche Stadt hat Berlin vielleicht genau die Größe, zwei wichtige Dinge zu vereinen. Berlin ist groß genug, um auf internationalem Niveau spielen zu können. Berlin ist auch übersichtlich genug, zu ermöglichen, dass sich eine Szene gut vernetzt und der Stadt ein Gesicht und ein zukunftsorientiertes Profil gibt. Das Silicon Valley gibt es genau einmal, in Kalifornien. Das Valley hat mehrere Jahrzehnte gebraucht, so groß und dominant zu werden, wie es jetzt ist. Berlin und alle, die aus guten Gründen in Berlin sind und hierherkommen, haben das Zeug, Berlin zum europäischen Hub für die digitale Industrie zu machen. Berlin überschätzt sich nicht, Berlin hat ein Ziel. Das Zeitfenster zur Verwirklichung des Ziels ist genau jetzt. Und der derzeitige Enthusiasmus für diese Stadt ist genau das richtige Gefühl dazu.

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