Lasst euch nicht entschlüsseln

von Alexander Kissler1.05.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Fast täglich hören wir: Dank der Hirnforschung werde der Mensch bald kein Rätsel mehr sein. So weit wird es nie kommen – und das ist auch gut so.

Die Hirnforschung kennt ein einziges Geschäft: das Entschlüsseln. Vergleichbar den minder bekannten Promis, deren einmal errungene Popularität fortan zum Namensbestandteil wird – man denke an „Superstar“ Alexander oder „Boxenluder“ Katie –, gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung dieses eisern feste Hauptwort-Zeitwort-Doppel. Die Hirnforschung entschlüsselt, hat entschlüsselt, wird entschlüsseln. Nur eine kleine Weile noch, dann werden wir ganz rätsellos unsere Tage leben, die Hirnforschung sei gepriesen. Was ist nicht schon alles entschlüsselt worden: unser Seelenleben, unser Begehren, unser Fürchten und Freuen und Träumen, Abwenden und Zuwenden, unser Schönheitsempfinden, unser räumliches Bewusstsein, unser Träumen und all unser mal böses und mal gutes Wollen. Das nämlich sei gar nicht frei, sondern unabwendbares Resultat hochkomplexer neuronaler Prozesse. Nun, erfuhr der geneigte Leser der Fachzeitschrift „Science“, sei auch das Hadern entschlüsselt. Dank Hamburger Hirnforscher, die taten, was Hirnforscher gerne tun: Menschen in den Kernspintomographen stecken und Bilder machen von den Aktivitäten im Hirn der Eingespannten.

Gestern Rätsel, heute Kernspintomograph

Ein „erlernter Regulationsmechanismus“ im Frontalhirn, genauer: im ACC-Areal, ist demnach verantwortlich dafür, dass frohe Junge und traurige Greise gleichermaßen mit verpassten Chancen hadern, während aktive Senioren um die 65 gelassen reagieren. Diese seien in der Lage, „aktiv das Gefühl des Bedauerns runter zu regulieren“ – erklärte eine Hamburger Hirnforscherin im Deutschlandfunk. Das Dopamin ausschüttende neuronale Belohnungssystem bleibe hingegen bei den Probanden um die 25 und bei depressiven Rentnern inaktiv. Man muss den seriösen unter den Hirnforschern zugutehalten, dass sie selbst ungern vom Entschlüsseln reden. Auch sie aber profitieren vom Branding ihrer Branche, das besagt: Wir sind die Entschlüssler. Wo gestern ein Rätsel war, ist heute ein Kernspintomograph. Was wir gestern bestaunten, erklären wir heute. Aus Fragen werden Farbkleckse und aus Farbklecksen neue Erzählungen vom Menschen. Bizarr ist die Eilfertigkeit, mit der das Credo vom Entschlüsseln nachgesungen wird. Offenbar ist der Drang weit verbreitet, sich zum Kriminologen der eigenen Gattung fortbilden zu lassen. Wissbegierde ist ein edles menschliches Bedürfnis; der vollends entschlüsselte aber wäre der unmenschliche Mensch. Er hinge am Gängelband der Ganglien, über das eine neurowissenschaftliche Expertokratie befände. Er wäre Produkt fremder Autoren. Er wäre eine Eiweiß produzierende Gedankenmaschine.

Der Mensch wird immer Geheimnis bleiben

Gemach. Was Entschlüsselung heißt, ist in der Regel nichts anderes als die interpretierende Zuordnung von Hirnaktivität und Empfindung. Wir wissen dann, günstigenfalls, was im Hirn vor sich geht. Wir wissen nicht, warum es geschieht; wissen nicht, was den Menschen antreibt, wenn er dieses verschmäht oder jenes wertschätzt. Der Mensch wird immer Geheimnis bleiben, sich und anderen. Keine tröstlichere, befreiendere Botschaft wüsste ich im öffentlichkeits- und durchleuchtungsversessenen 21. Jahrhundert.

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