Elite muss man wollen

Alexander Kissler14.02.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Fall des Bundespräsidenten zeigt auf dramatische Weise: Deutschland hat ein Elitenproblem.

Der Mietling zu Bellevue, der Lügner genannt werden darf, hat sich für die Königsdisziplin wankender Herrscher entschieden, für das Aussitzen. Das ist sein gutes Recht. Wir werden sehen, wie weit es ihn trägt, ob er damit abermals schlecht oder ausnahmsweise gut beraten war. Viel drängender, ja nachgerade epochal ist indes die Frage, was nach dem Ende dieses bundespräsidialen Schlamassels bleiben wird. Welche Lehren sind aus dem Scheitern des Mannes, der Lügner genannt werden darf, zu ziehen? Was wird ins Skurrile, Komische, subjektiv Peinliche absinken, und aus welchen Steinen wird der Rucksack gemacht sein, der dem deutschen Michel hernach auf den Schultern lasten wird – zentnerschwer, sodass des Michels Blick fest zum Boden gerichtet sein wird, zur Grasnarbe, ganz tief nach unten?

Deutschland hat eine Elite, aber kein Elitenbewusstsein

Von den Kollateralschäden für jene Unterstützerparteien, die sich bürgerlich nennen und die in der ganzen Causa sehr unbürgerlich sprachen und flunkerten, war schon die Rede. Alle aber, die Teil sind dieses Gemeinwesens, werden nach dem Abgang des Mannes, der Lügner genannt werden darf, sich fragen müssen: Wie entsteht eigentlich diese dünne Schicht, die zwei verfemte Begriffe zusammenbindet, die deutsche Elite? Ob es uns gefällt oder nicht – eine solche Elite gibt es, wird es immer geben, immer brauchen. Verfügt die Bundesrepublik aber über die richtigen Techniken und Strategien, damit nach oben gelangt, wer nach oben gehört? Nach Lage der momentanen Dinge: Nein. Der Fall des Mannes, der Lügner genannt werden darf, zeigt auf dramatische Weise: Deutschland hat eine Elite, aber kein Elitenrekrutierungsprogramm. Deutschland hat eine Elite, aber kein Elitenbewusstsein. Deutschland hat ein Elitenproblem. Unumstritten sind höchstens der Geld- und der Sportadel. Wer deutlich mehr verdient als andere oder deutlich sportlicher ist, hat Anspruch auf allgemeines Interesse. Dessen Wort wird vernommen, wenn auch nicht befolgt. Die sogenannte Funktionselite hingegen, zuvörderst die politische, hat ein enormes Legitimationsdefizit. Die Regel scheint es zu sein, dass die Angepassten und die Vernetzten nach oben gelangen, nicht die Besten. Auch der jetzige Mieter von Bellevue gilt als Meister der Kungelei, und allein einer Kungelrunde im Bundeskanzleramt verdankt er sein jetziges Amt.

Hand aufs Herz

Ein solches Modell taugt nicht. Es vertreibt systematisch alle Exzellenz und lässt jene Mittelmäßigkeit mit Ellenbogen zurück, wie sie auf Schloss Bellevue residiert. „Nicht die unabhängigen Köpfe“, sagte jüngst Arnulf Baring, „setzen sich durch, sondern die Apparatschiks. (…) In Frankreich, Großbritannien und den USA (…) geht man ganz anders vor. In den Vereinigten Staaten gelangen häufig Wirtschaftsführer in die Politik. In Frankreich greifen alle Lager auf die Absolventen der Eliteschulen zurück. Und wenn man in Oxford oder Cambridge studiert und jeden Tag die Porträts der Premierminister, die aus dem jeweiligen College hervorgegangen sind, an den Wänden der Hall sieht, fühlt man sich automatisch ermutigt, es eines Tages selbst zu versuchen.“ Hand aufs Herz: Welchen klugen Kopf könnte die Malaise zu Bellevue anspornen, dereinst selbst nach diesem Amt sich ausstrecken zu wollen? Wer mag nach einer Würde greifen, die man auch würdelos handhaben kann? Wen lockt die Aussicht auf Hinterzimmergemauschele und Strippenzieherei, deren Resultat dann ein angeblich unabhängiger Kopf für angeblich alle sein soll? Wer könnte ernstlich glauben, die Summe so vielfacher Bedingtheit sei ein unbedingter Souverän? Weil mit alldem nicht zu rechnen ist, sollte die Republik nach dem Abgang des Mannes, der Lügner genannt werden darf und der darum objektiv ungeeignet ist für Bellevue, zweierlei tun: Sie sollte die Scheu vor der Elite ablegen, damit künftig nicht Elitendarstellung triumphiert, wo Elite sein sollte. Und sie sollte den öffentlichen Streit und die öffentliche Wahl an Stelle der Kungelrunden setzen. Wer das Volk vertreten will, sollte es ertragen, von ihm gewählt werden zu müssen.

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