Neue deutsche Bürgerlichkeit

Alexander Kissler10.01.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Die bürgerlichen Parteien entdecken in Zeiten höchster Bedrängnis die Nibelungentreue. Mit echter Bürgerlichkeit hat diese aber nichts zu tun.

Die ersten Tage des Jahres brachten viele Erkenntnisse und noch mehr Fragen: Deutschland hat ein Ehepaar, das auf Schloss Bellevue wohnt – doch hat Deutschland einen Bundespräsidenten? Christian Wulff bekannte sich öffentlich zu Deutschland als einer Amigo-Republik, in der sich gute Freunde auch über Einkommens- und Einflussunterschiede hinweg gerne helfen, mit Geld zum Beispiel, aber ohne Hintergedanken – doch ist Deutschland eine Republik? Der Schlossmieter sieht sich in „Krieg“ und „Stahlgewitter“ verwickelt und hofft auf die kollektive Amnesie der Deutschen, diese also nicht nur für ihn bedrohliche Lage „in einem Jahr vergessen“ zu haben, Helm auf zum Gefecht – doch kann Deutschland sich einen Hauptrepräsentanten leisten, der aus dem Bunker Parolen wirft?

Von welcher bürgerlichen Partei ist die Rede?

Für die kniffligste Nuss sorgte Horst Seehofer. Am landestypisch verschneiten Tegernsee verkündete er: Bereits 2012 entscheide sich, „mit welchen Chancen die bürgerlichen Parteien in die Wahlen gehen“. Das Jahr stimmt, von Wahlen anno 2013 in Bayern und im Bund, auch in Hessen und Niedersachsen hat man gehört. Was aber sind jene „bürgerlichen Parteien“, an die der CSU-Chef denkt? Meint er die eigene Formation? Jene CSU, die in Gestalt ihres Vorsitzenden den akademischen Trickser Karl-Theodor zu Guttenberg bekniet, sich doch bitte, bitte wieder den Niederungen der Landes- und Bundespolitik zuzuwenden? Bisher galt es eher als Ausweis bürgerlicher Tugend, akademisch zu reüssieren denn sich einen Doktortitel zu erschwindeln. Meint Seehofer jene CSU, die in seiner Person und in der Person des Generalsekretärs und der Person der Landesgruppenchefin erklärte, sie vertraue „voll“ dem Bellevuebewohner, obwohl bisher jedes Momentvertrauen in die Aussagen Christian Wulffs den Keim zu neuem begründeten Misstrauen legte? Vertraut sie dem Christian Wulff vom 22. Dezember 2011, der sich öffentlich erklärte, oder jenem vom 4. Januar 2012, der zur TV-Audienz bat? Zwischen beiden gibt es einen Unterschied so groß wie jenen zwischen „man“ und „ich“, Bellevue und Burgwedel. Oder denkt Seehofer an die vom „Chinesen und dem Dicken“ – so Generalsekretär Döring über den Vorsitzenden Rösler und sich selbst – repräsentierte FDP? Die in Gestalt von Philipp Rösler und Dirk Niebel und Birgit Homburger und Jürgen Koppelin bedeutete, nun müsse Schluss sein mit der Kritik, Wulff habe alles gesagt, die Opposition wolle nur „Blut“ sehen? Bürgerlich soll es demnach sein, Schlussstriche bei offenen Fragen zu verlangen, Parteidisziplin mehr zu schätzen als Wahrhaftigkeit, Korpsgeist mehr als Dialog, Nibelungentreue mehr als Ehrlichkeit? Tempora mutantur.

Es ist finster geworden um Wulff

An die CDU kann Seehofer kaum gedacht haben. Bürgerlich ist es nicht, einen arg simpel gestrickten Landespolitiker, der das Land objektiv spaltet, zum guten Präsidenten zu erklären, wie es Angela Merkel und Hermann Gröhe taten. Bürgerlichkeit war einmal eine Haltung. Sie war das Ehrabzeichen jener, die nicht durch Besitz, nicht durch Geburt, sondern durch Fleiß, Geradlinigkeit, Arbeitseifer sich emporarbeiteten und so ein Gegenbild abgaben zum zuweilen anstrengungslos genusssüchtigen und moralisch flexiblen Adel. Bürgerlichkeit, wie sie die „bürgerlichen Parteien“ derzeit verstehen, taugt zum Schimpfwort. Andrea Nahles hat recht, wenn sie erklärt, dass „unter dieser Regierung die bürgerlichen Werte morsch geworden sind“. Sigmar Gabriel hat recht, wenn er Wulff und Merkel vorhält, sie verschöben „die Maßstäbe für Anstand, Respekt, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit in der Politik in die falsche Richtung“. Sogar Gesine Lötzsch irrt einmal nicht: Wulff hat „das Amt und unser Land beschädigt“. Selbst wenn man Nahles und Gabriel und Lötzsch für absolut unkundig hält in Fragen von Bürgerlichkeit, Anstand, Patriotismus: Sie haben recht. So finster ist es geworden um Wulff. Wer eine Rückkehr bürgerlicher Werte in die Politik erhofft, muss großherzig genug sein, den „bürgerlichen Parteien“ Exerzitien auf möglichst vielen Oppositionsbänken zu gönnen. Vielleicht gewinnen sie dann die Ahnung retour, was Bürgerlichkeit im Kern zusammenhält – die feste Überzeugung, dass bei politischen „Zielkonflikten Werte wichtiger sein müssen als Interessen“. Schließlich sind „gelebte Werte“ das kostbarste Erbteil Europas, ist „Glaubwürdigkeit heute unsere wichtigste Ressource“. So sprach am 14. November 2011 ein Bürger, der es wissen muss: Christian Wulff, Mieter zu Bellevue.

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