Marietta Slomka und die Sprechblasen

Alexander Kissler17.01.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Fast ein Moment höherer Erkenntnis: Wie aus dem Reden in Bildern das Bebildern von Blasen wurde.

Lindernd mag man einwenden, es sei doch Freitag, der Dreizehnte gewesen und nur ein Einschub, ein Hüpfer im Redefluss, wie zur Seite gesprochen. Man mag sich gewinnende Gründe vorsagen, weshalb Marietta Slomka im “„heute journal“ an jenem 13. Januar 2012”:http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1541638/ZDF-heute-journal-vom-13-Januar-2012 für einen Moment in das alttestamentliche Reden verfiel. Und doch ist der große Kladderadatsch vielleicht symptomatisch. Warum also sprach die ZDF-Nachrichtenactrice in gewisser sehr guter Absicht, aber ganz schlechter Ausführung plötzlich von Hiob?

Zu Unrecht haftbar gemacht

Nach Christian Wulff, “dem Dauerbrenner”:http://www.theeuropean.de/yascha-mounk/9498-die-medien-und-die-wulff-affaere, leitete sie über zum nächsten Standardärger dieser Tage, der kontinentalen Schuldenkrise. Am Freitagabend war bekannt geworden, dass die Bonität mehrerer europäischer Länder, Frankreich vorneweg, gesenkt werde. Bevor zwecks Erläuterung und Einordnung ein ZDF-Finanzexperte zu befragen war, hörte der Gebührenzahler diesen Satz: „Die US-amerikanische Rating-Agentur Standard and Poor’s hat ein großes Talent dafür, genau dann auf den Plan zu treten, wie Hiob persönlich, wenn sich die Lage gerade ein bisschen beruhigt hat.“ Die Agentur wolle „Frankreich die Bestnote entziehen“. Hiob wird hier zu Unrecht haftbar gemacht. Sein Nachleben, sein Echoraum, seine Geschichte gibt derlei nicht her. Der arme Mann, „ohne Falsch und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend“, gerät zwischen die göttlich-teuflischen Fronten. Der Herr gibt seinen Besitz in Satans Hand, um diesem zu beweisen: Hiob ist ein treuer Diener, nie wird er mir lästern, komme, was da wolle. In der Tat trifft es Hiob schwer, er verliert, was er hat, er hadert und ringt mit Gott, lästert aber nie, weiß unerschütterlich, „der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. (…) Der Name des Herrn sei gepriesen!“ Standard and Poor’s wird selbst der leidenschaftlichste Großkapitalist “nicht eine rechtschaffene, gottesfürchtige, vorbildliche Agentur nennen”:http://www.theeuropean.de/debatte/7188-rating-agenturen, der ganz unbillig ein Leid geschieht. Sie muss nicht hindurch durch tiefschwarze Nächte der Verzweiflung und Einsamkeit, sie wird nicht geprüft und an den Rand des Todes gebracht ad maiorem Dei gloriam. Sie verliert nicht all ihre Habe, um nackt und bloß der eigenen Kleinheit innezuwerden. Ja, Standard and Poor’s wäre mit dem Lohn für so viel frommes Durchhaltevermögen kein Lächeln abzuringen: „Der Herr aber segnete Hiob nunmehr reichlicher als im Anfange. Er erhielt 14.000 Schafe, 6.000 Kamele, 1.000 Joch Ochsen und 1.000 Eselinnen.“ Zu Beginn des Leidensweges war es jeweils deren Hälfte gewesen.

Leiden, nicht verkünden

Geblieben ist von dieser Menschheitserzählung die Formel von der Hiobsbotschaft. In diesem Sinne stolperte Slomka in die semiotische Falle – sie dürfte nicht die Einzige sein. Die Hiobsbotschaft ist jedoch nicht in dem enthalten, was Hiob überbringt, wenn er „auf den Plan zu treten“ sich anschickt, sondern in dem, was ihm zustößt. Hiob handelt nicht, ihm wird mitgespielt. Hiob verkündet kein Ungemach, sondern leidet darunter. Hiob ist Objekt, nicht Subjekt. Dass dieser einfache Zusammenhang im Jahre 2012 so langer Herleitung bedarf, zeigt eben auch: Zunehmend begreifen wir die Grundlagen unseres Redens nicht mehr. Die Fühlung zum Sinnreservoir, aus dem sich das nichteigentliche Reden speist, ist gekappt. Wir begreifen die Begriffe nicht, vermuten falsch, was wir einmal richtig wussten. Was Wissen war, wurde Symbol, aus dem Symbol aber die Blase. Da treiben sie um unsere Köpfe, schillernd und bunt, flüchtig und leer, die Sprechblasen, in die sich das spätmoderne Reden verpuppt hat. Alles nur eine Phase?

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