Ein Präsident dankt ab

von Alexander Kissler27.12.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Fernsehansprache machte deutlich: Christian Wulff missversteht sein Amt. Er inszeniert sich als autoritärer Privatmann mit Gefolge und organisiert eine Kulisse aus Jubeldeutschen und Kleinkindern.

Das “Video, mit dem Christian Wulff sich den „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ erklärte”:http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2011/12/111225-Weihnachtsansprache.html, dauerte 5 Minuten und 5 Sekunden, bestand aus 18 Einstellungen und 682 Wörtern und ließ keine Frage offen: Christian Wulff möchte geehrt werden als Bundesvater, der Hof hält, als aufgeklärter Absolutist, dem alle willkommen sind, die er selbst willkommen heißt. Eine solche Rolle ist in der Verfassung nicht vorgesehen. Das fünfminütige Weihnachtsvideo war deshalb eine Abdankung. Der Rest ist Privatheit.

Den König spielen immer die anderen

Unter den 18 Einstellungen ragte keine heraus. Das dürfte Programm sein. Nichts sollte den Eindruck des Egalitären stören. Achtmal sahen wir Christian Wulff in der klassischen Ikonografie, eingerahmt von einer Standarte mit Bundesadler und einem Weihnachtsbaum. Einziger Unterschied zu den Vorgängern: Wulff stand, saß nicht zwischen den beiden Pflichtrequisiten. Der Raum auf Schloss Bellevue, in dem er stand, lief dank der akkurat angeordneten Besuchergruppen keilförmig auf ihn zu. Eine ebenso häufig verwendete Einstellung brachte es an den Tag. Die Halbtotale zeigte achtmal die Männer und Frauen an der rechten, jene an der linken Wand und die elfköpfige Kinderschar zu Christian Wulffs Füßen. Zweimal schließlich wurden aus den Besuchergruppen Teilmengen herausgehoben: Zuwanderer beziehungsweise Soldatinnen mit Soldat. Alle – um ein Lieblingswort Wulffs zu zitieren, es fiel in verschiedenen Varianten zehnmal –, alle sollten sehen: Hier steht einer an der Spitze eines Volksdreiecks, das auf ihn zu läuft und das er sich erkoren hat. Das Fundament am Boden bildeten elf Kinder, eines im Krabbelalter. Alle waren sie stumm, bis auf ein weiteres Baby auf den Armen einer blonden Frau, die das Kleinkindkarree abschloss und als Bindeglied zum Block der Erwachsenen an der linken Seite fungierte. Dort hatte Bettina Wulff Aufstellung genommen, gemeinsam mit dem dreieinhalbjährigen gemeinsamen Sohn Linus. Auch sie und auch er reihten sich ein in das herbeigerufene Volk. Auch sie sollten die „offene Gesellschaft“ repräsentieren, für die Christian Wulff sich ebenso zu Recht einsetzt, wie er „Fremdenhass, Gewalt und politischen Extremismus“ verurteilt. Hier aber sind die Menschen stumme Staffage, gedungene Gesichter, Jubeldeutsche. Den König, das weiß jeder Schauspieler, spielen immer die anderen. Darum bestellte Wulff sich eine lebende Kulisse in den Palast. Die Menschen aller Stände, allen Alters, aller Herkunft mögen tatsächlich „auf ganz unterschiedliche Art und Weise für andere da“ gewesen sein und sich so die zweifelhafte Ehre verdient haben. Der Effekt ist entscheidend, dem Effekt diente alles. Die stummen Gäste sollten Christian Wulff jene Aura des Souveränen verleihen, die sich bei ihm sonst nicht einstellen will. Sie sollten zeigen, dass hier einer redet, dem man nicht widerspricht, dem man einfach zuhört, weil er es will. Nur das Baby hielt sich nicht daran und sorgte für ein Novum. Fast die gesamte Passage über Europa als Hort „der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit“ unterlegte es mit Säuglingsgeschrei. Auch danach ließ es sich den Mund nicht verbieten. Kinder und Tiere, weiß ebenfalls jeder Schauspieler, sind unschlagbare Sympathieträger. Christian Wulff zitierte das Baby ins Schloss, es enttäuschte ihn nicht. Werden wir bei der nächsten Weihnachtsansprache auf eine Katze schauen, die schnurrt zwischen Standarte und Baum und der ein Präsident zärtlich den Nacken krault?

Wulff missversteht das Amt

Die vielen Neuerungen des ehrwürdigen Formats – Volk zu Besuch, Kinder krabbeln und geben Laut, die Gattin führt den Sohn der Kamera zu – fügten sich in Christian Wulffs Auftrag, ein neues Deutschland zu repräsentieren. Ganz altbacken, hölzern, maximal uncool war aber der Vortrag der schlichten Sätze. Christian Wulff setzte eigenwillige Betonungen und Pausen, rettete sich von Einstellungswechsel zu Einstellungswechsel, indem er mal die Fäuste ballte und mal die Daumen drückte, mal abgebrochene Halbkreise beschrieb und mal den Kopf ruckhaft aus der schnurgeraden Senkrechten nach links riss. Mehr Einfall war nicht. Leidenschaft heißt das Gegenteil. Die vielen subjektiven Überwölbungen, mit denen Wulff das Präsidentenamt modernisieren will, zeigen, dass er dieses Amt missversteht. Im Bestreben, ein Präsident auf Augenhöhe zu sein, überhöht er sich und erniedrigt das Amt. Wir sahen ein Paar, das auf Bellevue lebt und sich gerne Gäste einlädt. Wir sahen keinen Präsidenten, der einem verunsicherten Land Zuversicht vermittelt, Orientierung gibt. Keinen Mann, der weiß, dass seine Aufgabe die Stellvertretung ist. Darum endete das Abdankungsvideo mit einer winzigen Sekunde der Wahrheit: mit dem todtraurigen Blick Christian Wulffs vor weihnachtlicher Kulisse. Da war keine Hoffnung. Es war vorbei.

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