Regen regnet Tod

von Alexander Kissler29.11.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

In der vergangenen Woche nahm sich der Sänger und Songwriter Ludwig Hirsch das Leben. Erinnerung an einen, den das Enden leben ließ.

Nun hat man es natürlich kommen sehen, nun ist es natürlich von erschreckender Folgerichtigkeit, dass der österreichische Sänger, Schauspieler und Komponist Ludwig Hirsch sich in den Tod stürzte, den er so viele Male besungen hatte. Gewiss war es nun aber, am vergangenen Donnerstagmorgen zu Wien, ganz anders als alles Sinnen und Singen zuvor. Jeden Weg geht man nur einmal, den letzten erst recht. Dreimal bin ich in Konzerten von ihm gewesen, fast alle Alben nenne ich mein eigen, zuletzt erstand ich „Perlen“ von 2002 und das Hörbuch mit Till Eulenspiegels lustig-derb-traurigen Streichen. Immer natürlich glaubt man, glaubte ich: Wer so in die Kunst des Untergehens verliebt ist, der geht nicht unter. Kunst bannt die Schrecken, die sie hervorruft, hält der Trauer stand, in die sie sich verkapselt. War das hier also nicht so? Waren die vielen sanften und dramatischen und übertriebenen und komischen Tode am Ende eine einzige Vorwegnahme des eigenen Abgangs, ein Sterben in Raten?

„Wurscht wo I hin greif, es tut ma so weh“

Vergleichsweise heiter kam „Perlen“ daher, mit elektrifizierten Kinderrhythmen und Liebesschnurren, zuweilen hart an der Kitschgrenze. Da wünschte sich einer „a Billasackerl voll mit Busserl von Dir“, und man sah schon im Silbenraureif Ludwig Hirschs Adamapfel auf und nieder hüpfen, die Konsonanten gurgelnd. Einer hatte sich die Hand verstaucht, „wurscht wo I hin greif, es tut ma so weh“, einer liebte schlicht ein Du, einer hatte Heimweh nach Kärnten, und immer raunte diese Ludwig-Hirsch-Stimme einen hintersinnigen, abgründigen Zweitkommentar, der alles Schöne aufraute. Nur Van Morrison, scheint mir, beherrscht dasselbe Kunststück, im Singen das Gesungene zu hinterfragen, Dur gleich Moll beizugeben. Doch vor allem war selbst „Perlen“ eine Reise zum Tod. Auf das Elterngrab legte er ein Lächeln, in Kärnten hieß das Trostwort „es gibt immer a Morgen, sogar nach’m Sterben“, der „Killer“ versprach seinem Opfer „Himmelsbusserl“ und „Himmelsgeigen“, der müde Wanderer schließlich wusste wie weiland bei Schubert von „Totenkränzen“ zu berichten, „bin matt zum Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt“. Das frühe Meisterwerk von 1979, „Komm’ großer schwarzer Vogel“, stand wie nie verblassende Prophetenschrift über dem Werk des Ludwig Hirsch. Dreimal also sang er vor mir. Sehr aufrechten Kreuzes bewegte sich der hagere Mensch, dessen Wangen wohl nie rosig gewesen waren. Er saß auf einem Hocker oder hielt tanzend Zwiesprache mit seinem ewigen Gitarristen Johnny Bertl. Böse und anrührend waren die Stunden, traurig nur dazwischen. Ich hörte „Landluft“ mit der grauenhaften Mordgeschichte um den bösen „Obergattinger“ passenderweise im Österreichurlaub, erschauerte jedes Mal aufs Neue bei der grausligen Zeile, „und dann schlachtet sie die Sau“. Ich hörte vom unglücklichen Pinguin, der im Süden stirbt, weil sein Herz ganz wund geworden war von der Liebe zu einem Flamingo. Und ich wollte die Mahnung beherzigen von einem, der aus sich herausgegangen war: „Du, Du geh in Dich und bleib drin.“

Er stellte sich das Sterben wie ein Nachhausekommen vor

Vor allem aber zählt zum Vermächtnis, das Epoche wurde im Zuhörer, die Parabel vom „Regen“, nachzuhören auf „Bis zum Himmel hoch“. Vor einem Jahr sagte Ludwig Hirsch, dem auf Erden zu helfen war, er stelle sich das Sterben wie ein Nachhausekommen vor, ein Wiedersehen mit geliebten Menschen, ohne Fegefeuer, denn das Fegefeuer sei ja schon die Gegenwart, unsere Zeit. Der „Regen“, den er vor fast 30 Jahren aber fallen sah, ist jener, der die Geliebten über ihr Leben und Lieben hinaus verbindet, der Regen von weit oben her, der in der Erinnerung entsteht. „Wir werden an damals denken, ganz kurz nur, wirst sehen, und er rennt uns die Wangen runter, der Regen, und dass wir weinen haben müssen, das wird niemand sehen.“ Dann setzt im Hauch noch der Sänger hinzu: „Eigentlich schad.“

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