Lass es, Peer

Alexander Kissler2.11.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Auf fast allen Kanälen, in fast allen Zeitungen tritt Peer Steinbrück seine Kanzlerambitionen breit. Im Duett mit Helmut Schmidt bietet er sich feil und lässt sich auf die Schulter klopfen: ein würdeloses Schauspiel.

Man kann ihm in diesen Tagen nicht entkommen, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, ehemaligen Bundesfinanzminister, jetzigen Bundestagsabgeordneten Peer Steinbrück. Das Stück, das der Hanseat vor gewaltigem Publikum gibt, trägt den Titel „Ein Mann will nach oben“. Oder heißt es „Peer und wie er die Welt sieht“? Vielleicht aber müsste man die Medienoffensive ehrlicherweise „Ein seltsames Paar“ nennen, denn Peer gibt es in diesen Tagen nur im Duett mit Helmut Schmidt. Gemeinsam tingeln sie durch die Lande und versprechen – wie einst übrigens mit einem Buchtitel Jürgen Möllemann – „Klartext in der Krise“. Es ist ein Stück in mehreren Stücken, das die Massen bezwingen und die eigene Partei betören soll. Unbeschadet seiner Steigbügelhalterdienste für Hedgefonds und sonstige „Heuschrecken“ gilt Steinbrück plötzlich als Deutschlands finanzpolitisches Gewissen. In und mit der SPD hat es Steinbrück dabei deutlich schwerer als mit einer liebedienerischen Presse zwischen „Spiegel“ und „Zeit“. Man ringt dort offenbar um den inoffiziellen Rang eines Königsmachers für diesen Bundeskanzlerkandidaten und Bundeskanzler in spe.

Devot, mitunter servil

Peer wird das Kind schon schaukeln, tönt es dem Betrachter nicht nur aus Hamburger Redaktionsstuben entgegen. Auch Günther Jauch stand der Selbstvermarktungsoffensive des erkennbar von unbändigem Ehrgeiz getriebenen Steinbrück nicht im Weg. Eine Stunde lang lieferten, sanft anmoderiert, Steinbrück und Schmidt ihre Paraderolle als Statler und Waldorf. Mit dem Unterschied freilich, dass die SPD-Männer im Gegensatz zu den Grantlern aus der „Muppets“-Show immer einer Meinung sind. Das allein ist bezeichnend und bedenkenswert genug. Offenbar befällt Öffentlichkeit und Journalismus periodisch wiederkehrend das unstillbare Bedürfnis, dem Jubelperser in sich Zucker zu geben. Sei’s drum, das wird vergehen und wird wiederkommen und hat vielleicht sogar seelenhygienische Kräfte, über die wir nicht richten dürfen. Anders verhält es sich mit den Ambitionen des Möchtegernkandidaten. Im Gesprächsbuch mit Helmut Schmidt, „Zug um Zug“, dem dank dieser Umfeldpflege glänzende Verkaufszahlen gewiss sind, zeigt sich Steinbrück ebenso wie bei seinen Fernseh- und Radioauftritten mit der schmauchenden Kodderschnauze in einer seltsamen Rolle: in jener des braven Konfirmanden, des wohl gezogenen Epheben, der adoriert, um selbst zu glänzen. Im geborgten Licht aber leuchten die eigenen Fähigkeiten nicht. Kein Trabant zieht eigene Kreise. Also müssen wir fragen: Könnte ein Peer Steinbrück, der so beharrlich mit den Hufen scharrt, als müsse er Volk und Partei erlösen, ein Kandidat oder Kanzler von eigenen Gnaden sein? Ist das Devote, mitunter Servile, das er nun im Angesicht seines Vorbildes offenbart, nicht ein Hinderungsgrund allererster Güte? Wenn die beiden Machos unter sich sind, scheint die Lage geklärt, alles Wichtige bereits hinreichend durchdacht, nur die finale Akklamation steht noch aus.

Helmut Schmidt will es, nun folge, du störrische Partei

Steinbrück will gerufen werden. Er weiß, dass „Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und ich“ sich einig sein müssen. Weder andere Kandidaten oder Kandidatinnen noch offenbar die zuweilen als „Parteivolk“ verspottete Basis kommen ihm in den Sinn. Und warum? Weil die mit so viel Ausdauer vorgeführte und kritiklos abgebildete Seelenverwandtschaft von Schmidt und Steinbrück über allem Procedere, letztlich über aller Politik stehen soll. Steinbrück begreift sich als vorgesehen, erwählt aufgrund seiner Nähe zum Parteiorakel von Hamburg-Langenhorn: Helmut Schmidt will es, nun folge, du störrische Partei, du ungeduldiges Volk! Es ist ein würdeloses Spektakel, das Peer Steinbrück dem Publikum schenkt. Er lässt sich landauf, landab öffentlich belobigen. Er will groß erscheinen, indem er sich kleinmacht vor einem, der als größer gilt. Die verteilten Rollen beherrschen beide Herren exquisit, auch bei der x-ten Wiederholung hören wir, was im Buch haarklein nachzulesen ist: Steinbrück, sagt Schmidt, kann „in besonderem Maße (…) das Vertrauen und damit die Stimmen von Menschen an sich binden“. Steinbrück, sagt Schmidt, kann „regieren (…) und verwalten“, in „souveräner Art“ sogar. Peer Steinbrück findet nichts dabei. Ihm ist kein Lobgesang peinlich. Gerade so will er es hören, der kleine Peer: „Ihr Urteil ehrt mich, Helmut.“ Genug, ihr beiden. Habt euch gerne, schätzt euch, spielt Schach bei Tage und Nacht und fallt euch in die Arme. Die Zeit der Akklamationen und der Altherrenkungelrunden aber ist vorbei. Darum kann die Losung nur heißen: Frank-Walter Steinmeier, übernehmen Sie. Und sprich auch Du, alte Tante SPD, sag uns, wo Du stehst.

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