Die Rating-Agentur in uns allen

von Alexander Kissler11.10.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Wegen einer unbefriedigenden Beurteilung im Restaurantführer hat sich ein Spitzenkoch umgebracht. Warum das Tun nicht das Sein überlagern sollte und Zahlen keine Göttersprüche sind.

Schlangenknöterich und Wiesenkerbel, Spitzwegerich und Hopfensprossen: Der Koch Friedrich Zemanek galt als Meister einer fantasievollen Kräuterküche. Ambitionierter Judoka ist der Sohn eines Tschechen und einer Deutschen gewesen, brachte es bis in die deutsche Jugend-Nationalmannschaft, ehe Verletzungen ihn stoppten. Seit 1990 lernte und kochte er in der Schweiz, heimste Preise ein, wurde in die Nationalmannschaft der Köche berufen. In der Schweiz setzte er nun, 51-jährig, dem Leben ein Ende. Sein letzter Tag auf Erden war jener, als er erfuhr, dass er in den neuen Gault Millau mit „nur“ 14 Punkten aufgenommen werden sollte. Ein Lehrstück auch für Nichtköche?

„Er ist dem Druck erlegen“

Seit Dezember 2010 wirkte Zemanek in Basel. Ein Freund wird mit den Worten zitiert: „Er ist dem Druck erlegen.“ Für Zemanek sei mit der 14-Punkte-Bewertung „eine Welt zusammengebrochen. Mit mindestens 16 Punkten hat er schon gerechnet.“ Mit 13 oder 14 Punkten zeichnet der bekannt meinungsstarke, mitunter sarkastisch formulierende Restaurantführer eine „sehr gute Küche“ aus, „die mehr als das Alltägliche bietet“. Hingegen stehen 15 oder 16 Punkte für einen „hohen Grad an Kochkunst, Kreativität und Qualität“. Der Chefredakteur von Gault Millau Schweiz ist sich keiner Schuld bewusst. Der „Basler Zeitung“ sagte er, die 14 Punkte seien als Ansporn gedacht gewesen. Kein neues Restaurant werde sofort mit 16 Punkten bewertet. Alles nur ein Missverständnis? Nüchtern betrachtet, ließe sich sagen: Es sind nur Zahlen, die da in die Welt hinaus gelangen, sind subjektive Eindrücke, die sich verknäulen in der einen Ziffer. Darf man an Zahlen sein Herz ganz hängen, an sie alles Wohl und Wehe und sein Leben delegieren? Wer kann den Zahlenmachern und ihrer Wertung solche absolute Macht nur geben? Doch schon der Rückblick auf die Schulzeit lehrt: Ganze Tage verrinnen manchmal ins Nichts, wenn die falsche, die als ungerecht empfundene Zensur ihnen die Überschrift leiht. Zahlen können als schicksalhafte Sinn- und Urteilssprüche auftreten, obwohl sie oft nur die Übersetzung subjektiver Wertungen ins vermeintlich Objektive sind. Unser Leben lässt sich immer mehr in Listen zusammenfassen, in Abstufungen und Aufwertungen ganz persönlicher Art – als seien wir alle ungefragt Kunden bei einer weltumspannenden, ewig präsenten, alles durchleuchtenden Rating-Agentur. Freiheit bestünde vor allem darin, die Macht dieser anonymen Fremdbeurteilungen zu brechen und das eigene Leben nach selbst verantworteten Kriterien zu leben.

Das Tun erscheint als Existenz

Vielleicht hat Friedrich Zemanek – Friede seiner Seele – diesen beiden weit verbreiteten Trugschlüssen einen tödlichen Tribut gezollt. Ihm, der offenbar wie viele Köche und Nichtköche bis zur Erschöpfung arbeitete, wurde die Arbeit schleichend zum Lebenssinn. Die Arbeit und damit das Tun, nicht das Sein, erschien als Instanz, die über Wert oder Unwert der eigenen Existenz entscheidet. Diese wurde beendet, als jene misslungen schien. Zweitens wurde die Fremdbeurteilung gerade als Zahlenorakel zum Götterspruch. In der Sprache der Worte liest sich der Gault Millau durchaus zahm: „Gegenüber früher“, heißt es, „schien er uns ziemlich geläutert, der Schnickschnack ist nun auf ein Minimum beschränkt. (…) Hoffentlich behält Zemanek seine Kreativität.“ Diese Hoffnung ist zerronnen. Das Basler Lokal eröffnet in dieser Woche unter neuer Küchenleitung wieder. Ergo lehrt uns der Suizid zu Basel dann vielleicht doch: Keine schlechte Losung ist es, in unseren Breitengraden und in diesem Zeitalter etwas weniger zu tun und etwas mehr zu sein. Und gar nie kann es schaden, Zahlen geradeso zu misstrauen wie jeder Sprache. Ohne Missverständnisse sind sie selten, mit Wahrheitsgarantie aber fast nie zu haben.

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