Lieben, was man tut

von Alexander Kissler23.08.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Auch in Madrid beim Weltjugendtag präsentierte der Papst sein Programm zur Überwindung der Angst: von den Chancen und Risiken der benediktinischen Wende.

Der Weltjugendtag ging friedlich und fromm zu Ende. Bis zu anderthalb Millionen junge Christen, vornehmlich Katholiken, beteten und feierten und lauschten in Madrid dem Papst. Dessen Angstüberwindungsprogramm, das benediktinische “Modul wider Mittelmaß und Gleichgültigkeit”:http://www.theeuropean.de/martin-mosebach/2685-die-liturgiereform-und-die-katholische-kirche, war auch in Spanien zu besichtigen. Woraus besteht es, wie soll es funktionieren, wo liegen die Risiken?

Wir denken in Nützlichkeitserwägungen

Am Beginn aller Problemlösung steht die Diagnose, der ungeschönte Blick auf die Welt, in der wir leben. Realismus ist der erste Schritt zur Besserung; dieser Zusammenhang gilt in fast allen Lebenslagen, ob wir uns den sozialen oder ökonomischen, den philosophischen oder emotionalen Malaisen zuwenden. Schon bei der Begrüßungszeremonie auf dem Flughafen charakterisierte Benedikt XVI. die Welt anno 2011 als gekennzeichnet von „Oberflächlichkeit, Konsumismus und Hedonismus“ und „großem Mangel an Solidarität und viel Korruption“. Später benannte er als deren Quelle eine „utilitaristische Logik“, die “sowohl auf dem Markt”:http://www.theeuropean.de/dirk-mueller/4545-spekulation-und-derivate als auch in der Bildung und erst recht in der Anthropologie faule Früchte hervorbringe. Wenn die Diagnose stimmt, dann beherrscht das Denken in Nützlichkeitserwägungen unser Sinnen und Trachten; dann ist es weitgehend common sense, dass unsere Entscheidungen uns vor allem nützen müssen; dass wir Produkte kaufen, die unserer Bequemlichkeit abhelfen, auch wenn sie unter “fragwürdigen Bedingungen hergestellt wurden”:http://www.theeuropean.de/sylke-schroeder/4681-wirtschaft-und-ethik; dass wir die Natur uns unterwerfen, auch wenn wir ihr besser gehorchten; dass wir dem Ich einen Altar errichten und keine anderen Götter neben ihm dulden.

Der Preis des Eigennutzes

Besonders eben die Bildung und der freie Markt folgen laut Benedikt XVI. diesem Muster. Es führe zu Ungerechtigkeiten en gros, zu gekappter Wissenschaft, gekaperter Bildung. Das nämlich sei der Preis fürs Regiment des Eigennutzes: die Abkehr von der Wahrheit als erkenntnisleitender Kategorie und der Abschied von der interesselosen Vernunft zugunsten der Anwendbarkeit allen Wissens. Jungen Universitätsprofessoren schrieb Benedikt ins Stammbuch: „Wenn nur die Nützlichkeit und der unmittelbare Pragmatismus zum Hauptkriterium erhoben werden, können die Verluste dramatisch sein – von den Missbräuchen einer Wissenschaft, die keine Grenzen über sich anerkennt, bis zum politischen Totalitarismus (…). Die echte Idee der Universität hingegen ist genau das, was uns vor dieser verkürzten und verzerrten Sichtweise des Menschlichen bewahrt.“ Wo aber, lautet dann die Frage, gibt es diese „echte Idee der Universität“, da doch fast überall das Anwendungsparadigma, die Verklappung des Wissens zu Informationshäppchen und eine unfrei machende Drittmitteleinwerbung dominieren? Und wo den echten Menschen, der in diese Mechanik sich begäbe, bereit zum Widerstand, um nicht der Seele verlustig zu gehen? Benedikt gibt sich keinen Illusionen hin: „Wir haben“, sagte er zu Madrid, „oft verhärtete Herzen.“ Bauprinzip auch des Menschlichen ist der sofortige Eigennutz geworden.

Shop til you drop taugt als Glücksmaxime nicht

Als Gegenmittel empfiehlt der Pontifex keine Strukturreform, sondern die Rückkehr zum ganzheitlichen Menschenbild, zur wahren Größe des Menschen. Die Jugendlichen sollten „Protagonisten“ werden – der in Madrid erstaunlich oft verwendete Ausdruck erinnert an Luigi Giussanis Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ –, „Protagonisten auf der Suche nach der Wahrheit und nach dem Guten“ und so eine „Kultur der Liebe und des Lebens“ aufbauen. Denn auch Erkenntnis sei eine Form der Liebe. Und der Mensch verkümmere ohne die Dimension des Liebens, des Glaubens, des Teilens. Shop til you drop taugt als Glücksmaxime nicht. Aufgemerkt also, ihr Experten, Politiker, Wirtschaftslenker, Wissenschaftler, Menschen weltweit: Liebt ihr, was ihr tut? Liebt ihr die, mit denen ihr zu tun habt? Nur dann können die utilitaristischen Verhärtungen sich lösen. Nur dann können Mittelmäßigkeit und Gleichgültigkeit, getrieben immer auch von der Angst vor einem unbeherrschbaren Morgen, schwinden. Sprach Benedikt XVI. zu Madrid und schloss: „Liebe Freunde, ich bete mit ganzem Herzen für euch. Ich bitte euch, auch für mich zu beten.“ War nicht von Risiken die Rede? Ja, es soll nicht verschwiegen werden: Das Risiko, den Appellen des Papstes eine lange Nase zu drehen, ehe man sich mit ihnen beschäftigt, geht auf jedes Narren eigene Kappe. Demnächst auch in Berlin, Erfurt und Freiburg.

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