Empört euch!

von Alexander Kissler16.08.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Noch die abscheulichste Tat stößt auf Verständnis, Gesetzesbrecher wollen verstanden werden: Plädoyer für die Rückkehr zur Vernunft und die Abkehr von der Verstehensrhetorik.

In “Steve Tesichs(Link)”:http://en.wikipedia.org/wiki/Steve_Tesich wunderbarem Roman „Abspann“ heißt es von der Hauptfigur: „Er verströmte Verständnis wie Mozart Musik.“ Gemeint ist die unbesiegbare Nachgiebigkeit des lausigen Familienvaters und Ehemanns Saul Karoo, eines „Script-Flickers“ in Hollywood, gegenüber den Eskapaden des Sohnemanns. Geboren ist dieses All-Einverständnis aus einer Portion schlechtem Gewissen und jeder Menge Ignoranz. Karoo muss Verständnis Tag und Nacht ausdünsten, hat es darin zur Meisterschaft gebracht, weil er nicht umzugehen weiß mit dem vernachlässigten Filius. Sein Verständnis ist eine Kapitulation.

Der Unterschied zwischen Verstehen und Erklären

Derzeit liefert jeder Tag einen Grund, an den in Vergessenheit geratenen Unterschied zwischen Verstehen und Erklären zu erinnern. Wir leben in einer Welt, in der das Verständnis für alles und jedes parallel anwächst zur Unlust, sich mit jedem und allem zu beschäftigen. Verständnis ist dann nicht Ergebnis eines Nachdenkens, sondern dessen Ersatz. Wer Verständnis reklamiert, gibt zu verstehen, dass er nicht länger mit dem Objekt seines Verstehens behelligt werden möchte. Verständnis ist oft das Ende, nicht der Anfang einer Debatte, ist das blecherne Ehrenmal auf froher Borniertheit. Der angesehene “„Telegraph“(Link)”:http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8687177/London-riots-live.html aus London ruft dazu auf, „die Menschen zu verstehen“, die brandschatzend, plündernd, mordend durch Englands Großstädte zogen. Eine aktuelle Umfrage zum Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren, entnehme ich der „Frankfurter Rundschau“, kam zum Ergebnis: Jeder dritte Berliner „äußerte mehr oder weniger Verständnis für den Mauerbau“. Und nicht lange suchen muss man in den Abgründen des Internets, um auf Stimmen zu stoßen, die die perverse Tat des “norwegischen Massenmörders(Link)”:http://www.theeuropean.de/heather-de-lisle/7482-anschlag-in-oslo geschieden wissen wollen von dessen „gar nicht mal so dummen“ Einsichten im vorbereitenden 1500-Seiten-Manifest. Zumindest für Breiviks Motive müsse man Verständnis haben. Nein, nein, nein. Britanniens marodierender Mob, zentriert um einen „Kern von Gangsterbanden mehrheitlich afro-karibischer Herkunft“ (so die „NZZ am Sonntag“), mag hie und da aus anderen Gründen handeln als aus reiner Freude an der Gewalt, am Zerstören, am Stehlen. Verstehen will ich die kriminelle Corona nicht; es reicht vollauf und ist schwierig genug, das Geschehen nachträglich zu erklären und die richtigen, befriedenden Schlüsse zu ziehen. Mit nichts weniger als mit dem Wunsch, ihn zu verstehen, ihm gar Verständnis entgegenzubringen, darf auch der mordende Freimaurer und selbst ernannte Kreuzzügler rechnen. Die Diktatoren aus Ost-Berlin wiederum verdienen für das “Einsperren einer ganzen Bevölkerung(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/7601-mauern alles andere als Verständnis. Wie wäre es mit Abscheu?

Nie jenseits der Menschheitsmoral

Verständnis für das Tun der anderen ehrt jeden Menschen. Verstehen ist ein edles Ansinnen. Häufig aber wird es in viel zu kleiner, in falscher Münze ausgeteilt. Echtes Verstehen kann nur gedeihen, wenn an das fremde Tun die Elle der allgemeinen Tugend gelegt wird. Nur innerhalb, nie außerhalb eines ethischen Grundkonsenses lässt sich Verständnis verdienen. Nur auf dem Boden, nie jenseits der Menschheitsmoral lassen sich Taten verstehen. Und darum sollte man alle Diktaturen, alle Morde, alle Verbrechen im öffentlichen Raum sachlich zu erklären suchen, aber nicht ungedeckte Verständnis-Schecks ausstellen. Vielleicht liegt die inflationäre (und letztlich unernste) Rede von Verständnis und Verstehen auch daran: am momentweisen Einverständnis noch mit der perfidesten Tat, weil jede abwägungslose Entrüstung auf unsere Alltagsmoral zurückfiele.

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