Der Gehorsam der Jesuiten

von Alexander Kissler19.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Jesuitenorden war einmal die verschworene Truppe des Papstes. Heute begreift er sich als Speerspitze des Kirchenumbaus. Ein Impulspapier spricht Klartext.

Im Theaterstück „Sieben Türen“ von Botho Strauß kann sich ein wohnungssuchender Großstadtbewohner nicht darüber beruhigen, dass es so etwas geben soll, „ein Haus im Haus“. Der damals neue architektonische Schrei war bis zu seinen Ohren nicht vorgedrungen. Immer wieder ruft der Mann ungläubig aus: „Ein Haus im Haus? Ein Haus im Haus?“ Das Wundern über diese besondere Konstruktion will uns 2011 nicht gelingen – solche Kostbarkeiten finden sich dutzendfach auf jeder Immobilienanzeigenseite. Auch der Deutschen liebstes Streitobjekt, die Kirche, hat sich zu einem Haus im Haus entwickelt. Da stehen die alten Fassaden und Ehrfurcht gebietende Dachfirste und sorgsam verzierte Fenstersimse noch, die auf eine stolze, traditionsbewusste Katholizität deuten. Im Innern aber wächst und wuchert ein anderes, ein neukatholisches, nationalkirchliches Glaubenshaus. Es hat nur den Namen mit der weltweiten katholischen Kirche gemein.

Den Dialogprofis kann die Auflösung der Kirche nicht schnell genug gehen

Jüngst in Mannheim wurde zum Auftakt eines vierjährigen „Dialogprozesses“ weniger dem Dialog (was innovativ gewesen wäre) als der Kirche (wie es üblich ist) der Prozess gemacht. Der Mehrheit der kirchensteuergepolsterten Dialogprofis kann es nicht schnell genug gehen mit einer Selbstauflösung der katholischen Kirche: Priestermacht in Laienhand, Frauen an den Altar, viel mehr Protestantismus, viel weniger Bibel und am liebsten gar keinen Papst. Das Mannheimer Treffen war ein Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Nationalkirche. Es könnte in die erste Kirchenspaltung münden, an deren Beginn nicht die Lust an der Häresie stand, sondern die ganz alltägliche Bildungskatastrophe: Dieses Schisma wäre Frucht einer umfassenden Unkenntnis von Schrift und Tradition, Geschichte und Dogma. Auf vielen Ebenen nehmen derzeit unter dem Motto „Schöner wohnen, leichter glauben“ die Abriss- und Umbauarbeiten ihren Lauf. Die Aufsicht liegt in den bewährten Händen der Jesuiten, die einstmals dem Kirchenoberhaupt besonders verpflichtet waren. Heute fordern sie, mit allen Konsequenzen, einen „Gehorsam (…) gegenüber der Wirklichkeit“. So steht es im Impulspapier, das der Provinzial der deutschen Jesuiten, Stefan Kiechle, am 31. Mai 2011 in Hamburg vorlegte, um die Generalvikare der deutschsprachigen Bistümer zu erbauen. Außerdem schreibt Jesuitenchef Kiechle unter der Überschrift „Wege aus der Krise – Wie kann unsre [sic!] Kirche ihre Glaubwürdigkeit wiedergewinnen?“: Das Kirchenrecht passe „in manchem nicht mehr auf die Wirklichkeit“. Die Kirche dürfe „keine naturrechtlichen Schnellschüsse“ produzieren, sondern müsse in den „Dialog mit den Wissenschaften“ treten und „den Menschen in den Mittelpunkt“ stellen. Dabei sei „dem Gewissen (zu) folgen“. Zuvor hatte auf derselben Generalvikarskonferenz die Leiterin des Osnabrücker Seelsorgeamts dargelegt, weshalb die „Frauenfrage“ ein „Zeichen der Zeit“ sei, bei dem es „die rechtlich möglichen Spielräume noch mehr (zu) nutzen“ gelte und warum eine „Haltung der freilassenden Freundschaft“ neue Glaubwürdigkeit verbürge.

Kirche nach dem Vorbild der Fünf-Minuten-Terrine

Auf Deutsch: Die Realität von 2011 soll das neue Lehramt sein. Alles, was der Fall ist hier und jetzt, welche individuelle oder sexuelle Spezialität auch immer, hat also wohl Anspruch darauf, von der Kirche nachexerziert zu werden. Der Hinweis auf die Überforderung des Naturrechts klingt wie ein Plädoyer für die Relativierung besonders des sechsten Gebotes. Denn sagen nicht „die Wissenschaften“ längst, dass es kein Gut und kein Böse gebe, kein Richtig und Falsch, nur die Anpassung und das Eigeninteresse, gerade im zwischenmenschlichen Bereich? Das Kirchenrecht muss sich ebenso vor den Richterstuhl der mitteleuropäischen Spätmoderne zerren lassen wie das „Gewissen“, das oft Chiffre ist für den Diktator in der eigenen Brust. Der Wirklichkeit gehorchen soll die neue deutsche Kirche. Die jeweiligen Tagesbefehle – mehr Klimaschutz bitte, mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Lebenspartnerschaftsgesetze etc. – soll sie demnach ausführen, subito. Freuen wir uns also auf eine jesuitisch gekappte Kirche nach dem Vorbild der Fünf-Minuten-Terrine. Sie liefert jeden gewünschten Geschmack, schnell und heiß. Sie sättigt nicht, fordert nicht, verlässt das Hier und Jetzt nicht um einen Nanometer. Das Haus im Haus hat kein Fundament.

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