Knut und wir

Alexander Kissler22.03.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Tod eines Berliner Eisbären rührt die Republik. Ist diese Trauer in Zeiten weltweiter Kriege und Katastrophen menschlich verständlich oder einfach nur abgeschmackt?

In Japan sterben die Menschen nach Reaktorkatastrophe und Erdbeben, fliehen sie, weinen sie, haben Hunger, Durst und Angst. In Libyen bombardiert ein Diktator seine Landsleute, in der arabischen Welt ist die Sehnsucht nach Demokratie lebensgefährlich, an das tägliche Morden in China, Nordkorea, Pakistan, Irak und Iran haben wir uns gewöhnt. “Die große Trauer”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/6024-der-tod-im-ticker aber, die Deutschland erfasst hat, gilt einem Eisbären. Im Berliner Zoo starb nun im wahrlich zarten Alter von vier Jahren Knut. Politiker kondolieren, die Weltpresse nimmt Notiz, die virtuelle Trauergemeinde wächst und wächst und wächst.

Virtueller Trauerflor

“Unangemessen und reichlich kitschig”:http://www.bild.de/BILD/news/2011/03/22/knut/tot-weil-zoo-chef-blaszkiewitz-zu-gierig.html kann man diese Gefühlsaufwallung nennen, die sich letztlich an einer Lappalie entzündet hat. Tiere werden geboren und sterben wie jede Kreatur. Nichts ist alltäglicher. Der geschundene Mensch sollte uns allemal mehr beschäftigen als das tote Tier. Das Gegenteil aber alles Alltäglichen war der bis zur Sterbesekunde öffentliche Lebenslauf von Eisbär Knut. Als er am 5. Dezember 2006 das Licht der Welt erblickte, war er nach 33 Jahren die erste Eisenbärengeburt zu Berlin. Das kleine weiße, knuddelige, tapsige Etwas rührte sofort an menschliche Beschützerinstinkte: so süß, so goldig! Ein Homo sapiens zog ihn groß, weil Mutter Tosca den niedlichen Knut verstoßen hatte – ausgerechnet ihn, welch himmelschreiende Grausamkeit. Der wortkarge Pfleger Thomas wurde zum Ersatzvater. Nach Tausenden zählte die gaffende Menge, Tag um Tag. Kameras strahlten bald heller als die Sonne. Knut war umstellt von schaugierigen Menschen. Als er größer wurde und weniger weiß, zog sich Thomas zurück. Eisbärin Gianna wurde ihm zugeführt, musste ihn aber bald verlassen. Thomas kam dann und wann vorbei und starb sehr früh: an plötzlichem Herztod im September 2008, erst 44-jährig. Knut hätte 30 Jahre alt werden können, doch tat nun schon seine letzten torkelnden Schritte, im Kreis, immer im Kreis, an einem Nachmittag, ehe er rücklings ins Wasser fiel, strampelte, schnaufte, zu Boden sank. Ein Kran hob ihn aus dem Becken. Hunderte Menschenaugen sahen zu.

Durch und durch menschlich

Die plötzliche Todesart verband noch einmal Mensch und Tier. Beiden ist es nicht gut bekommen, jenseits der eigenen Gattung und vor aller Augen aufeinander verwiesen gewesen zu sein. Knut starb in Gefangenschaft. Auch deshalb ist unsere Trauer von schlechtem Gewissen grundiert. Wüssten wir alle nichts von ihm, gäbe es den Eisbär vermutlich noch. Er wäre dann namenlos und unbekannt, aber wohl lebendig. Natürlich ist, “verglichen mit dem Leid Abertausender Menschen”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/6050-erdbeben-in-japan, der tierische Todesfall eine Petitesse. Beides aber zu betrauern, ist menschlich durch und durch. In der entfremdeten Kreatur scheint schließlich unser eigenes Schicksal auf, unser eigenes Heimweh, unser Umstelltsein von fremden Mächten und nicht zuletzt das Scheitern all unserer Versuche, ein künstliches Idyll herbeizwingen zu wollen. Der kalte Koloss hat mit seinen letzten Zügen die Scheinwerfer umgedreht. Sie sind nun auf uns gerichtet.

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