Quod erat demonstrandum

von Alexander Kissler23.02.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Offener Brief eines enttäuschten Sympathisanten an den Bundesverteidigungsminister

Sehr geehrter Freiherr zu Guttenberg, als Sympathisant von ehedem muss ich Ihnen kurz schreiben, was mich bewegt. Ich bin vor zweieinhalb Jahren spätnachmittags in die nahe gelegene Kreisstadt gefahren, um Sie reden zu hören. Die Stimmung im Festzelt war schon vor Ihrem Erscheinen euphorisch, die Luft stickig, das Bier fast kalt. Sie nahmen im Schwung die Stufen zur Tribüne, mit Schwung ergriffen Sie das Bierglas, wischten sich den Schweiß von der Stirn. Sie waren der personifizierte Schwung, die Kraft in Menschengestalt. Froh seien Sie, wieder festen bayerischen Boden unter den Füßen zu haben und keinen „Berliner Treibsand“. Das säuberlich vorbereitete Manuskript, fuhren Sie fort, ließen Sie heute in der Tasche. Sie wollten lieber mit dem Herzen reden.

Gezielte Kniffe statt freier Improvisation?

Das kam ungemein an: Herz zu Herz statt Politiker zu Publikum. Das kam auch in anderen Kreis- und kreisfreien Städten an. Dort wählten Sie, wie ich später im Fernsehen erfuhr, eine sehr ähnliche Einleitung. Nun ja, dachte ich mir, der geübte Redner verlässt sich eben auf erprobte Effekte. Soll man ihm böse sein, wenn er den Schein einmaliger Authentizität dem Risiko frei improvisierten Seins vorzieht? Heute frage ich mich, frage ich Sie: Gab es das fein säuberlich vorbereitete Manuskript überhaupt? Zählte dessen Erfindung zu Ihren rhetorischen Kniffen? Sie haben mittlerweile zugegeben, dass Ihre Dissertation „gravierende Fehler“ enthalte, „die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen“. Sie hätten „Blödsinn“ geschrieben und „teilweise den Überblick über die Quellen verloren“. Im Bundestag bekräftigten Sie am Mittwoch, Sie seien „so hochmütig“ gewesen, sich die „Quadratur des Kreises“ zuzutrauen, politische Karriere plus wissenschaftliche Exzellenz. Dieses parallele Arbeiten aber war dann „offensichtlich eine Überlastung“. Die „gravierenden Fehler“ seien Ihnen „unbewusst und ohne Täuschungsabsicht“ unterlaufen, einem „Menschen mit Fehlern und Schwächen“. Das Publikum goutiert solche Offenheit, die zugleich das Eingeständnis ist, mindestens zweimal geschwindelt zu haben: als Sie die Doktorarbeit schrieben und als Sie vergangene Woche die Vorwürfe zurückwiesen. Wie, frage ich mich weiter, mag sich angesichts von soviel Chuzpe Ihr Doktorvater fühlen, der Ihnen gleich nach Beginn der Plagiatsaffäre kühn, tollkühn beisprang? Haben Sie Emeritus Häberle, der Ihnen allzu rasch eine akademische Ehrenerklärung ausstellte, vor Ihrem „Blödsinn“-Geständnis gesprochen? Ahnen Sie, was es bedeuten mag, als leichtgläubiger Professor dazustehen, der sich vom Baron hinters Licht führen ließ? Peter Häberle ist ein Mann von 76 Jahren. Gewiss, in der Öffentlichkeit scheint der Zickzackkurs Ihnen nicht zu schaden. Die Leute mögen Sie, heißt es. Das Lädierte werde geliebt, das Schneidige auch. Sie sind ein politisches Großtalent, ganz zweifels- und fußnotenfrei.

Ressentiment gegen die Intelligenz

Die Liebe der Öffentlichkeit konnten Sie aber nur deshalb über Ihr eingestandenes Schwindeln und Tricksen hinweg retten, weil Sie von jenem antiintellektuellen Argwohn zehren, den Sie selbst bestätigen. Sie profitieren erheblich davon, dass die Mehrzahl der Bevölkerung nicht studiert hat, nicht promoviert wurde und gerne bereit ist, dem ganzen akademischen Gedöns mit Gleichgültigkeit, wenn nicht Schlimmerem zu begegnen. Was Paul Kirchhof, dem „Professor aus Heidelberg“, zum Verhängnis wurde, gereicht Ihnen, Herr zu Guttenberg, zum Vorteil: das tief sitzende Ressentiment gegen die Intelligenz, die doch eh eine korrupte, selbstverliebte Bande sei. Denen dürfe man eben nicht trauen, ein Schelm, wer es dennoch tut. Quod erat demonstrandum. Das Klischee von den unproduktiven, Worte klaubenden Geisteswissenschaften, das Zerrbild einer letztlich überflüssigen Liebhaberei ist es, das Sie vor der Demission bewahrt. Betrug und Diebstahl werden entschuldigt, weil sie sich in einem Metier zugetragen haben, dem man Betrug und Diebstahl meint zutrauen zu müssen. Vermutlich ganz anders verhielte sich die Sache, hätte sie sich in den Naturwissenschaften oder der freien Wirtschaft ereignet. Nein, lieber Herr zu Guttenberg, so leid es mir tut: Ihre Bierzeltreden werden Sie künftig ohne mich halten müssen. Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen alles Gute. Mit freundlichen Grüßen, Dr. Alexander Kissler

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