Die Kümmerer sind wieder da

von Alexander Kissler15.02.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Deutschlands erfolgreichste Krimireihe zeigt immer öfter antikapitalistische Sozialschmonzetten statt spannender Ganovenjagd: Zurück bitte auf Los, zurück zum Kerngeschäft!

Also sprach die Darstellerin einer Kommissarin: Man stecke beim Bremer „Tatort“-Team „ja gern den Finger in kritische Wunden“. Lassen wir dahingestellt, ob es auch unkritische, sozusagen wundlose Wunden gibt. Ebenso soll uns die Frage nicht interessieren, inwieweit das Betasten, Befingern einer Körperlücke zu deren Schließung beiträgt. Wohl aber ist das Bohren in gesellschaftlichen Schürfungen neuerdings wieder Hauptaufgabe der öffentlich-rechtlichen Chefermittler. Die Kümmerer sind zurück. Eine Zeit lang konnte es glücklich so scheinen, als hielten nur die Dinosaurier aus Köln, Max „Dackelblick“ Ballauf und Freddy „Dick-ist-chic“ Schenk, die Fahne der wohlmeinenden Sozialkritik noch hoch. Das zankende Paar genoss Narrenfreiheit, solange es sein ihm eigenes Metier beackerte. Mittlerweile aber will fast jeder „Tatort“, wo immer er sich zuträgt, eine Milieustudie sein, ein Sittenbild ganz schlimmer, prekärer Verhältnisse, die Personal wie Publikum ein betroffenes Seufzen entlocken: furchtbar, diese Armut, diese Gewalt, kein Wunder bei so wenig Bildung, so wenig Perspektive. Etc. pp.

Illegale im Plattenbau

Frau Postel also, Darstellerin der Bremer Beamtin Lürsen, durfte bei ihrem 22. Fall, „Stille Wasser“ betitelt, sich einquartieren unter Hempels Sofa. Sie fand dort die erwünschte, da erfundene kritische Wunde, das Elend einer Hartz-IV-Familie. Lürsen wohnte undercover im Bremer Plattenbau, den sie sich milieugemäß mit Wodka schön soff bzw. diesen Eindruck vermittelte. Sie rauchte und trug schäbig-schrille Klamotten. Mit Inga Lürsen verpuppte sich stellvertretend die gesamte „Tatort“-Corona in eine mitfühlende Bande hochbesorgter Bürger. Zuvor hatte Kollegin Lena „Fürs-Lachen-werde-ich-nicht-bezahlt“ Odenthal in Ludwigshafen das dortige Plattenbauquartier erkundet, das Bayreuther Viertel. Die Stuttgarter Ermittler mussten die „Welt der Illegalen“ durchstromern, weil eine Ukrainerin ihr Leben gelassen hatte. Und in Leipzig entlockte es dem bewegungsarmen Duo Keppler/Saalfeld Stirnfalte um Stirnfalte, als eine Sozialhilfe empfangende Alkoholikerfamilie zu Mord und Totschlag bereit schien. Deutschland kurz vor der totalen sozialen Implosion: so lautet die Arbeitsgrundlage fast sämtlicher „Tatort“-Kommissare. Es ist eine Binse, dass Verbrechen sich öfter an den Rändern denn in der Mitte der Gesellschaft ereignen, dass Armut Konflikte schaffen kann und Trägheit keinem guttut. Dem „Tatort“ bekommt es aber schlecht, dass er die Krimihandlung als Alibi nimmt für nur scheinbar kritische Ausflüge ins Prekariat. Statt selbiges präzise in den zu Ratgebersendungen abgewrackten Wirtschaftsmagazinen und leider unjournalistisch spiegelfechtenden Reportagen darzustellen, soll der Krimi das soziale Gewissen in uns allen rühren: Setzen, Thema verfehlt.

Kapitalismuskritik auf Klippschulniveau

Denn was ist die eine Moral aus den unzählbaren Pseudokrimis? Wer arm ist, trinkt gerne Schnaps, wer kein Geld hat, schlägt auch mal dem Gegenüber tüchtig ins Gesicht. Die „strukturelle Gewalt“, sagt uns das mit Dackelblick, ruft Kriminalität hervor. Keinem erinnerungstrunkenen Achtundsechziger ließe man eine solche Kapitalismuskritik auf Klippschulniveau durchgehen. Im „Tatort“ taugt sie als Weltformel. Darum, geschätzte Autoren, werte Akteure, kehrt bitte zurück zum Krimi, zum Whodunit, zur voltenreichen Recherche, und verlasst die canyonbreiten Pfade der Sozialschmonzette. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es ein Monat, ein „Tatort“-Monat nur, ohne traumatisierte Kinder, sozial gestörte Eltern, zugemüllte Wohnungen und depressive Polizisten. Das kann doch nicht so schwer sein.

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