Kardinal Lehmanns wilde Keilerei

von Alexander Kissler2.02.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Bischof von Mainz zieht einen römischen Amtsbruder in der Zölibatsdebatte böse an den Ohren: ein unwürdiges Spektakel.

Was deutsch und echt, wüsst keiner mehr: Diese Sorge treibt den Schuster Hans Sachs um, weshalb er in Richard Wagners „Meistersingern“ zur Rettung der „heil’gen deutschen Kunst“ aufruft. Die Pointe aus den „Meistersingern“ lautet, dass Geschmacksfragen eine hochpolitische Angelegenheit sind und man eine Nation am besten daran erkennt, welchen Stil sie bei Meinungsverschiedenheiten pflegt. Greift man zum Prügel oder zur Leier, wird man handgreiflich, stimmt man ein Lied an? Der Mainzer Bischof Karl Lehmann hat jetzt kurz vor dem Erreichen der Pensionsgrenze einen Kommentar zur CDU-Zölibatsdebatte geschrieben, der ein echtes deutsches Stück geworden ist, mit der „Deutschen Bischofskonferenz“ beginnt und in den Verweis auf den Stil „in unserem Land“ mündet. Was lehrt uns der Denkstil des Karl Lehmann?

Der deutsche Denkstil

Der hochdekorierte, hochgelehrte Verfasser tritt uns entgegen als ein Mann, der sich „immer bemüht“ und „auch immer gekämpft“ hat: worum und wofür? Um ein „offenes“ Nachdenken und einen „offenen und ehrlichen“ Umgang mit der Frage, ob es „neue Zugangswege zum Priestertum“ geben solle. Lektion eins besagt: Der scheidende Bischof von Mainz sieht sich selbst als ehrlichen Makler. Außerdem begegnet uns in Karl Lehmann eine Erscheinung der deutschen Geistesgeschichte. Er sei ein „Bischof, der lange in Deutschland wirkt“, und im Rahmen dieses Wirkens hat er den „Stil“, der „in unserem Land“ auch bei Differenzen zu wahren sei, schätzen gelernt. Lektion zwei lautet demnach: Karl Lehmann sieht sich als deutschen Stilisten. Drittens lobt Kardinal Lehmann jene „acht verdienstvollen CDU-Politiker“, darunter „drei hochverdiente Ministerpräsidenten“, die öffentlich für eine Weihe verheirateter Männer zu römisch-katholischen Priestern geworben haben. Der Kardinal lobt auch „die zweite Autorität in unserem Land“, den Bundestagspräsidenten, der den Einsatz wider den Zölibat forciert. Lektion drei: Bischof Lehmann begreift Autorität und Verdienst strikt politisch. Er bekundet der weltlichen Hierarchie Respekt und Treue. Das führt schnurstracks zur vierten Mainzer Einsicht. Karl Lehmann begrüßt „Dialogprozess“ und beklagt „Dialogunfähigkeit“ und erwartet sich auch die Lösung des „unerledigten Themas“ Zölibat von einer fortgesetzten „Diskussion“. Diese Lösung könne nämlich wie jede Lösung nur und unbedingt in einer „neuen Mitte“ bestehen, „ohne in faule Kompromisse abzudriften“. Lektion vier: Das Leben verläuft dialektisch, Wahrheit meint Synthese, der Diskurs bringt sie hervor. Fünftens schließlich muss deshalb auf diskursivem Weg aus selbigem geräumt werden, was unehrlich und undeutsch, stillos und undialektisch sei. Walter Brandmüller, Bruder im Kardinalskollegium, vereint offenbar diese vier zu überwindenden Attribute. Darum lässt Lehmann uns wissen: Er sei „zutiefst enttäuscht“, er schäme sich „wegen des Tons“. Brandmüller nämlich, wie es mit hörbar mokantem Unterton heißt, der „im November 2010 als Kardinal eingesetzte Professor“, hat den acht „verdienstvollen CDU-Politikern“, darunter der „zweiten Autorität in unserem Land“, vorgeworfen, durch die ewig gleiche Antizölibatslitanei eine apostolische Überlieferung zu ignorieren, die Gläubigen zu verwirren und den selbst ehelos lebenden Christus zu beleidigen. Für Lehmann hat sich der Römer Brandmüller, dem er das Prädikat „angesehener Historiker“ nur für seine Zeit an der Universität Augsburg zuerkennen mag, am deutschen Diskursstil vergangen. Brandmüller ermangelt es in Lehmanns Perspektive am nötigen Respekt für die Repräsentanten des deutschen Staates, an der nötigen Hochschätzung der Dialektik, an der nötigen Freude über das Mittlere.

Ein unwürdiges Spektakel

Das alles lehrt uns der Kommentar des Kardinals Lehmann aus Mainz. Wir erfahren nicht, weshalb der Zölibat nach lehramtlichen Aussagen, nach Konzilen und Synoden sonder Zahl, die ihn bekräftigt haben, ein „unerledigtes Thema“ sei; weshalb Staatstreue und deutsche Gesinnung nachgewiesen werden müssen, um vollgültig katholisch zu sein; weshalb theologische Wahrheit das Ergebnis dialektischer Güterabwägung sein soll. Wir erfahren nur: Kardinal Karl zieht, reichlich defensiv und arg verstimmt, Kardinalsbruder Walter öffentlich an den Ohren. Ein unwürdiges Spektakel.

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