Der selige Papst und der offene Himmel

Alexander Kissler18.01.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Benedikt XVI. will seinen Vorgänger im Mai seligsprechen: An dieser Nachricht biss sich die Presse die Zähne aus. Desinteresse und Bequemlichkeit sorgten für eine Bildungskatastrophe.

Überraschend kam die Nachricht nicht: Der 2005 verstorbene Papst Johannes Paul II. wird noch in diesem Jahr seliggesprochen. Am 1. Mai dürfte Rom aus allen Nähten platzen und polnische Metropole auf Zeit sein. Millionen werden die Pilger zählen. Obwohl Selig- und Heiligsprechungen keine säkularen Vorgänge sind, vielmehr innerkirchliche Selbstvergewisserung, mussten die weltlichen Medien das Ereignis natürlich melden, bewerten, einschätzen. Und sie zeigten – abermals ganz überraschungsfrei – nach Kräften, wie wenig Inhalt zurückbleibt bei der versuchten Übersetzung von Transzendenz ins Profane.

Das Eigentliche wurde wortreich verschwiegen

Eine polnische Zeitung hielt sich beim Alleräußerlichsten auf und bedachte das Datum mit einer kalendarischen Spekulation. Der 1. Mai sei “ein Ausdruck der Sorge um Menschen, die viel arbeiten“. Dieselbe Sorge habe Johannes Paul II. umgetrieben. Nur um Nuancen weiter von der Oberfläche entfernte sich jenes tschechische Blatt, das den ehemaligen Pontifex der “Kategorie große Persönlichkeit“ zurechnete und die “offizielle Würdigung“ durch die Kirche deshalb für unnötig erklärte. Er habe doch schon “seinen Platz in der Geschichte“. Hierzulande war die Ahnungslosigkeit kaum geringer. “Die FAZ erwärmte sich(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E04C2FEEAC39C45A7BBEEEAA719179E6E~ATpl~Ecommon~Scontent.html für eine “Heiligsprechung durch das Volk“ und die “Macht der bildmächtigen Erinnerung“. Auch so würde “eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts“ die Zeit überdauern. Die Aachener Zeitung, die offenbar dem dort residierenden Bischof in puncto Geschichtsferne nicht nachstehen will, fragte burschikos: “Wer nimmt zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine derartige Grundlegung von Seligsprechungen noch ernst?“ Gemeint war das neben dem “heroischen Tugendgrad“ obligatorische Wunder. So verbaue sich die Kirche “Chancen bei vielen Menschen, die Religion, Glauben und kirchlichem Engagement durchaus offen und positiv gegenüberstehen“. Die FR erklärt ebenso nonchalant, “für die Bewertung eines Mannes wie Johannes Paul II. spielt es die allergeringste Rolle, ob eine französische Nonne nun auf unerklärliche Weise von ihrer Parkinsonerkrankung genesen ist oder nicht“. Fünfmal wurde das Eigentliche wortreich verschwiegen – vermutlich gar nicht aus bösem Willen, sondern aus Routine und Ignoranz, Desinteresse und Bequemlichkeit. Wann immer die Kirche einen der ihren nach dem Tod für selig und später womöglich für heilig erklärt, mögen es Päpste sein wie Pius IX. oder Johannes XXIII., Philosophen wie Duns Scotus oder John Henry Newman, einfache Glaubenszeugen wie die Eheleute Luigi und Maria Beltrame Quattrocchi oder das mit 19 Jahren gestorbene Mädchen Chiara Badano, dann ist die Botschaft ganz einfach, ganz klar, ganz anstößig: Der Himmel steht offen.

Wer von diesem Kommunikationsgeschehen aber nie gehört hat, der sollte schweigen

Es ist für eine Seligsprechung unerheblich, ob eine “große Persönlichkeit“ ihren “Platz in der Geschichte“ schon gefunden hat; ihr Platz im Himmel ist entscheidend. Es ist belanglos, ob jemand im Volk und in der “bildmächtigen Erinnerung“ fortlebt; alles hängt am ewigen Leben in Gott. Es ist ohne Relevanz, ob Aachener oder Frankfurter Journalisten im bekräftigten Wunder ein attraktivitätsminderndes Hindernis auf dem Weg der Kirche in die Nachmoderne sehen; nur das Wunder zeigt an, was mit jeder Selig- und Heiligsprechung ausgesagt werden soll: Diese Welt ist nicht genug. Man kann nicht sinnvoll über Selige oder Heilige sprechen, ohne diesen Sprachgebrauch und diesen Hoffnungshorizont ernst zu nehmen. Man kann nicht im Jargon der Verlautbarungs- und Politpresse über Ereignisse sprechen, die nicht verlauten lassen, sondern verkünden wollen, nicht politisieren, sondern Hoffnung schenken wollen. Dass da eine Gemeinschaft lebe, die irdisch Tote und irdisch Lebende umfasst, dass keine Scheidewand sei zwischen denen, die waren, und denen, die sind, sondern ein vibrierender Austausch, der Ängste in Freuden und Gebete in Wunder verwandelt, dass also ein des Wunders unfähiger oder unwilliger Gott gar keiner wäre: Nur davon handelt die Seligsprechung. Niemand wird gezwungen, das zu glauben. Niemand muss das glauben. Wer von diesem Kommunikationsgeschehen aber nie gehört hat, der sollte schweigen, statt seinen Dünkel stolz durch die Arena zu führen.

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